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17.03.2026
10:12 Uhr
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Trotz der Internetsperre dringt unsere Autorin zu Menschen im Iran durch. Sie erzählen, wie sie sich auf das Ende des Krieges vorbereiten und wo die wahre Front verläuft.

Das kleine Wunder besteht aus fünf Zeilen. Die SMS hat es auf die andere Seite der Welt geschafft, auf sein Handy, auf dessen Bildschirm er nun die Worte seiner Schwester, die im Krieg lebt, liest: "Mein Lieber, mein Herz ist wegen des Krieges sehr bedrückt. Obwohl ich schon Beruhigungsmittel nehme. Gott sei Dank habe ich Maryam hier, sonst würde ich vor Einsamkeit zugrunde gehen. Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft. Wenn ich dir schreibe, werde ich etwas ruhiger. Auch wenn ich weiß, dass du nicht antworten kannst. Ich küsse dich." Der Bruder tippt umgehend eine Antwort: "Wir denken immer an euch. Nicht nur wir, auch Deine Familie und alle unsere Freunde." Die Freunde, die in Deutschland an seine Schwester denken, zählt er namentlich auf. Er drückt auf Senden, aber er wird seine Schwester mit dieser Nachricht am 10. Kriegstag nicht erreichen. Auch nicht per WhatsApp oder Telegram. Es ist nicht einfach, in diesen Tagen mit Menschen im Iran in Kontakt zu treten. Ich probiere es trotzdem, auch wenn die Stimmen, die ich höre, nur einen kleinen Ausschnitt dessen wiedergeben können, was derzeit im Iran geschieht. Die Kriegsnachrichten werden täglich mehr. Nachrichten wie diese aus einem kurzen Telefonat: "Sie haben das Haus vom Onkel meiner Freundin in Isfahan getroffen. Die Bomben haben es völlig zerstört. Sie waren erst zwei Jahre verheiratet. Alle Sachen waren neu." Der direkte Kontakt ist wichtig, denn staatliche Propaganda, Gerüchte und mediale Eingriffe aus dem Ausland verunsichern die Menschen im Iran ebenso wie hier. Ich versuche, Antworten zu finden, wie es den Menschen im Iran geht, so nah dran wie es möglich ist. Im Dunkeln Seit Beginn des Krieges blockiert die Regierung des Iran das Internet oder schränkt den Zugang deutlich ein. Es ist, als hätte das Regime das Licht im Land ausgeschaltet. Die Regierung will bestimmen, was man sehen kann und was nicht. Mit dem Handy sind nur noch Inlandsgespräche möglich. Wer aus dem Iran jemanden im Ausland erreichen möchte, muss zum Festnetz greifen. Es kostet ein Vermögen. Manchmal funktionieren teure VPN-Tunnel, die eine verschlüsselte Verbindung zwischen dem Endgerät und einem VPN-Server im Netz ermöglichen. Doch wer einen solchen Tunnel nutzt, lebt gefährlich: Die Regimekräfte kontrollieren Autos, lassen sich die Handys der Mitfahrenden zeigen und durchsuchen sie. Finden sie eine VPN-App, obliegt es der Willkür der Bewaffneten, was sie mit ihrer Beute machen. Während ich für diesen Text recherchiere, gelingt es mir, für ein paar Minuten über einen solchen VPN-Tunnel mit einer jungen Frau in einer iranischen Kleinstadt zu sprechen. Sie arbeitet – wie viele junge Menschen im Iran – remote für eine Firma im Ausland. Seit dem Internetshutdown kann sie kein Geld mehr verdienen. Sie erzählt, dass die meisten Menschen in ihrem Umfeld derzeit zu Hause bleiben, denn dort sei es sicherer als auf den Straßen, auf denen Regimekräfte mit ihren Geländewagen oder Motorrädern auf und ab fahren, Zivilisten kontrollierten oder gar auf sie zielen und sie verschwinden lassen würden. Die meisten verdienen daher gerade kein Geld. Aber das ist nur ein Effekt, den die Regierung mit dem Shutdown erreicht. "Wir befinden uns in einer absoluten Nachrichtensperre", schreibt mir die junge Frau. "Wir wissen nicht, welche Nachrichten überhaupt stimmen." In iranischen Netzwerken und auf iranischen Webseiten hieße es etwa jeden Tag, dass Netanjahu getötet worden sei. "(LOL)", fügt sie hinzu und erzählt weiter: "Beim Sender Iran International sagen sie, dass der Iran bereits befreit worden sei. Sie sagen, die Menschen hätten gesiegt." Sie beantwortet jede Frage sofort, denn die Verbindung kann jede Sekunde wieder unterbrochen werden. "Die meisten Banken sind geschlossen und online funktionieren sie auch nicht. Die Schulen sind zu. Die Supermärkte haben auf. Aber alles ist sehr, sehr, sehr teuer geworden." Ohne Pause erzählt sie weiter: "Wir sind ständig müde. Wir haben Angst, dass der Krieg endet und wir alleine zurückbleiben – und dass die Islamische Republik dann noch brutaler wird." Ein solches Leben scheint für sie und für viele undenkbar. Sie wollen es sich nicht vorstellen. "Wir haben mit unseren Freunden vereinbart, dass wir uns umbringen, wenn der Krieg endet und sich nichts ändert, weil wir das Leben danach mit ihnen nicht ertragen können. Im Moment sind wir alle sehr, sehr hoffnungslos und haben Angst." Wie sollten sie sich anders fühlen? Anfang Januar, als die Proteste gegen die galoppierende Inflation, steigende Lebensmittelpreise und eine Wasserkrise ihren Höhepunkt erreichten, reagierte das Regime skrupellos. Iranische Sicherheitskräfte nahmen Zehntausende Bürger fest oder schossen sie direkt nieder. Menschenrechtsorganisationen sprechen von bis zu 20.000 Toten. Es dürften mehr sein. Das Regime sendete damit eine deutliche Warnung an die Bürger: Euer Leben hat für uns keinen Wert. Seit dem 28. Februar, seit dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran, leben sie nun in zwei Kriegen gleichzeitig. Aus der Luft greifen die Amerikaner und Israelis an. Am Boden tobt der Kampf der Regierung gegen das eigene Volk. Beide bedrohen ihr Leben. Die Menschenrechtsorganisation HRANA verzeichnet 4.765 Tote durch amerikanisch-israelische Angriffe . Darunter über 200 Kinder.