Welt 05.06.2026
08:32 Uhr

„Wenn’s juckt, wenn’s läuft oder wenn’s stinkt“


Vom Wattestäbchen bis zur Ohrenspülung: Manche Menschen wollen ihre Ohren extrem sauber halten. Worauf man achten sollte und wovon HNO-Ärzte dringend abraten.

„Wenn’s juckt, wenn’s läuft oder wenn’s stinkt“

Drinlassen oder auskratzen? Viele schütteln sich bereits beim bloßen Gedanken an Ohrenschmalz. Dabei ist die gelblich-bräunliche Masse viel besser als ihr Ruf. Denn was viele nicht wissen: Ohrenschmalz erfüllt wichtige Schutz- und Reinigungsfunktionen. Doch was genau ist Ohrenschmalz eigentlich und welche Funktion erfüllt es? Fachleute nennen Ohrenschmalz Cerumen: „Was wir sehen, ist meistens eine Mischung aus dem Sekret, das Ceruminaldrüsen produzieren, und aus Hautschuppen“, sagt HNO-Arzt Bernhard Junge-Hülsing. „Und wie auf einem Fließband wird es von innen nach außen transportiert, wenn die Haut wächst.“ Im Grunde ist Ohrenschmalz „wie eine pflegende Salbe, die der Körper selbst produziert“, zieht der HNO-Arzt Thomas Deitmer einen Vergleich. Zudem hat das Schmalz auch eine antibakterielle Wirkung. „Er ist also nicht etwas Schmutziges“, sagt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. Wenn sich dieses Schmalz anhäuft, kann es allerdings zu einer vermehrten Ansiedlung von Bakterien kommen, vor allem bei einem feuchtwarmen Klima im Ohr. Dann kann eine schmerzhafte Gehörgangsentzündung die Folge sein. Viele Menschen haben das Bedürfnis, Ohrenschmalz zu beseitigen. Wer allerdings zum Wattestäbchen greift, erreicht möglicherweise das Gegenteil – und schiebt das Schmalz tiefer ins Ohr. Schlimmstenfalls bildet sich mit der Zeit ein Pfropfen, der irgendwann den Gehörgang verschließt. Viele HNO-Ärzte raten daher pauschal von Wattestäbchen im Ohr ab. Bernhard Junge-Hülsing sieht das differenzierter: „Wenn man das nach dem Duschen zwei- oder dreimal in der Woche macht und vorsichtig rangeht, ist es in Ordnung.“ Auch Thomas Deitmer findet, dass man Wattestäbchen im Eingang des Gehörganges verwenden kann – wenn man es richtig tut. Das heißt: Nicht tief ins Ohr drücken, sondern vorsichtig vorgehen und das Wattestäbchen bei der Benutzung etwas drehen und zwirbeln. „Dann rotiert es ein bisschen und man schiebt das Ohrenschmalz nicht nach hinten, sondern wischt es aus dem Eingang heraus.“ Wann das Wattestäbchen Schäden anrichtet Ist das Ohr nach dem Besuch von Freibad oder See länger verschlossen und kommt einem sehr voll vor, verkneift man sich den Griff zum Wattestäbchen besser. „Wenn man dann auch noch alles wie mit einem Pfeifenstopfer nach hinten schiebt, dann hat man verloren. Dann bleibt nur noch der Gang zum Facharzt“, sagt Bernhard Junge-Hülsing, der Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte in Bayern ist. Um Wasser im Ohr loszuwerden, rät Thomas Deitmer: „Auf einem Bein hüpfen oder den Kopf schütteln.“ Gerade bei Kindern funktioniert der Selbstreinigungseffekt außerdem so gut, dass Ohrenputzen gar nicht notwendig ist. Ausnahme: Manche Kinder neigen zu verstopften Ohren, wenn sie operiert wurden oder von Geburt an sehr enge Gehörgänge haben. Letzteres kann bei Kindern mit einem Down-Syndrom der Fall sein. Doch wie reinigen wir nun unsere Ohren richtig? „Eigentlich muss man gar nichts machen“, sagt Thomas Deitmer. Was man jedoch tun kann – vorausgesetzt, das Trommelfell ist intakt: den Duschkopf wie einen Telefonhörer halten und warmes Wasser ins Ohr laufen lassen. Wichtig: „Natürlich nicht volle Pulle wie bei einem Hochdruckreiniger.“ Wichtig ist, dass man das Wasser danach auch wieder aus dem Ohr herausbekommt. Auch hier gilt also: Hüpfen oder Kopf schütteln. Sprays sollen dabei helfen, das Ohrenschmalz besser zu lösen. Thomas Deitmer hält sie für überflüssig. „Die können auch nichts anderes, als dass sie Flüssigkeit in den Gehörgang pusten und das Ohrenschmalz aufweichen, damit man ihn manchmal besser ausspülen kann.“ Nur, wenn das Schmalz so fest sitzt, dass es selbst von einem HNO-Arzt nur schwer zu entfernen ist, würden manchmal erweichende Tropfen benutzt, um die Reinigung zu erleichtern. Einig sind sich beide Experten auch bei sogenannten Ohrenkerzen, die zu Reinigungszwecken in die Ohren gesteckt und angezündet werden. „Davor raten wir als Verband definitiv ab“, sagt Bernhard Junge-Hülsing. Zum einen sei die Wirkung dieser Kerzen zweifelhaft. Zum anderen sei die Gefahr groß, dass heißes Wachs in die Ohren gelange. Schmerzen, Juckreiz, Austritt von Flüssigkeit, Hörstörungen, Schwindel: Diese Ohr-Beschwerden sollten einen in die HNO-Praxis führen. Oder wie Bernhard Junge-Hülsing es auf den Punkt bringt: „Wenn’s juckt, wenn’s läuft oder wenn’s stinkt.“ Auch wenn das Ohr verstopft ist und das Wasser nicht mehr abläuft, sollte sich der Profi das Ohr einmal anschauen. „Kann man machen, muss man aber nicht“, sagt Thomas Deitmer. Schwimm-Ohrstöpsel seien allerdings dann sinnvoll, wenn einem das Wasser im Ohr unangenehm ist, man ein empfindliches Trommelfell hat oder zu Gehörgangsentzündungen neigt. „Die entstehen oft dann, wenn es im Ohr zu feucht ist.“ Gut zu wissen, wenn man eine solche Entzündung als Souvenir aus dem Badeurlaub mitbringt: „Nicht das vermeintlich dreckige Wasser hat dann daran Schuld, sondern dass man sich einfach viele Stunden darin aufgehalten hat und das Ohr zu lange zu feucht bleibt“, so der HNO-Arzt. Hier gilt zur Vorbeugung: Mit dem gerollten Ende eines Papiertaschentuches das Ohr nach dem Baden etwas trocken tupfen oder etwas hüpfen. Mit zunehmendem Alter scheinen die Haare vermehrt an den Stellen zu wachsen, an denen man sie nicht haben möchte – oft auch in den Ohren. „Man kann sie herauszupfen. Die Haare haben keine besondere Schutzfunktion“, sagt Bernhard Junge-Hülsing. Wer nicht zartbesaitet ist, kann auch zum Barbershop gehen, wo sie mit heißem Wachs beträufelt und dann in einem Rutsch herausgezogen werden.