|
19.03.2026
06:00 Uhr
|
Die Elbvertiefung am Donnerstag – Mit einer Wohnungsbau-Bilanz, einer Erinnerung an Jürgen Habermas und einer tödlichen Nacht auf St Pauli

Liebe Leserin, lieber Leser, "Jo oder No?", heißt es jetzt in Kiel. Bis zum 19. April stimmen die Menschen dort darüber ab, ob ihre Stadt Segelwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2036, 2040 oder 2044 ausrichten soll. Die Briefwahl läuft, im Rathaus werden schon Stimmzettel abgegeben. Die grün-rote Koalition wirbt mit einem kumpeligen "Wir sagen Jo!" für die Spiele – doch die Umfragen ergeben kein klares Bild. Rund 50 Prozent sind dafür, der Rest dagegen oder unentschieden. Kurz: Kiel ist ungefähr so überzeugt wie Hamburg. Nun will Hamburg sich aber gemeinsam mit Kiel für die Ausrichtung der Spiele bewerben. Oben im Norden soll gesegelt, außerdem Handball und Rugby gespielt werden. Was passiert, wenn Kiel Nein sagt? Hätte Hamburg dann einen Plan B? Das habe ich gestern Steffen Rülke gefragt, den Leiter der Hamburger Olympia-Projektgruppe. "Theoretisch wäre es möglich, die Segelwettbewerbe in Rostock-Warnemünde auszurichten", sagte er. Der Osten sei ohnehin Teil der Hamburger Planung – im anvisierten Olympia-Jahr 2040 wäre die deutsche Einheit 50 Jahre her. "In unserem Fußballkonzept haben wir deshalb auch Standorte wie Rostock, Dresden und Magdeburg vorgesehen." Aber Kiel werde schon zustimmen, so Rülke: "Da bin ich mir sicher." 2015 zumindest stimmten die Kieler für Olympia, die Hamburger dagegen. Das liege daran, "dass die Kielerinnen und Kieler positive Erfahrungen mit Olympischen Spielen haben", glaubt Rülke. "Dort wurde schon bei den Spielen 1972 gesegelt, viele Ältere erinnern sich gern daran und wünschen sich dieses Erlebnis auch für ihre Enkel." (Falls hier jemand aus Kiel mitliest: Ist das so? Schreiben Sie uns doch mal.) Die Hamburger Olympia-Kampagne geht jedenfalls in die heiße Phase, die Stadt trommelt bis zum Volksentscheid am 31. Mai also besonders laut für ihre Pläne. "Wir werden mit Plakaten präsent sein, aber Hamburg nicht zupflastern, keine Sorge", sagte Rülke. Es gehe vor allem um den direkten Austausch vor Ort, etwa auf Wochenmärkten oder in Einkaufszentren. Er selbst sei fast jeden Abend unterwegs, diskutiere in Stadtteilen, bei Bürgervereinen, stelle sich auch kritischen Fragen. Unterstützung komme außerdem von Sportlerinnen, Sportlern und Influencern – die aber keinen Cent für etwaige Werbeclips bekommen sollen. Und kommt zum Abschluss noch der große Tusch? Eine weitere Drohnen-Show im Hafen, wie im Februar, könne er sich schon vorstellen, sagte Rülke, fest geplant ist bisher nichts. "Und so eine Show würde wieder durch private Unterstützer finanziert werden, nicht durch öffentliche Gelder." Nun denn. Ob noch eine Begeisterungswelle durch die Stadt geht oder die Skepsis überwiegt, entscheidet sich in den nächsten Wochen. An Versuchen, die Stimmung zu heben, wird es jedenfalls nicht fehlen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Annika Lasarzik WAS HEUTE WICHTIG IST Das Hamburger Bündnis für das Wohnen wird seine Arbeit bis 2030 fortsetzen . Laut Stadtentwicklungsbehörde wurden in den vergangenen 15 Jahren rund 145.000 Wohnungen genehmigt und mehr als 110.000 neue Wohnungen fertiggestellt, darunter mehr als 30.000 Sozialwohnungen. Dem Bündnis gehören unter anderem die Bezirksämter, Verbände der Wohnungswirtschaft und die Saga an. Von den gesetzlich Versicherten in Hamburg nehmen weniger als 30 Prozent das Hautkrebs-Screening wahr , das ab 35 Jahren alle zwei Jahre kostenlos angeboten wird. Dem aktuellen Arztreport der Krankenkasse Barmer zufolge nutzen es Frauen zwischen 35 und 39 Jahren häufiger als gleichaltrige Männer (25,8 zu 17,6 Prozent); ab 80 Jahren gehen mehr Männer zum Screening. Trotz ungeklärter Schuldfrage zur Steuerhinterziehung mit Cum-Ex-Aktiendeals droht dem Hamburger Bankier Christian Olearius eine Strafe von rund 40 Millionen Euro . Ein nun vom Bundesgerichtshof angewiesenes Einziehungsverfahren soll klären, ob der heute 83-Jährige zahlen muss. Der Wedeler Rüstungszulieferer Vincorion geht am Freitag an die Börse . Vorab