Zeit 18.03.2026
18:54 Uhr

Walter Russell Mead: "KI wird noch disruptiver als die industrielle Revolution"


Das Silicon Valley verbündet sich mit Trump, um die KI-Revolution voranzutreiben, sagt der US-Historiker Walter Russel Mead. Wie gefährlich ist das, gerade für Europa?

Walter Russell Mead:
Der renommierte Historiker Walter Russell Mead ist vor allem bekannt als scharfer Analytiker der US-Außenpolitik und wie sie die Welt verändert. Er ist Professor für Strategie und Staatsführung an der University of Florida, arbeitet zudem am Hudson Institute , einem konservativen Thinktank in Washington, D. C., und schreibt als Kolumnist für das "Wall Street Journal" . DIE ZEIT: Herr Professor Mead, die industrielle Revolution hat fast alle Belange des Lebens verändert und dabei viel Chaos angerichtet. Ist die Informationsrevolution, in der wir uns heute befinden, vergleichbar? Walter Russell Mead: Ja, aber sie wird schneller voranschreiten, globaler sein und noch disruptiver. Dabei kann viel schiefgehen. Zu den Ergebnissen der industriellen Revolution gehören ja nicht nur die stabile Mittelschicht und die wohlhabende industrielle Demokratie, sondern auch Kommunismus, Faschismus, nationale Befreiungskriege, dazu allerlei soziale, politische und kulturelle Umwälzungen. Jetzt steuern wir wahrscheinlich auf einige dieser Dinge wieder zu – womöglich eben noch extremer. ZEIT: Warum noch extremer? Mead: Die industrielle Revolution hat eine Ansammlung aus multinationalen Staatsgebilden in einheitliche demokratische Nationalstaaten verwandelt, oft verbunden mit ethnischer Säuberung und Kriegen zwischen den Völkern. Jetzt stellt die Informationsrevolution die Bedeutung des Staats selbst infrage. Was bedeutet da zum Beispiel eine nationale Grenze? Wenn ein Kind bei uns am Computer Hausaufgaben macht, dann ist es in einem internationalen Raum unterwegs, in dem auch Nordkoreaner, Russen, Chinesen und wer weiß, wer noch agieren können. Oder Cyberhacking, das eine Infrastruktur stört oder ein Bankensystem lahmlegt – was bedeutet dann die staatliche Kontrolle über ein bestimmtes physisches Gebiet noch? Während die industrielle Revolution also die Form vieler Staaten veränderte, ihre strukturelle und ideologische Grundlage, könnte die KI-Revolution die Idee des Staats selbst infrage stellen. ZEIT: War denn alles zwangsläufig, was seit der industriellen Revolution geschah, oder wie viel Gestaltungsfreiheit hat der Mensch unabhängig von der jeweiligen Technologie? Mead: Menschen tun, was sie tun, auch als Reaktion auf die Fähigkeiten und Grenzen einer neuen Technologie. In einem solchen Umbruch entstehen Notwendigkeiten. Denken Sie an Japan in den 1850er-Jahren, als die USA mit Kriegsschiffen kamen, um die Öffnung des Inselstaats zu erzwingen. Die Japaner betrachteten die neue westliche Technologie und sagten: Wenn wir die nicht meistern, haben wir kein Mitspracherecht in Bezug auf unsere Zukunft. Also durchliefen sie gewaltige soziale, politische und kulturelle Umwälzungen und bewahrten am Ende ihr Land. Sie hatten die Freiheit, aber sie empfanden auch eine starke Notwendigkeit. ZEIT: Der Einfluss der künstlichen Intelligenz (KI) ist heute zentral. Ebenso die Frage, welche neuen Koalitionen um die KI herum entstehen. Sie haben Ende Januar in einem Artikel für den Atlantic die überraschende Koalition zwischen den Silicon-Valley-Unternehmern und der Regierung von US-Präsident Donald Trump beschrieben . Worum geht es dabei? Mead: In der Geschichte amerikanischer Außenpolitik gibt es verschiedene Denkschulen. Die hamiltonianische etwa sagt: Lasst uns einen starken Nationalstaat aufbauen, der mit großartigen Konzernen zusammenarbeitet, um das Land wohlhabend und reich zu machen, sodass wir auch ein starkes Verteidigungssystem finanzieren können. Die Techunternehmer des Silicon Valley denken auf klassisch hamiltonianische Weise. Eine weitere Richtung ist der Jacksonianismus, ein aggressiver populistischer Nationalismus, der sich nicht groß um das Ausland kümmert. Aber wenn er sich bedroht fühlt, reagiert er wahllos und mit überwältigender Kraft. Vieles in der Make-America-Great-Again -Bewegung ist jacksonianischer Populismus. ZEIT: Die Traditionen des Gründervaters Alexander Hamilton und des siebten US-Präsidenten Andrew Jackson kommen damit zusammen. Aber warum interessiert sich das Silicon Valley überhaupt für solche Überlegungen? Mead: Die megareichen Unternehmer dort haben sich gefragt: Worin liegt heute eine Bedrohung für uns Amerikaner? Die Antwort lautet: in Chinas Potenzial, ein eigenes globales System für KI und verwandte Technologien zu schaffen. Und weiter: Xi Jinping kann die Chinesen relativ leicht dazu bringen, ihre Gesellschaft so zu verändern, dass sie zur Entwicklung dieser neuen Technologien passt. In Amerika dagegen muss man politische Zustimmung für eine solch disruptive Veränderungsagenda finden. Bei Donald Trump haben die Unternehmer das Potenzial dafür gesehen und ihn anders als 2016 oder 2020 ab 2024 unterstützt. Und sie haben erkannt, dass es möglich ist, dabei auch der Maga-Bewegung entgegenzukommen, die weit weg ist von Freihandel und freier Marktwirtschaft.