Was ihre Popularität angeht, spielt Königin Luise von Preußen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6996d2628523289452134b1e/waterloo-der-marsch-nach-norden-wie-ein-preussischer-entschluss-napoleon-ins-verderben-fuehrte.html) lange Zeit in derselben Liga wie später die österreichische Kaiserin Sisi oder die britische Prinzessin Diana. Mit beiden teilt sie eine natürliche, volksnahe Ausstrahlung, ein Fremdeln mit der höfischen Etikette und letztlich ein tragisches Schicksal. Genug Stoff für reichlich Mythos und verkitschten Personen-Kult weit über den Tod hinaus. Vor 250 Jahren, am 10. März 1776, kam Luise als Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz zur Welt. Nur 34 Jahre später starb die Mutter von Kaiser Wilhelm I. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article231521507/Wilhelm-I-Dieses-Attentat-auf-den-Kaiser-erfreute-den-Kanzler.html) als preußische „Königin der Herzen“ an einer Lungenentzündung. Nach dem frühen Tod der Mutter verlebt Luise Kindheit und Jugend bei ihrer Großmutter in Darmstadt, deren warmherzig-fröhliche Art und Volkstümlichkeit die Enkelin prägen. Mit 17 Jahren schließt sie den arrangierten Ehebund mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. Von dessen Vater, König Friedrich Wilhelm II., ist überliefert, dass er von Luisens Schönheit sehr angetan ist und den Sohn anweist, sich zu verlieben. Fünf Tage nach dem ersten Treffen erfolgt der Heiratsantrag, ein gutes Dreivierteljahr später die Hochzeit in Berlin. Obwohl die Ehe eine klassische Zweckverbindung des Hochadels war, spricht vieles dafür, dass Luise und ihr schüchterner und etwas spröder Gemahl einander zugetan waren. Beide duzen sich, für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich. Das junge Paar führt einen für seine Verhältnisse eher einfachen Lebensstil und nimmt an zahlreichen volkstümlichen Vergnügungen teil. Luise tanzt für ihr Leben gern und ist modisch immer „up to date“, wird gar zur Stil-Ikone ihrer Zeit. In Paretz bei Potsdam, der vom Königspaar gebauten Sommerresidenz, lassen sich noch heute ihre prachtvollen Roben bestaunen. Der Überlieferung nach liebt sie es, morgens im Bett eine Tasse Kakao zu trinken und dann mit ihren Kindern ausgelassen zu toben. Von ihren zehn Kindern erreichen sieben das Erwachsenenalter. Spaziergänge ohne Gefolge auf Berlins Prachtstraße Unter den Linden, Besuche auf dem Weihnachtsmarkt – die Bevölkerung schließt Luise rasch ins Herz. Auch dass sie mit der höfischen Etikette ihre Probleme hat und mit teils bürgerlichen Lebensauffassungen immer mal aneckt, trägt früh dazu bei, dass sie rasch zur „Königin der Herzen“ aufsteigt. Als das junge Paar 1797 den preußischen Thron besteigt, ist die Bevölkerung erleichtert, denn der Verschwendungssucht und Mätressenwirtschaft von Friedrich Wilhelm II. war man überdrüssig. Rasch beginnt ein regelrechter Personen-Kult um die damals 21-jährige Königin Luise. Berühmt sind etwa August Wilhelm Schlegels Verse: „Sie wär' in Hütten Königin der Herzen. Sie ist der Anmut Göttin auf dem Thron.“ Heinrich von Kleist dichtete: „Dein Haupt scheint wie von Strahlen mir umschimmert.“ Doch schnell werden die Zeiten politisch stürmisch. Am 9. Oktober 1806 erklärt Preußen Frankreich den Krieg. Nur fünf Tage später bringt Napoleon dem preußischen Heer bei Jena und Auerstedt eine vernichtende Niederlage bei und zieht als Sieger in Berlin ein. Das preußische Königspaar muss fliehen, teils auf getrennten Wegen. Luises Weg mit den Kindern führt nach Königsberg in Ostpreußen. Unterdessen erkrankt sie an Typhus. 1807 kommt es zu einer persönlichen Begegnung mit Napoleon in Tilsit, die beide ambivalent schildern. Luise notiert in ihr Tagebuch: „Seine Talente bewundere ich; aber seinen Charakter, der offenbar hinterlistig und falsch ist, kann ich nicht lieben.“ Sie nennt ihn verächtlich „Nöppel“; er schmäht sie als „kriegslüsterne Amazone“, ist aber auch für ihren Charme nicht ganz unempfänglich. Politisch freilich erreicht sie nichts: Preußen verliert die Hälfte seiner Provinzen und wird zu horrenden Reparationen verpflichtet. Erst 1809 kann das Königspaar nach Berlin zurückzukehren. Ein Jahr später stirbt die geschwächte Königin an einer Lungenentzündung. Auf ihre Popularität wirkt der frühe Tod wie ein Booster: Luises Verehrung und Verklärung nehmen gigantische Ausmaße an. Künstler und Literaten stilisieren sie zur preußischen Madonna, die über die Geschicke des Landes wacht. Schilderungen ihrer Flucht lassen sie als Inbegriff der stillen Dulderin und als weltliche Märtyrerin erscheinen. Ihren Höhepunkt erreicht die Verehrung in der Kaiserzeit ab 1871, als ihr Sohn Wilhelm zum deutschen Kaiser aufsteigt: Denkmäler, Sammeltassen, Kupferstiche, Luisen-Orden, Luisen-Gymnasien – so manchem Intellektuellen der Zeit, wie etwa Theodor Fontane, geht der Personenkult gehörig auf die Nerven. Der 100. Todestag Luises wird 1910 als „Familienfest für Millionen“ inszeniert. Mit der Auflösung Preußens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verliert der Luisenmythos rapide an Bedeutung. Nur noch zu runden Jubiläen wird an die einzige „Pop-Prinzessin“ und „Nationalheilige“ erinnert.