Zeit 20.03.2026
15:50 Uhr

"La Grazia": Wenn der Präsident grübelt und der Papst Vespa fährt


Regisseur Paolo Sorrentino hat einen poetischen Film gedreht, der wirklich wie erfunden wirkt: Darin ringt ein vernünftiger Politiker ernsthaft mit moralischen Fragen.


Gebt uns unser Geld zurück ist auf dem Filmfest Venedig eine Institution: eine Wandzeitung mit den lustigsten Verrissen, der beste gewinnt einen hölzernen Pokal. Der letzte Gewinner schrieb: "Bei dem Film La Grazia (Sorrentino) handelt es sich eindeutig um einen Fantasy-Film. Denn er beinhaltet: kompetente Politiker, ein Sterbehilfegesetz, einen schwarzen Papst, ein sauberes Rom und den Rapper Gué, der wieder vernünftige Lieder macht." Und ja, wenn wir sehen, dass die Geschicke eines großen Teils der Welt in diesem Augenblick in den Händen eines von Zerstörungswut getriebenen Politikers liegen, der über den Wortschatz und gedanklichen Horizont eines Fünfjährigen verfügt, ist La Grazia tatsächlich ein Wunschbild: ein Film, der von einem Politiker handelt, der erkennt, in einem moralischen Dilemma zu stecken, und der tatsächlich mit sich ringt. Paolo Sorrentino eröffnete mit seinem Film letztes Jahr das venezianische Filmfestival: grazia heißt so viel wie "Anmut", "Würde" oder "Gnade" und handelt von einem – fiktiven – italienischen Staatspräsidenten, der am Ende seiner Amtszeit über ein Sterbehilfegesetz und zwei grenzwertige Gnadengesuche zu entscheiden hat: Eine Frau hat ihren Mann im Schlaf erstochen und behauptet, lediglich Sterbehilfe geleistet zu haben. Ein Mann hat seine an Alzheimer leidende Frau erwürgt, um sie angeblich von ihrem Leid zu erlösen. Der Präsident ist Witwer und lebt im Quirinalspalast mit seiner Tochter Dorotea (Anna Ferzetti), die ebenfalls Juristin ist und nicht nur darüber wacht, ob ihr Vater wieder heimlich raucht (er hat nur noch einen Lungenflügel), zu viel isst (sie hat ihm eine Diät aus Quinoa und gedünstetem Fisch verordnet), sondern ihm auch Mutlosigkeit vorwirft: "Du mischst dich nie ein, so hast du die sechs Regierungskrisen überstanden – seit drei Monaten arbeiten wir an dem Sterbehilfegesetz. Aber du wirst nicht unterschreiben, weil du keinen Mut hast." Er jedoch sieht sich in einem Dilemma: "Unterschreibe ich nicht, bin ich ein Folterer, unterschreibe ich, bin ich ein Mörder. Das ist der Punkt." "Es gibt nur eine Frage", erwidert sie: "Wem gehören unsere Tage?" Und genau das ist die philosophische Dimension dieses Films. Gedreht mit der für ihn charakteristischen Traumverlorenheit, spielt Sorrentinos Lieblingsschauspieler Toni Servillo den "Betonkopf" genannten Staatspräsidenten Mariano De Santis mit jenem Minimalismus, der für die Unnachgiebigkeit eines Juristen steht, und der uns gleichzeitig durch die Risse seiner gepanzerten Fassade auf einen großen Menschenfreund blicken lässt. Es ist ein Film voller typischer Sorrentino-Brechungen: Der Präsident liebt klassische Musik und hört heimlich Rap, er vergöttert seine verstorbene Frau Aurora und kann ihr dennoch nicht verzeihen, ihn vor vierzig Jahren – möglicherweise – mit dem gemeinsamen Schulfreund und späteren Justizminister betrogen zu haben. Allein für den Seitenblick, mit dem der Präsident den Justizminister bedenkt, hat Servillo den Darstellerpreis verdient, mit dem ihn das venezianische Filmfest ausgezeichnet hat. Der Papst kurvt auf einer schweren Vespa durch die Vatikanischen Gärten und schärft dem Präsidenten ein, das "Gesetz des Todes" nicht zu unterzeichnen: "Es ist nicht unsere Aufgabe, Antworten zu geben." Und ein (echter) Rapper wird vom Staatspräsidenten mit einem Orden ausgezeichnet, wobei die Trippelschritte des livrierten Dieners an die höfische Zeremonie eines Sonnenkönigs erinnern, bis das Licht auf die funkelnden Goldzähne des Rappers fällt. Tatsächlich ist der italienische Staatspräsident mehr als ein Zeremonienmeister, der Bänder durchschneidet: Er ist Vorsitzender des Obersten Richterrats, kann Minister ablehnen und sich weigern, Gesetzesentwürfe zu unterzeichnen. Aber im katholischen Italien gab es noch nie einen Gesetzesentwurf zur Sterbehilfe, den ein Staatspräsident hätte ablehnen können. Im Gegenteil. Marco Bellocchio drehte 2012 den Film Bella addormentata ( Schlafende Schönheit ) über den Fall Eluana Englaro, der jungen Frau, die siebzehn Jahre lang im Wachkoma lag, bis ihr Vater vor Gericht die Sterbehilfe erstritt – die Silvio Berlusconi per Dekret zu verhindern versuchte, und der damalige Staatspräsident ihm dafür seine Unterschrift verweigerte. Obwohl Sorrentinos Präsident viele Parallelen zu dem amtierenden italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella aufzeigt, der ebenfalls steif und ebenfalls Witwer ist, und der ebenfalls mit seiner Tochter im Quirinalspalast lebt, ist La Grazia kein Biopic wie Sorrentinos Il Divo (über Giulio Andreotti) oder Loro (über Silvio Berlusconi) : La Grazia ist ein poetischer Film über die Standhaftigkeit unter widrigen Umständen – nach der wir uns besonders heute so sehr sehnen.