Welt 14.10.2026
14:37 Uhr

Stiller Held in schwerer Zeit


Die Graphic Novel „Herr Werner wird zum Dieb“ erzählt eine wahre Geschichte: Wie der Hausmeister der Hamburger Kunsthalle „verbotene Kunst“ vor den Nazis rettete. 

Stiller Held in schwerer Zeit

Ein Großvater steht mit seiner kleinen Enkelin vor einem Gemälde, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Es heißt „Teresina“ und stammt von der Künstlerin Anita Rée (1885–1933). Die beiden besuchen das Bild regelmäßig. Was das kleine Mädchen nicht weiß: Ohne ihren Opa wären ihr Lieblingsbild und sechs weitere Rée-Werke während der NS-Zeit vermutlich vernichtet, zumindest aus dem Museum entfernt worden. Um dieses Verbrechen zu verhindern, beging Wilhelm Werner, so der Name des Großvaters, einen Kunstraub – was zu seinen Lebzeiten unbekannt blieb. Freund der Gegenwartskünstler Das neu erschienene Kinderbuch „Herr Werner wird zum Dieb“ erzählt erstmals die Geschichte eines zivilcouragierten Helden, der als Haus- und Werkmeister in der Kunsthalle arbeitete. Die Illustratorin und Autorin Andrea Offermann hat für ihre Graphic Novel mit Werners Familie gesprochen, in Archiven geforscht und die Wahrheit ans Licht gebracht. Unaufdringlich, in verhaltenen, von Schwarz und Grau dominierten Farben, ohne zu viele Worte zu machen, schildert Offermann in ihren Zeichnungen die Ereignisse: Dass Herr Werner äußerst verbunden war mit seinem Arbeitsplatz. Dass er die Gegenwartskünstler, die dort zur Zeit des progressiven Direktors Gustav Pauli ein- und ausgingen, die in kleinen Ateliers im Haus arbeiteten, gut kannte. Und dass er für die Maler Keilrahmen baute, Leinwände spannte und grundierte, für die Hängung der Kunstwerke in den Ausstellungsräumen verantwortlich war. Mehrere der Künstler zählte er zu seinen Freunden, darunter Heinrich Stegemann oder Willem Grimm. Sie besuchten ihn, porträtierten seine Familie und schenkten ihm sogar Bilder. Nachts mit der Taschenlampe ins Depot Doch dann änderten sich die Zeiten. Eine Diktatur brachte das Kunstleben in Deutschland zum Erliegen. Plötzlich waren Barbaren ohne Kunstverstand an der Macht, die jede Form der Avantgarde verabscheuten, die Pauli, dem Fürsprecher der Moderne, 1933 fristlos kündigten. „Sie wollten alles, was sie schlecht fanden, zerstören“, heißt es im Buch, das auch auf die Bücherverbrennungen eingeht sowie auf die Rassengesetze, die Verfolgung und Ermordung der Juden – und dies in einer Sprache, die eindringlich und für Kinder ab zehn Jahren gut verständlich ist. Kurz vor der Plünderung der Kunsthalle durch die NS-Beschlagnahmekommission nahm sich Herr Werner eines Nachts eine Taschenlampe zur Hand und schlich ins Depot. Von dort trug er die sieben Bilder der hochgeschätzten, zwischenzeitlich bereits verstorbenen Künstlerin Rée in seine Dienstwohnung, die sich im Souterrain des Museums befand. Die kostbaren Gemälde hüllte er in Decken und schob sie einfach unter das Bett, nur seine Frau wusste davon und bestätigte den Diebstahl erst nach Werners Tod 1975. Die Nazi-Kommission, die am Glockengießerwall mehr als 1300 Werke konfiszierte, fand die Rée-Bilder nicht im Bestand vor – kam aber nicht auf die Idee, im Schlafzimmer des Hausmeisters danach zu suchen. Wilhelm Werner löschte auch Brandbomben Während des Krieges machte sich Wilhelm Werner auch in anderer Hinsicht um die Kunsthalle verdient: Er löschte Brandbomben, die auf das Dach des Gebäudes fielen, verhinderte so das Schlimmste. Nach 1945 füllte sich das Museum wieder mit den Bildern, die den Krieg teils in Bunkern überdauert hatten. Und plötzlich, wie durch ein Wunder, tauchten auch die sieben Gemälde von Anita Rée wieder auf, bis heute ein Schatz des Hauses. Herr Werner verrichtete seine tägliche Arbeit, bis er 1952 in den Ruhestand ging. Danach kam er oft als Besucher, um „seine“ Bilder zu betrachten. Hier endet die eigentliche Graphic Novel. Darüber hinaus hat Offermann im Anhang des Buches Hintergrundwissen zusammengestellt. Zum Beispiel finden sich hier biografische Informationen über Anita Rée, Mitbegründerin der Hamburgischen Sezession, die ab 1930 aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln Anfeindungen ausgesetzt war. 1933 schloss man sie als „artfremdes“ Mitglied von der Hamburgischen Künstlerschaft aus. Auch ihre von der Gemeinde in Auftrag gegebenen Altarbilder für die Ansgarkirche in Langenhorn wurden unter politischem Druck abgelehnt. Verzweifelt zog sich Rée nach Sylt zurück und nahm sich dort das Leben. Erinnerungen an die Künstlerin Anita Rée Zur weiteren Vertiefung enthält der Anhang auch eine Liste mit Orten, die in Hamburg bis heute an das Schicksal der Künstlerin erinnern. Neben der Kunsthalle selbst sind das zum Beispiel der Ohlsdorfer Friedhof mit Rées Grab – sowie auch den Gräbern von Wilhelm Werner und Willem Grimm –, ihr Stolperstein vor dem Haus Fontenay 11 in Eimsbüttel, oder die Ansgarkirche, wo Entwürfe und Schwarz-Weiß-Fotografien der inzwischen zerstörten Altarbilder zu sehen sind. Andrea Offermann: „Herr Werner wird zum Dieb“. Carlsen, 112 Seiten, 15 Euro