Zeit 26.05.2026
18:54 Uhr

Tabakkonsum: Schmeckt nach Coca-Cola, Strawberry-Kiwi oder Salted Caramel


Erstmals seit 20 Jahren rauchen wieder deutlich mehr Minderjährige. Das Marketing der Tabakindustrie scheint zu funktionieren. Fachleute wüssten, was zu tun wäre.

Tabakkonsum: Schmeckt nach Coca-Cola, Strawberry-Kiwi oder Salted Caramel
Es ist weit mehr als eine statistische Unschärfe oder eine vorübergehende Schwankung: Laut der neuen Drogenaffinitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit sagen 2025 fast jeder und jede Zehnte der 12- bis 17-Jährigen über sich selbst, sie seien Raucherin oder Gelegenheitsraucher: 9,3 Prozent der Mädchen und 9,7 Prozent der Jungen. Insgesamt sind das 57 Prozent mehr als noch 2021. Man kann diese Zahlen auf zwei Arten lesen. Die positive Lesart: Seit 1997, als insgesamt 28 Prozent der Kinder und Jugendlichen rauchten, sank die Zahl der rauchenden Minderjährigen fast kontinuierlich. Wir sind also, im Vergleich mit damals, immer noch gut und heute wieder auf dem Stand von 2015. Man kann es aber auch so sehen: Der jetzige Anstieg ist die erste klare Trendumkehr seit fast 20 Jahren. Dass der Nachwuchs wieder mehr Zigaretten raucht, fällt dabei zusammen mit einem ebenfalls beispiellosen Anstieg bei anderen Produkten, die meistens Nikotin enthalten und Jugendliche deshalb abhängig machen können: E-Zigaretten, also Vapes. Auch diese enthalten krebserregende Stoffe. Im Vergleich zu 2021 ziehen mit 6,7 Prozent der männlichen Jugendlichen mehr als doppelt so viele wie 2025 mindestens einmal im Monat an einer Mehrweg E-Zigarette. Bei weiblichen Jugendlichen sind es mit 7,8 Prozent gar mehr als dreimal so viele. Bei den 18- bis 25-Jährigen ist dieser starke Trend zumindest in Teilen zu sehen: Zwar blieben die Raucherquoten gleich, Einweg-E-Zigaretten sind sogar etwas unbeliebter geworden. Doch auch in dieser Altersklasse geben mehr als doppelt so viel Frauen wie noch 2023 an, Mehrweg-E-Zigaretten zu rauchen. Auch in der Vergangenheit gab es immer mal wieder Jahre, in denen Jugendliche und junge Erwachsene etwas mehr vapten als im Vorjahr. Im Folgejahr sanken die Quoten jedoch wieder. Aber so viele wie derzeit griffen noch nie zu Vapes. Schließlich gibt es noch die zwar verbotenen, aber dennoch im Netz leicht erhältlichen Tabakbeutel, die man sich in den Mund stopft. Auch deren Konsum ist angestiegen. Was also ist da los? Ist die Zeit, in der Zigaretten cool waren, nicht längst vorbei? Sinken nicht überall auf der Welt die Raucherquoten, weil Regierungen konzentriert gegen den Qualm vorgehen? Wie kommt es also, dass die Jugend in Deutschland wieder mehr raucht? Junge Frauen holen auf und überholen Männer beim Vapen Leider haben die Forscher die Jugendlichen in der aktuellen Studie nicht nach den Gründen gefragt, warum sie rauchen. Den Motiven kann man sich aber dennoch annähern. In Europa ist etwa schon lange zu beobachten, dass mehr junge Frauen vapen als junge Männer. Nun ist das bei den 12- bis 17-Jährigen hierzulande auch so. Deutschland macht also eine Entwicklung durch, die auch andernorts zu beobachten ist. Als die Drogenagentur der Europäischen Union Euda 2024 fast 114.000 Schülerinnen und Schüler in 37 Ländern im Alter von 15 und 16 Jahren fragte , wer schon mal eine E-Zigarette ausprobiert hat, antworteten 46 Prozent der Mädchen mit Ja und 41 Prozent der Jungen. In Großbritannien verdreifachte sich 2022 binnen kürzester Zeit die Zahl der jungen Frauen, die E-Zigaretten konsumieren. Und Frankreich verzeichnete das Phänomen bei Oberstufenschülerinnen . Auch in Bezug auf E-Zigaretten schreibt die Euda: »Die seit Langem bestehenden geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Substanzkonsum scheinen sich zu verringern oder sich sogar umzukehren.