Welt 26.09.2026
07:28 Uhr

Von Max Steiner zu John Williams – Wie der klassische Hollywood-Sound entstand


Film und Musik, das war bereits in der Stummfilmzeit eine Symbiose. In den Jahrzehnten danach entstanden viele Soundtrack-Klassiker im typischen Hollywood-Sound, der sich mehrfach wandelte.

Von Max Steiner zu John Williams – Wie der klassische Hollywood-Sound entstand

Kommt die Sprache auf die Erfolgsgeheimnisse legendärer Filmklassiker, dann werden als die wichtigsten Faktoren oft die beteiligten Schauspielstars genannt. Oder die Meisterregisseure, welche die Werke inszeniert haben. Die Spitzenautoren, die das hervorragende Drehbuch schrieben. Oder die Cutter, die das Rohmaterial in Form brachten, welches brillante Kameraleute zuvor eingefangen hatten. Aber weitere enorm wichtige Akteure werden in solchen Aufzählungen bisweilen nur beiläufig erwähnt oder gar übersehen: die Komponisten und Interpreten, welche die Musik beisteuerten. Denn viele erinnern sich zuerst daran, was sie im Kino gesehen haben – nicht ohne Grund: Filme sind ein visuelles Medium, im Englischen „Motion Pictures“ genannt, bewegte Bilder. Man spricht davon, einen Film „anzusehen“, man ist „Zuschauer“. Bisweilen nimmt das Publikum die Musik, die das Gezeigte untermalt, dabei sogar nur unbewusst wahr, man macht sich anschließend darüber wenig Gedanken. Aber es ist häufig die musikalische Untermalung, die eine visuell spektakuläre Szene zu einem wirklichen emotionalen Höhepunkt werden lässt. Ein klassisches Beispiel ist die dialogfreie Schlussszene von „Krieg der Sterne“ (1977, Regie: George Lucas) mit der Ordensverleihung an die siegreichen Helden, in der die Musik von Meisterkomponist John Williams der heimliche Hauptdarsteller ist. Oder die berühmte Sequenz aus „E.T. – Der Außerirdische“ (1982, Regie: Steven Spielberg) mit den fliegenden Fahrrädern und dem Mond im Hintergrund, in welcher es erneut Williams ist, der das durch die Bilder ohnehin schon ergriffene Publikum endgültig zu Tränen rührt. Doch der Reihe nach. Film und Musik, das war von Anbeginn eine Symbiose. In den frühen Tagen des Mediums zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die damaligen Stummfilme eben nicht wirklich stumm, sondern wurden musikalisch begleitet. In kleineren Vorführsälen stand meist ein Klavier oder eine Orgel neben der Leinwand. Was der Pianist spielte, unterschied sich von Kino zu Kino. Manche improvisierten oder griffen auf Versatzstücke klassischer Werke zurück. Andere verwendeten Sammlungen mit Musikstücken für die jeweiligen Stimmungen und Situationen: etwa „Gefahr im Verzug“, „Liebe“, „Action“ oder „Trauer“. In großen Kinos wurden derweil Musiker-Ensembles oder gar Orchester aufgeboten. Bald erkannten die Filmemacher, dass die Musik ein integraler Bestandteil der filmischen Grammatik war, ein effektives Mittel, um Informationen und Emotionen zu vermitteln – damit konnten sie ein und dasselbe Filmbild mit ganz unterschiedlichen Bedeutungen versehen. Etwa ein Mann, der nachts eine Straße entlanggeht. Mit einer langsamen Liebesmelodie wurde er zu einem Verliebten auf dem Weg zu einem Rendezvous. Von rauen, unheimlichen Klängen unterlegt, konnte der Mann hingegen ein Gangster sein, der sich zum Tatort begibt. Nun entstanden eigens komponierte Partituren, die zusammen mit den Filmrollen an die Kinos ausgeliefert und von den Musikern intoniert wurden. Die Kompositionen waren dabei meist von klassischer Musik und von Opern inspiriert, beispielsweise mit Leitmotiven für die jeweiligen Protagonisten und Antagonisten, wie sie Richard Wagner im 19. Jahrhundert geprägt hatte. Manche Partituren blieben dabei eher belanglos, andere wurden zu frühen Meisterwerken der Filmmusik. Etwa der Soundtrack zu Fritz Langs monumentalem Science-Fiction-Stummfilm „Metropolis“ von 1927, komponiert von Gottfried Huppertz. Heute gilt der in Babelsberg gedrehte Film als eines der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte, doch er hat eine jahrzehntelange eher kummervolle Geschichte hinter sich, die auch