Welt 24.05.2026
17:09 Uhr

Zeitgenössische Kunst? Was für ein Aufwand!


Kunstmessen gibt es in New York reichlich, aber keine ist so gut kuratiert, wie die Independent Art Fair. Ein Rundgang macht klar, welche Künstler man kennen sollte und welche Galerien wichtig sind.

Zeitgenössische Kunst? Was für ein Aufwand!

Eigentlich war die Independent Art Fair (verlinkt auf https://www.independenthq.com/) – eine Kunstmesse, die vor 14 Jahren in New York von der Galeristin Elizabeth Dee gegründet wurde – als Gegenprogramm zur noblen Armory Show in der Upper East Side gedacht. Die Independent Art Fair war klein und stolz darauf; sie präsentierte Künstler, die noch nicht so bekannt waren. Um im Börsenjargon zu sprechen: Die Armory Show drehte sich um Aktien im Standardwert, in der Independent Art Fair ging es um Nebenwerte. Aber auch diese Kunstmesse entgeht dem Gesetz des welthistorischen Aufstiegs nicht. Jeder Rebell, der nicht rechtzeitig das Zeitliche segnet, wandelt sich irgendwann zum Establishment. Mittlerweile war die Independent Art Fair so sehr gewachsen, dass sie im Mai 2026 ein neues Quartier brauchte – einen Hangar am Pier 36 am Hudson River, der von dem Architekten So-Il gestaltet wurde. 76 Galerien wurde gestattet, dort auszustellen – Elizabeth Dee ist berühmt dafür, dass sie auf alle Kunstwerke ein strenges Kuratorinnenauge wirft. Das Herzstück der Kunstmesse waren weder Bilder noch Statuen. Es waren Kostüme der japanischen Modedesignerin Rei Kawakubo (verlinkt auf https://www.welt.de/iconist/mode/article164174059/Comme-des-Garcons-Chefin-Rei-Kawakubo-und-ihre-sieben-Weisheiten.html) , die ziemlich genau in der Mitte des Hangars aufgespießt zwischen Metallstangen standen. Diese Kostüme schienen kaum für menschliche Körper gemacht; sie sind aufgebläht wie Ballons. Dieser Kunstmessenbesucher stellte sich unwillkürlich übergewichtige Aliens vor, die solcherart bekleidet durch die Landschaft rollen. Manche der Kostüme waren bunt und blumig bedruckt. Andere waren tiefschwarz und hatten Riesenschleifen; offenbar die passende Mode für Alienwitwen. Die Frage, ob es sich hier um Skulpturen oder Kleider handelte, erübrigt sich. Natürlich beides! Auch sonst waren auf der Independent Art Fair höchst eigensinnige, höchst sonderbare Künstler zu bestaunen. Etwa die griechische Malerin Alexandria Christou (The Breeder Gallery, Athen), die erst nach ihrem viel zu frühen Tod anno 2009 entdeckt wurde. Christou malte Alltagsszenen aus Athen; auf den ersten dummen Blick könnte man denken, dass die grotesken Gestalten mit den auseinanderfließenden Gesichtszügen, die sie in grellen Farben auf die Leinwand klatschte, in satirischer Absicht gemalt wurden – wie die Militärfressen auf den Bildern von George Grosz. Auf den zweiten Blick verstand man aber, dass die Liebe dieser Malerin den Pinsel geführt hat, etwa in der Szene mit den alten Männern in einem Kafenion in Athen, die miteinander Tavli (Backgammon) spielen. Die grotesken Gestalten auf Alexandria Christous Bildern sind in Wahrheit anrührend; sie sind um keinen Deut monströser oder absurder als wir, die wir das Bild betrachten. Intarsienarbeiten zu lesen verstehen Ein anderer Künstler, den man nicht mehr so leicht vergaß, war der New Yorker Michael Bühler-Rose (Stems, Brüssel). Dieser Künstler wuchs in der Hare-Krishna-Bewegung auf und interessierte sich zugleich leidenschaftlich für Punkmusik; zusammen mit einem Team von indischen Kunsthandwerkern hat er großflächige, ungefähr mannshohe Intarsienarbeiten geschaffen, die