Zeit 27.09.2026
16:51 Uhr

Reformen: Menschen sind keine Kostenstelle


In der Reformdebatte wird der Mensch oft nur als Kostenfaktor behandelt. Die Regierung sollte ihren Blick weiten. Denn diese Logik ist auch im Hinblick auf KI gefährlich.

Reformen: Menschen sind keine Kostenstelle
Die Rente ist zu teuer. Die Gesundheit ist zu teuer. Die Pflege ist zu teuer. Die Arbeitskosten sind zu teuer. Nach diesem Fokus richtet die Bundesregierung ihre aktuellen Reformen aus und kommuniziert Entscheidungen, die manche zu groß und andere zu klein finden. Natürlich sind das reale Probleme. Natürlich ist es gut, dass sich die Regierung intensiv mit Zahlen, Daten und Statistiken beschäftigt. Dass sie Entscheidungen trifft, basierend darauf, was mit dem aktuellen Haushalt möglich ist und künftig finanzierbar sein wird. Doch momentan stehen die Finanzierungsfragen so sehr im Mittelpunkt ihrer Reden und Erklärungen, dass bei Menschen der Eindruck entstehen kann, sie seien zu teuer geworden. Und das ist ein Problem. Wer möchte schon so gesehen werden? Bundeskanzler Friedrich Merz hat mehrfach gesagt, dass der deutsche Sozialstaat nicht mehr zu finanzieren sei. Hinter diesem abstrakten Begriff stehen aber konkrete Menschen, die krank werden, Pflege brauchen, Rente beziehen oder ihre Arbeit verlieren. Die Chefin des Unionswirtschaftsflügels, Gitta Connemann, sagte im aktuellen ZEIT-Streitgespräch dazu, ob eine Reformpause nötig ist: »Es ist doch allgemein bekannt, dass zum Beispiel bei der gesetzlichen Rentenversicherung die Kosten aus dem Ruder laufen, weil die Gesellschaft rapide altert.« Sachlich beschreibt Connemann einen Fakt. Bei älteren Menschen kann dennoch ankommen: Ihr seid eine Last. Den Alltag kennen, ein Wofür nennen Die Forschung zur sozialen Identität beschreibt, wie sich Menschen in einer Gesellschaft stattdessen erleben wollen: als wertvolle, nicht als überflüssige Mitglieder. Sie wollen gesehen und respektiert werden. Dieses Gefühl können sie verlieren, wenn sie zu sehr auf ihre Kosten für den Staat reduziert werden. Wenn zu oft über Arbeitskräftepotenziale und Beitragszahler gesprochen wird. Denn mit dieser stark ausgeprägten volkswirtschaftlichen Perspektive wird auch jede soziale Errungenschaft zum Problem: Löhne genauso wie Renten, Krankengeld genauso wie Therapien. Der ehemalige CDU-Generalsekretär Mario Czaja hat es in dieser Woche so ausgedrückt: Bundeskanzler Friedrich Merz würde » emotionale Intelligenz « fehlen. Wie aber könnte mehr emotionale Intelligenz aussehen? Die Regierung würde Reformen nicht zuerst als Rechenaufgabe erklären. Sie würde besser wissen, wie der Alltag der Menschen wirklich aussieht, Sorgen über viel zu hohe Mietpreise wirklich ernst nehmen (was nun die Berlinwahl mitentschieden hat ) und mehr Sicherheit vermitteln. Trotz Veränderungen. Trotz Kürzungen. Danach erst würde sie erklären, welche finanziellen Grenzen bestehen und was für Entscheidungen nötig sind. Und wofür! Die Regierung sollte auch deswegen ihren Fokus weiten, weil Anwendungen mit künstlicher Intelligenz die Kostenlogik weiter verstärken können. Viele Unternehmen erhoffen sich von der Technologie mehr Effizienz und Produktivität. Ein großer Teil geht davon aus, durch KI Löhne senken zu können . Jedes vierte Unternehmen glaubt, dass Stellen abgebaut werden . Auch OpenAI-Chef Sam Altman sagte im ZEIT-Interview , »dass es zu echten Umbrüchen auf dem Arbeitsmarkt kommen wird«. Kann diese Arbeit nicht eine KI übernehmen? Geht es mit ihr nicht schneller und günstiger? Wie viele Angestellte braucht das Unternehmen dann eigentlich noch? So wird die Kostenargumentation für viele Menschen immer existenzieller. Und auch wenn in anderen Abteilungen, anderen Betrieben oder Branchen neue Stellen geschaffen werden sollen , bringt das niemandem etwas, der gerade seinen Job verliert. Anders gefragt: Was wollen wir bewahren? Natürlich sollte die Regierung die Haushaltsdefizite nicht schönreden und nicht ignorieren. Aber sie darf die Kosten nicht zum einzigen Maßstab machen. Bevor in den nächsten Wochen also die Reformen weiter diskutiert, blockiert und geändert werden, wäre es sinnvoll, einmal grundsätzlicher zu fragen: Wie schauen wir gerade eigentlich auf die Menschen, für die wir Gesetze machen? Wie sprechen wir sie an? Dabei geht es nicht nur um einen anderen, weniger technokratischen Ton, sondern auch um eine andere Haltung. Derzeit lauten die Fragen in der Reformdebatte oft: Was kostet zu viel? Was können wir streichen? Ein alternativer Blick wäre: Was wollen wir uns unbedingt noch leisten? Was können wir trotz der Veränderungen bewahren? Was wäre ein Fortschritt, zwischen all den Verlusten? Nicht nur rhetorisch, sondern auch psychologisch wäre das ein anderer Ansatz. Denn er macht den Menschen größer als die Ausgaben für ihn.