illustriert, wie stark die Filmmusik einen Film prägt: Bei seiner Premiere war Langs zweieinhalbstündiges Opus seiner Zeit voraus, es überforderte Kritiker und Zuschauer. Es entstanden verkürzte und umgeschnittene, geradezu verstümmelte Fassungen, die alles nur „verschlimmbesserten“. Erst Jahrzehnte später fand der Film große Verbreitung, als der Musiker Giorgio Moroder ihn zu einer Art 87-minütigem Videoclip mit nachkolorierten Bildern umwandelte – unterlegt mit Popmusik. Das kam beim „M-TV“-Publikum (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article693ea06456897b02d266bd08/mtv-das-ende-einer-aera-wie-video-killed-the-radio-star-geschichte-schrieb.html) zwar gut an, wurde der ursprünglichen Intention der Filmemacher aber kaum gerecht. Die Rekonstruktion der Originalversion von „Metropolis“ inklusive der ursprünglichen Musik von Huppertz war ein jahrzehntelanges, kompliziertes Mammutprojekt. 2010 präsentierte die Murnau-Stiftung eine weitgehend restaurierte Fassung. 1927, das Premierenjahr von „Metropolis“, markierte eine Zäsur in der Geschichte des Films und der Filmmusik: In den USA erschien Alan Croslands „Der Jazzsänger“, der als erster Tonfilm in Spielfilmqualität gilt. Bereits zuvor hatte es Versuche gegeben, „Talkies“ zu produzieren, nun traten die „sprechenden Bilder“ dank technischer Innovationen ihren Siegeszug an. Anfangs konkurrierten unterschiedliche Verfahren miteinander. Die einen setzten auf Schallplatten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256260802/33er-vs-45er-die-revolution-auf-dem-plattenteller-und-der-krieg-der-geschwindigkeiten.html) , die parallel zum Film abgespielt wurden, wobei es aber meist nicht gelang, Bild und Ton synchron zu bekommen. Beim Lichttonverfahren war das kein Problem: Bei dieser im Analogbereich noch heute gebräuchlichen Technik sind die Klänge optisch auf dem Filmstreifen platziert. Der Durchbruch des Tonfilms bedeutete für die Filmmusik zunächst eine gewisse Degradierung. Während sie beim Stummfilm den gesamten Bereich der Akustik für sich beanspruchen konnte, musste sie jetzt zugunsten von Dialogen und Geräuschen öfter in den Hintergrund treten. Eminent wichtig blieb die Musik dennoch, und in den 1930er-Jahren brach in Hollywood ein erstes goldenes Zeitalter der großen, sinfonischen Soundtracks an, wofür nicht zuletzt europäische Immigranten sorgten, die ihre spätromantische musikalische Tradition mitbrachten. Es entstanden Klassiker wie „King Kong“ (1933), bei dem der gebürtige Österreicher Max Steiner die Musik komponierte, der ebenso die bis heute berühmten Melodien von „Vom Winde verweht“ (1939) erschuf. Oder „Robin Hood“ (1938), den der ebenfalls aus Österreich stammende Komponist Erich Wolfgang Korngold mit Klängen versah. Steiner, Korngold und weitere Komponisten wie Franz Waxman (gebürtig Franz Wachsmann aus Oberschlesien) oder der Amerikaner Alfred Newman prägten den klassischen, opulenten Sound Hollywoods: breite Streicher, strahlendes Blech, wummernde Percussion, große melodische Bögen mit Ohrwurmpotenzial. Längst war die Filmmusik nun Teil des Produktionssystems. Die großen Studios richteten Musikabteilungen mit Komponisten, Arrangeuren, Orchestratoren und eigenen Orchestern ein. Wie am Fließband wurde Musik geschrieben, orchestriert und im Studio eingespielt, während im Hintergrund die Filmbilder liefen, um das passgenaue Timing sicherzustellen. Obwohl dabei oft unter großem Zeitdruck agiert wurde, entstanden viele Meisterwerke, die es durchaus mit den großen Vorbildern wie Richard Wagner aufnehmen konnten. Darunter Bernard Herrmanns Kompositionen für die Thriller von Alfred Hitchcock. So sind beispielsweise „Vertigo“ (1958), in dessen Soundtrack Herrmann seine musikalische Antwort auf Wagners „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ unterbrachte, oder „Der unsichtbare Dritte“ (1959) ohne Herrmanns Musik schier undenkbar. Ebenso „Psycho“, den Herrmann besonders gewagt vertonte: In der berühmt-berüchtigten Mordszene unter der Dusche, die auch ohne Musik bereits enormes