Zeit 04.06.2026
13:37 Uhr

Antisemitismus: Deutlicher Anstieg antisemitischer Gewalt in Sachsen-Anhalt


Erneut wurden mehr Gewalttaten und Bedrohungen gegen Juden in Sachsen-Anhalt registriert. Die jüdische Gemeinde spricht von einer »alarmierenden Enthemmung«.

Antisemitismus: Deutlicher Anstieg antisemitischer Gewalt in Sachsen-Anhalt
Die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Sachsen-Anhalt ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen. Insgesamt registrierte die Recherche- und Informationsstelle für Antisemitismus (Rias) in dem Bundesland 270 Bedrohungen, Sachbeschädigungen und körperliche Gewalt gegen Jüdinnen und Juden und damit ein Drittel mehr als noch 2024 (202 Fälle). Das seit zweieinhalb Jahren andauernde hohe Niveau antisemitischer Vorfälle beeinträchtige »das Sicherheitsgefühl vieler Jüdinnen und Juden immens und beeinflusst ihren Umgang mit der eigenen jüdischen Identität nachhaltig«, teilte Rias mit. Immer mehr Juden scheuten sich etwa, einen Davidstern oder eine Kippa erkennbar zu tragen. »Antisemitismus hat viele Gesichter – doch keins ist harmlos. Die aktuellen Zahlen zeigen eine alarmierende Enthemmung, auch in Sachsen-Anhalt«, sagte die Vorsitzende des Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Inessa Myslitska. »Die antisemitischen Vorfälle sind Beweise für Menschenverachtung, für Lüge, Leugnung und Hass«, sagte der Antisemitismusbeauftragte des Landes, Wolfgang Schneiß. Niemals dürfte man sich daran gewöhnen. Anstieg von israelbezogenem Antisemitismus Im Schnitt seien der Meldestelle fünf antisemitische Vorfälle pro Woche bekannt geworden. Mehr als verdoppelt haben sich den Angaben nach antisemitische Vorfälle mit direktem Bezug zum Krieg im Nahen Osten: Ihre Zahl sei im Jahresverlauf von 52 auf 111 angestiegen. Dabei wurde tatsächliches oder vermeintliches Handeln des Staates Israel wiederholt zum Anlass genommen, um Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt anzufeinden oder anzugreifen. Gleichzeitig waren laut Rias erneut zahlreiche Vorfälle zu beobachten, bei denen die antisemitischen Massenverbrechen im Nationalsozialismus geleugnet, verherrlicht oder die Erinnerung an die Opfer angefeindet wurde. Insgesamt registrierte die Meldestelle 81 rechtsextreme Vorfälle. Einen großen Anstieg von 39 auf 100 Fälle verzeichnete Rias im Onlinebereich. So erhielt etwa die Jüdische Gemeinde Halle immer wieder Google-Rezensionen von anonymen Profilen, die den Namen des Attentäters des Anschlags von 2019 trugen oder sich auf sonstige Weise positiv auf den Anschlag bezogen. Warnung des Verfassungsschutzes Seit dem Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sei Antisemitismus aus dem antiisraelischen Milieu und dem links-antiimperialistischen Spektrum in den Fokus der öffentlichen Debatten gerückt, sagten Marie-Kristin Batz und Michael Schüßler von der Rias-Meldestelle. »Dabei darf nicht aus dem Blick geraten, dass es weiterhin zahlreiche antisemitische Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund gibt – deren Zahl 2025 sogar gestiegen ist.« Antisemitismus sei tief im Alltagsgeschehen verankert und zeige sich immer wieder auch in scheinbar banalen Situationen, etwa in Nachbarschaftsstreitigkeiten oder im Arbeitskontext. Rund drei Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sehen Umfragen die AfD dort mit teilweise mehr als 40 Prozent deutlich vor den anderen Parteien. Seit 2023 wird sie vom dortigen Verfassungsschutz als »gesichert rechtsextremistische Bestrebung« eingestuft. Vor wenigen Tagen erst warnte der Verfassungsschutz vor ausländischen Beeinflussung bei der Landtagswahl und zunehmender Zahl rechtsextremer Gefährder. Die Zahl potenzieller Extremisten habe erneut einen Höchststand erreicht, hieß es. 2025 rechnete der Landesverfassungsschutz 7.310 Personen sogenannten verfassungsfeindlichen Personenzusammenschlüssen zu, was demnach einen Anstieg von 19,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr darstellte. Dieser Zuwachs sei »insbesondere auf einen Zuwachs im Phänomenbereich Rechtsextremismus zurückzuführen«, schrieb der Verfassungsschutz. Die Zahl der Rechtsextremisten in Sachsen-Anhalt lag 2025 demnach bei rund 5.100 Personen, ein Anstieg von 27,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Als Hauptgrund für das wachsende rechtsextremistische Personenpotenzial nennt der Verfassungsschutz den starken Mitgliederzuwachs des AfD-Landesverbands Sachsen-Anhalt .