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05.06.2026
12:42 Uhr
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Es gebe einen Moment in ihrem Leben, seit dem nichts mehr selbstverständlich sei, nichts mehr leicht. Am 20. Dezember 2024 um 19.02 Uhr auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt sei ihr Leben zerschnitten worden in ein Davor und ein Danach. »Die Tat war nicht vorbei, als das Fahrzeug zum Stillstand kam, sie dauert bis heute an.« Die blonde Frau, die neben anderen Betroffen sitzt, sagt das hörbar mit einer Portion Wut. Sie meldet sich im Prozess gegen den Todesfahrer bei den Schlussvorträgen als erste Betroffene selbst zu Wort. Zuvor haben zehn Anwälte für ihre Mandanten gesprochen. Über 200 Betroffene sind als Nebenkläger im Prozess dabei. »Erbärmliche Kreatur im Glaskasten« Sie spreche hier auch für ihren Lebensgefährten und für Freunde, sagt die Frau mit einem Notizbuch vor sich. Es gebe Erinnerungen, die sich nicht abschalten lassen und Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen. Sicherheit und Normalität seien verloren gegangen, wegen der Tat der »erbärmlichen Kreatur im Glaskasten«. Der Angeklagte verfolgt den Prozess aus einer Kabine, mehrfach war es während der inzwischen 36 Verhandlungstage seit dem 10. November 2025 notwendig, ihm das Mikrofon abzustellen. Er war anders nicht zu bremsen. Die Nebenklägerin sagt, er habe mit seinen langen Vorträgen und ständigen Wiederholungen aus ihrer Sicht sehr viel Raum bekommen, viel mehr als die Betroffenen. Er habe immer wieder eine Bühne gehabt. »Wir mussten ertragen, wie er sich wiederholte und Gefühle zeigte für sich selbst.« Nun gehe es nicht nur um eine Strafe für ihn, sondern um Schutz. »Dieser Mann darf nie wieder die Möglichkeit haben, frei unter Menschen zu leben.« Alle halten lebenslange Haft für angemessen Zehn Nebenklagevertreter haben wie zuvor schon die Generalstaatsanwaltschaft gefordert, den Todesfahrer lebenslang wegzusperren. »Wir sind es den Hinterbliebenen und den Verletzten schuldig, auch wenn es nichts wieder gutmacht, dass Sie nie wieder in Freiheit unter Menschen kommen«, sagte der Rechtsanwalt Holger Stahlknecht im Landgericht Magdeburg in Richtung des Angeklagten. Er vertritt einen Mann, dessen Mutter als eine von sechs Menschen bei dem Anschlag vom 20. Dezember 2024 ums Leben kam. In vielen Verhandlungstagen sei das Geschehen, bei dem mehr als 300 Menschen verletzt wurden, noch einmal lebendig geworden, so Stahlknecht. Er zollte den Zeugen Respekt und bezeichnete es als Zeichen von Vertrauen in den Rechtsstaat, dass sie als Nebenkläger eine Stimme bekommen haben. Wie eine Schnecke ihr Schneckenhaus ein Leben lang mit sich trage, werde das Erlebte die Betroffenen nicht mehr loslassen. Der Täter habe nicht nur Leben physisch ausgelöscht, sondern vielen die Leichtigkeit des Seins genommen. Zeugen haben besondere Stärke bewiesen Der Rechtsanwalt Carsten Schneider, der 26 Geschädigte vertritt, sprach von Abgründen, die sich aufgetan hätten im Verfahren. Er beschrieb eine Reihe von Schicksalen von Mandanten, die körperlich verletzt wurden. Aber auch die nicht direkt Verletzten trügen schwer an den psychischen Folgen. Die Belastungen für die Familienangehörigen seien nicht zu unterschätzen. Ein anderer Nebenklagevertreter sagt, er habe lange überlegt, ob er einen Schlussvortrag halte, denn er wolle dem Angeklagten keine Aufmerksamkeit schenken. Er betonte, die Verletzten der Tat hätten äußerste Stärke bewiesen, mit ihren Aussagen das Leid greifbar gemacht. Am 35. Prozesstag hatte die Generalstaatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Todesfahrer beantragt, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und eine Sicherungsverwahrung. Die Tat, die nur eine Minute dauerte, habe in ihrer Massivität jede menschlich begreifbare Dimension gesprengt, hatte Oberstaatsanwalt Matthias Böttcher gesagt. Der Angeklagte sei verantwortlich für sechs Morde und 222 versuchte Morde sowie viele Körperverletzungen. Er war mit einem Mietwagen durch die Menschenmengen auf dem Weihnachtsmarkt gefahren. Platz für Betroffene geschaffen Damit alle Betroffenen den Prozess verfolgen können, hatte das Land Sachsen-Anhalt eigens ein Interims-Gerichtsgebäude errichten lassen. Hier ist Platz für Hunderte Nebenkläger. Die Reihen blieben während des Prozesses allerdings zu weiten Teilen leer. Anwälten zufolge gehen viele Betroffene zum einen wieder arbeiten, andere wollen sich mit dem Geschehenen und dem Täter auf diese Weise nicht noch einmal aussetzen. Der Prozess wird am Montag (8. Juni) fortgesetzt mit weiteren Plädoyers der Nebenklage. Folgend wird die Verteidigung ihren Schlussvortrag halten und der Angeklagte erhält die Möglichkeit für ein letztes Wort. Wann genau das Urteil verkündet wird, ist noch offen. Es sind Verhandlungstermine bis zum 26. Juni angesetzt. © dpa-infocom, dpa:260605-930-177178/3