nichts anderes zeigen als Einbauschränke mit allem, was dort so hängt und klebt und herumsteht. Fotos, Mineralwasserflaschen, ein Stapel des heiligsten Buches der Hindus, der Bhagavad Gita. Musik-Kassetten von Neil Young, eine Topfpflanze mit herunterhängenden Zweigen, Kopfhörer. Und nichts davon ist gemalt, nichts fotografiert. Alles wurde bis ins feinste Details aus verschiedenartigem Holz gesägt und zusammengeklebt. Was für ein Aufwand! Aber natürlich ist das lebendige Chaos, das in diesem Abbild von Einbauschränken herrscht, eine Biografie des abwesenden Menschen, dem sie gehören. Man musste diese Intarsienarbeit nur richtig zu lesen verstehen. Ebenfalls sehr intensiv: die Skulpturen, die der junge Kolumbianer Johan Samboní (SGR Galería, Bogotá (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article68e3ce4e1642fe56b7edae32/suedamerikanische-kunst-in-bogota-gelingt-der-einstieg-ohne-schwellenangst.html) ) aus Ziegelsteinen geschnitzt hat; viele Häuser in seiner Heimat sind Ziegelbauten. Einige von Sambonís Skulpturen stehen grimmig in einer Reihe wie eine rote Ziegelsteinarmee, die nur auf ihr Kommando wartet; andere hängen kreuzförmig an der Wand, als sollten die Ziegel für die Erlösung des Betrachters sorgen. Diese Kunst wirkte gar nicht zeitgenössisch, sie wirkte archaisch – man wäre nicht überrascht, solche Skulpturen im Inneren einer südamerikanischen Pyramide zu entdecken. Irgendwie religiös muteten auch die Kunstwerke von Nina Hartmann an (Galerie Silke Lindner, New York): geometrische Dinger aus durchsichtigem Plastik in Bonbonfarben, in die Fotos aus dem Internet integriert sind. Eines davon sah aus wie ein roter Davidstern, aus dem rote Pfeile in fünf verschiedene Richtungen zeigen; Fotos in seinem Inneren zeigten so etwas wie Würfel. Unwillkürlich fragte man sich, welche Auslegung der Kabbalah zu diesem Plastikstern passen mag. Chakaia Booker, die seit Jahrzehnten alte Autoreifen sammelt und daraus Skulpturen zusammensetzt, war mit mehreren tiefschwarzen Werken vertreten (David Nolan, New York), die allesamt an die schleimigen Ungeheuer aus Howard Phillips Lovecrafts Romanen erinnerten. Den Gegenzauber hielt vielleicht der taiwanesische Künstler Tseng Chien-Ying bereit. Mit Tinte, Gouache und ostasiatischen Mineralien hat er sehr farbenfrohe Gemälde gestaltet, etwa zwei Hände, die gemeinsam die heilige Flamme eines zwischen Daumen und Zeigefinger gehaltenen Zündholzes beschirmen. Vor diesem Gemälde war ein Hausaltar aus zwei Holzovalen errichtet; wer um ihn herumging, erkannte, was auf diesem Diptychon dargestellt ist: ein beschnittener und ein unbeschnittener Pimmel. Beide sahen ein wenig traurig aus. Geradezu häuslich niederlassen wollte man sich zwischen den Skulpturen und Wandteppichen der feministischen Künstlerinnen Brittany Mojo und Terri Friedman (Mindy Solomon, Miami). Friedman gestaltet Wandteppiche mit Fischen und Sternen und Blumen, Brittany Mojo fertigt bunte Plüschvasen, die auf Säulen ruhen, die ebenfalls aus Plüsch gemacht sind. Ein Kindergeburtstag zwischen diesen Wandteppichen und kuscheligen Vasen würde absolut kein Problem darstellen, auch nicht mit sehr wilden Kindern. Insgesamt hielt die Independent Art Fair in New York für uns 2026 folgende Lehre bereit: Die Grenzen, die einst zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Mode aufgerichtet waren, sind niedergerissen, passé, es gibt sie nicht mehr. Das alles ist längst zu einem Phänomen verschmolzen. Und merkwürdigerweise kommt dabei am Ende nicht nur Kitsch heraus.