Schockpotenzial gehabt hätte, sorgten schneidende, kreischende Klänge der Streicher für zusätzliche Gänsehaut und trugen dazu bei, dass die Sequenz zu einem der bekanntesten Momente der Filmgeschichte wurde. Comeback des großen sinfonischen Orchestersounds Mitte der 1970er Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich der klassische Hollywood-Sound zu wandeln. Vor allem fanden Jazz und Pop stärkeren Eingang in die Filmmusik. Komponisten wie Henry Mancini, der das berühmte musikalische Thema zu „Der rosarote Panther“ (1963) erschuf, verbanden Jazz, Unterhaltungsmusik und klassische Klänge. Insbesondere Filme, die sich an ein jüngeres Publikum richteten, griffen popkulturelle Strömungen auf und setzten auf Rock’n’Roll und Beat. Immer öfter standen statt Instrumentalstücken nun Popsongs im Vordergrund, etwa bei „Die Reifeprüfung“ (1967), dessen Atmosphäre entscheidend von Songs von Simon & Garfunkel geprägt wurde. Komponisten wie John Barry, der die James-Bond-Filme (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article696a45ba6b40895ba7f7014c/bond-james-bond-an-sean-connerys-leistung-mussten-sich-alle-nachfolger-messen-lassen.html) vertonte, oder Ennio Morricone, der den Sound der Italo-Western (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255157734/Kulturgeschichte-Als-Europa-das-ureigenste-Genre-Amerikas-kaperte.html) miterschuf, verbanden klassische Orchesterklänge mit modernen Sounds, etwa von elektrischen Gitarren. Der Klang von „New Hollywood“ wurde immer experimenteller, jünger und oft minimalistischer – bis der große sinfonische Orchestersound Mitte der 1970er-Jahre sein Comeback feierte. Maßgeblich trug John Williams dazu bei, der mit seinen Vertonungen großer Blockbuster neue Maßstäbe setzte. Zu seinen oscarprämierten Meisterwerken zählen etwa sein Soundtrack zu Steven Spielbergs Horrorthriller „Der weiße Hai“ (1975) und seine bereits eingangs erwähnte Filmmusik zu George Lucas’ Weltraum-Saga „Star Wars“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6a1591e7f1c0dd3f2e7d56c9/star-wars-der-gigantische-kraftakt-hinter-die-rueckkehr-der-jedi-ritter.html) (ab 1977). Viele Werke von Williams wurden auch abseits der jeweiligen Filme populär, werden bis in die Gegenwart beispielsweise auf Konzerten aufgeführt oder bei großen Sportveranstaltungen gespielt und verkauften sich bestens auf Schallplatte und CD. Das galt ebenso für viele Meisterwerke von Williams Zeitgenossen wie Jerry Goldsmith (der die „Rambo“-Actionfilme (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article253885890/Rambo-Als-Rambo-wurde-Sylvester-Stallone-zum-Inbegriff-der-Ein-Mann-Armee.html) vertonte) oder James Horner, dessen „Titanic“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6a7d9f680773f8de246728b3/titanic-mit-dieser-filmischen-wahnsinnstat-wurde-james-cameron-zum-koenig-der-welt.html) -Soundtrack 1997 den eher hartgesottenen Regisseur des Films James Cameron nach eigener Aussage zu Tränen rührte, als er ihn zum ersten Mal hörte. Parallel zum klassischen sinfonischen Sound prägten elektronische Klänge ab den 1980ern zunehmend die Filmmusik. Ein Meilenstein war etwa der Synthesizer-Soundtrack, den Vangelis für die (auch von „Metropolis“ inspirierte) SciFi-Dystopie „Blade Runner“ (1982) erschuf. Die Grenze zwischen Produzent, Komponist und Sounddesigner wurde dabei unschärfer. Zu einem einflussreichen Vertreter davon wurde seit den 1990ern Hans Zimmer mit seinen wuchtigen Kombinationen aus elektronischen Klängen und großen Orchestern. Den „einen“, vorherrschenden Sound gibt es im Kino der Gegenwart nicht mehr, stattdessen ein Nebeneinander unterschiedlichster Strömungen und Stile. Sie alle eint, dass die Musik ein integraler Bestandteil des Films ist und bleibt. Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter eine Historie von Filmen, deren Dreharbeiten einem Himmelfahrtskommando glichen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68e7b09b14154520ea13854b/ich-liebe-den-geruch-von-napalm-am-morgen-die-hoelle-hinter-dem-dreh.html) .