« Eine ganze Industrie setzt auf Nikotinsucht Für Daniel Kotz, Leiter des Forschungsschwerpunkts Suchtforschung am Universitätsklinikums Düsseldorf, ist das größte Problem, dass es eine immer größere, buntere Palette an nikotinhaltigen Produkten gibt – mittlerweile sogar Zahnstocher –, die vermeintlich als harmlos gilt und vermarktet wird. E-Zigaretten schmecken nach Coca-Cola, Strawberry-Kiwi oder Salted Caramel – alles Sorten, die der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) auf der Pressekonferenz des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit nannte. Klingt ungefährlich, auch stinkt man nicht nach dem Dampfen. Und die Produkte lassen sich super vor den Eltern verstecken, sagt Kotz. E-Zigaretten gibt es zwar auch ohne Nikotin. Doch nach den neuen Zahlen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit konsumieren 90 Prozent der Jugendlichen nikotinhaltige Liquids. Das sind die Flüssigkeiten, die in den Geräten verdampft werden. »Man nimmt also etwas scheinbar harmloses und wird vom Nikotin angefixt. Das Gehirn wird stimuliert, man hat ein Rauschgefühl und will mehr, ziemlich schnell«, sagt Kotz. Auch Hendrick Streeck sagte auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Zahlen: Jugendliche würden an einen hochgradig süchtig machenden Stoff herangeführt. »Es ist bunt, es ist poppig, es wird über soziale Netzwerke vertrieben und steht mittlerweile auch neben Gummibärchen in Süßigkeitenautomaten.« All das erleichtere den Einstieg ins Rauchen. Internationale Studien stützen das: Jugendliche, die E-Zigaretten konsumieren, haben ein dreimal so hohes Risiko, später auch Zigaretten zu rauchen, schreibt die Weltgesundheitsorganisation. Das heißt aber nicht zwingend, dass Vapen auch Rauchen verursacht. Theoretisch könnten besonders suchtgefährdete Jugendliche auch einfach zu beidem greifen. Die Hauptautorin der Studie hinter der WHO-Aussage sieht das anders: Selbst wenn man Drogenaffinität, soziales Umfeld der Jugendlichen und viele andere Faktoren berücksichtige, bleibe eine Kausalität, schreibt Emily Banks, Leiterin des Zentrums für Epidemiologie in Politik und Praxis an der Australian National University in Canberra, der ZEIT. Vapen führt demnach zum Rauchen. »Jede einzelne Kohortenstudie, die wir in unserer Übersicht untersucht haben, ergab ein erhöhtes Risiko – und zwar in vielen Ländern und Kontexten«, sagt Banks, die insgesamt 25 Studien ausgewertet hat. Fachleute wissen, was zu tun wäre Es gibt eine ganze Reihe an Empfehlungen, was Deutschland tun könnte, um die im internationalen Vergleich immer noch hohen Raucherquoten zu senken. »Was in Deutschland fehlt, ist ein Gesamtkonzept, eine langfristige Strategie«, sagt Kotz. Er nennt als aktuelles Beispiel: Die Tabaksteuer wird erhöht, was nachweislich eine der besten Methoden ist, um den Tabakkonsum zu drosseln. Aber nur, weil der Bundeshaushalt Geld braucht, nicht als Teil einer langfristigen Strategie, die zum Beispiel einen allmählichen, geplanten und absehbaren, weiteren Anstieg beinhalten könnte. Unter Fachleuten gibt es solche Pläne durchaus schon. Weil in Deutschland jedes Jahr 130.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Rauchens sterben, hat das Deutsche Krebsforschungszentrum bereits 2021 einen Plan aufgestellt, wie das Land bis 2040 tabakfrei werden könnte , unterstützt von zahlreichen Fachgesellschaften. Der Plan beinhaltet unter anderem, Werbung für Tabak und ähnliche Produkte vollständig zu verbieten und nur noch Einheitsverpackung zuzulassen, statt quietschbunter Bilder auf Vapes. Die deutsche Bundesregierung aber scheitert schon daran, Aromen für E-Zigaretten zu verbieten, die offensichtlich für Jugendliche gemacht sind – wer sonst würde Cola-Geschmack kaufen? Derzeit sollen lediglich 13 Aromen verboten werden , die nach neuen Erkenntnissen gesundheitsschädlich sind, darunter Menthol. Warum nicht mehr Aromen, die Jugendliche ansprechen, verbieten? »In meinen Augen sollte alles verboten werden, außer Tabakgeschmack«, sagte Hendrik Streeck auf diese Frage hin auf der Pressekonferenz. »Es geht hier auch immer ein wenig darum, wie man politische Mehrheiten findet, wie man auch bestimmte Dinge durchsetzen kann«, sagte Streeck. Offenbar fehlt für weitere Maßnahmen also die politische Unterstützung.