wurde der Preis einer Aktie auf 17 Euro festgelegt, wodurch sich der Wert der Firma zunächst auf 850 Millionen Euro beläuft. Die Komponenten von Vincorion sind etwa in Flugabwehrsystemen und im Kampfpanzer Leopard verbaut. Mehr über den aktuellen Boom des Unternehmens lesen Sie hier . Wegen der aktuell hohen Spritpreise müssen Besucher des am Freitag beginnenden Frühlingsdoms höhere Ticketpreise zahlen . Trotzdem erwartet der Schaustellerverband Hamburg von 1884 e. V. über eine Million Menschen auf dem Heiligengeistfeld. Eine Fahrt im "Olympia-Looping" – der größten transportablen Achterbahn der Welt – kostet zum Beispiel 12,50 Euro. AUS HAMBURG Mein Vater und die tödliche Nacht von St. Pauli Im Januar 1970 wird in Hamburg ein Polizist erschossen – mitten auf der Davidwache. ZEIT-Autor Söhnke Callsen begleitet seit seiner Kindheit die Frage: Hätte es meinen Vater treffen können? Nun geht er ihr nach; lesen Sie einen Auszug aus seinem Artikel. Manchmal frage ich mich, ob ich mein Leben einem Unfall verdanke. Ich meine einen Verkehrsunfall mit verletzten Menschen und verbeulten Autos. Er steht am Anfang einer Geschichte, die mir mein Vater oft erzählt hat. Sie geht so: Es ist der späte Abend des 7. Januar 1970 auf St. Pauli, als mehrere Autos zusammenkrachen. Wenige Minuten später springen zwei Polizisten der Davidwache in einen Streifenwagen und rasen mit Blaulicht zur Unfallstelle, sie ist nicht weit entfernt. Einer der Beamten ist mein Vater. Er ist damals 21 Jahre alt und erst seit einigen Wochen auf Hamburgs berühmtester Wache im Einsatz. Er will alles richtig machen, befragt Zeugen des Unfalls, notiert sich die Lage der Fahrzeuge, schreibt jedes Detail in sein Meldebuch, ein kleines graues Notizheft. Zurück auf der Wache muss er einen Unfallbericht schreiben, eine Skizze anfertigen. Eigentlich soll er in dieser Schicht beim Abtasten von festgenommenen Personen helfen, die die Nacht in einer der kargen Zellen auf der Davidwache verbringen müssen. Doch ein großer, gutmütiger Kollege winkt ab und sagt so etwas wie: "Schreib du mal deinen Bericht zu Ende, wir kommen hier vorne klar." Der Kollege heißt Uwe Kraack. Mein Vater ist nicht gerade schnell beim Tippen auf der Schreibmaschine. Konzentriert bearbeitet er die Tasten – da knallt es plötzlich laut. Erst glaubt er, ein schwerer Gegenstand müsse heruntergefallen sein. Doch dann kracht es erneut ohrenbetäubend, er hört Schreie. Mein Vater eilt aus dem Schreibzimmer in den vorderen Teil der Wache. Dort sieht er mehrere seiner Kollegen, die sich auf einen Mann gestürzt haben. Er habe bei der Durchsuchung plötzlich geschossen, sagen sie. Ein Polizist wurde ins Bein getroffen. Ein anderer liegt leblos am Boden. Es ist Uwe Kraack. Kurze Zeit später ist er tot. Was Callsens Spurensuche in dem Fall von damals ergab , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? Habermas – Die Kraft seiner Gedanken Warum der Tod des großen Philosophen seinem Werk eine ganz neue Brisanz verleiht. In dieser Textsammlung aus dem Feuilleton der aktuellen ZEIT-Ausgabe wird der Person und seiner Philosophie gedacht. → Zum Artikel (Z+) DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Das Junge Schauspielhaus Hamburg zeigt im Theater am Wiesendamm "Die Schönen und das Biest" . Ein Tanztheaterstück ohne Worte für Menschen ab 6 Jahre über Ausgrenzung und Annäherung, Vielfalt und Individualität. Die Choreografin und Regisseurin Ceren Oran ist bereits für verschiedene Projekte für ein junges Publikum ausgezeichnet worden. "Die Schönen und das Biest", 22.3., 11 Uhr und diverse Termine; Junges Schauspielhaus , Wiesendamm 24 MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Bei der Einfahrt der S3 in Harburg-Rathaus warten ganz vorne eine Rollstuhlfahrerin und ihre Begleitung. Während der sehr aufmerksame Zugführer die Rampe für den Rollstuhl positioniert, fragt er die beiden, wo sie denn hinwollen. Auf die Antwort "Jungfernsteig" sagt er: "Echt? Das ist schön dort. Da habt Ihr ja Glück, ich fahre in die gleiche Richtung, dann nehme ich Euch mal mit." Gehört von Bernd Kaminski Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .