Welt 24.05.2026
15:32 Uhr

Russische Weißheiten


„Der Schneesturm“ von Kirill Serebrennikov nach dem Roman von Vladimir Sorokin sorgte im Thalia Theater für einen Applaussturm. Mit dem Gastspiel vom Düsseldorfer Schauspielhaus wurde das Hamburger Theaterfestival eröffnet.

Russische Weißheiten

Bertrunken umgefallen, erfroren. Das ist russisch“, heißt es so lakonisch wie (selbst)ironisch in „Der Schneesturm“ auf der Bühne des Thalia Theaters. Da haben der Arzt Doktor Garin (Felix Knopp) und sein Kutscher Perkusha (Filipp Avdeev) gerade einen erfrorenen Riesen mit einer leeren Wodkaflasche und einem Ständer – in Gestalt eines lilafarbenen, erigierten Penis – im Schnee gefunden. Friedrich Hollaenders Chanson „Stroganoff“ lässt grüßen: „Das ist russisch, echt russisch, hei, hei!“ An Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ erinnert die Szene ebenfalls. Denn am Riesen ziehen fünfzig kleinwüchsige „Pferdis“ in Gestalt von Schleich-Pferden vorbei, das Gespann des Doktors. Der Arzt will einen Impfstoff zu den Kranken des Ortes Langenweiler (!) bringen, der in mehreren Dosen (siehe Corona) verabreicht werden muss. Es geht um die Behandlung einer „bolivianische Seuche“, die Menschen zu Zombies macht. Der Landarzt steht im Zentrum des Geschehens – Romanautor Sorokin spitzt das russische Drama auf der soliden Basis von Bulgakow, Tschechow und Turgenjew zu. Das russische Ziel ist der russische Weg Das grandiose Gastspiel des Bühnenstückes von Kirill Serebrennikov nach Sorokins Roman aus dem Repertoire des Düsseldorfer Schauspielhauses eröffnete am Samstag das Hamburger Theaterfestival. Das Schneegestöber des ersten Teils, über Strecken ergänzt um ein Sprachgestöber der wegen ihres russischen Akzents schlecht zu verstehenden Schauspieler, entfacht im zweiten Teil als Schneesturm einen Sog, dem sich niemand im Theater entziehen kann. Denn die beiden Hauptfiguren des Abends, intensiv gespielt von Knopp und Avdeev, sterben schließlich im Schnee, ohne ihr Ziel zu erreichen. Das russische Ziel ist der russische Weg. Der folgt irgendeiner Utopie, endet im Nichts und kostet Menschenleben. Im Grunde gibt es ihn gar nicht, dauernd geht er verloren in unendlichen Flächen aus Eis und Schnee. Das russische Drama aber kristallisiert sich klar heraus: Auf die russische Frage gibt es keine Antwort. Das ist nur eine von vielen russischen „Weißheiten“ an diesem Abend. Drei Stunden lang wütet der Schnee auf der Bühne, die ebenso wie die Kostüme von Serebrennikov entworfen wurde. Fast ununterbrochen fällt er hinab, wirbelt oder spielt in wenigen zarten Flocken, bis kurz vor Schluss eine eisige Kälte übernimmt. Die Bühne selbst ist ein Kunstwerk, in dem die beiden Hauptdarsteller und ein Ensemble von sieben Schauspielern, darunter Sonja Beißwenger, die als Sopranistin glänzt, und Mikhail Poliakov, der wundervoll Klavier und Akkordeon spielt. Letzteres in so gut wie jeder Lebenslage und Körperhaltung. Die glorreichen Sieben gestalten den Abend als multimediale Show – inklusive Background-Chor für all die russische Folklore und die russischen Klagegesänge, die im zwölften und letzten Kapitel, beim Tod der Protagonisten, mit einem Wiegenlied endet. Drei Stufen im Schnee und eine Showtruppe Meist weiß gekleidet wie der Schnee agieren sie auf drei Stufen, vorn im Schnee, in der Mitte als muntere Showtruppe im weißen Glitzer-Kabarett-Fummel auf einem Laufsteg, der parallel zur Rampe verläuft und auf dem schneebedeckte Teppiche ausgerollt werden. Und weiter hinten, noch weiter oben, wo sich ein futuristischer, kreisrunder Kutschbock, garniert mit den Pferdchen, zwischen zwei ovalen Porträtflächen dreht. Den erklimmen der Doktor und der Kutscher immer wieder, setzen gläserne Kosmonauten-Kugelhelme auf, die Kameras enthalten, sodass die Gesichter enorm vergrößert auf den Porträtflächen erscheinen. Im Thalia Theater macht sich bemerkbar, dass die Kulisse für die größeren Bühnen in Salzburg und Düsseldorf entworfen wurde: Eine schmale Projektionsfläche am oberen Rand entschwindet den Augen der Zuschauer in den vorderen Reihen gänzlich, die zurecht das Gefühl bekommen, sie wären wie im Kino weiter hinten besser aufgehoben gewesen. Schneeweißchen und Feuerrot Auf der Reise gilt es, allerlei Gefahren zu überleben, eine Drogenbande zum Beispiel, die ein neues Produkt am Doktor testet. Der hat bei dieser Gelegenheit eine Menge Halluzinationen, wird in einem Alptraum in einem Kessel voller Pflanzenöl gegart und hat eine Nahtoderfahrung. Immer wieder baut Serebrennikov das Feuer als Kontrast in den Schneesturm ein. Da wird es dann rot auf der Bühne. Erst brennt es in einem Ofen, hinter dem es den Kutscher hervorzulocken gilt. Während des Drogenexperiments heizt es den Kessel von unten. Da wird der Doktor ins Feuer geschickt, auch das lässt sich leicht auf die russische Gegenwart beziehen. Zu guter Letzt begegnet dem Doktor gar ein brennender Busch, der erwartungsgemäß sprechen kann und die wesentlichen Fragen stellt, die frei nach Gott jeder für sich selbst beantworten muss. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Das bringt selbst die hartnäckigste, permanente, permafrostbedingte Lethargie zum Schmelzen. Aus Angst vor Wölfen verweigern schließlich die Pferdis ihren Dienst, was zu einem zu langen Aufenthalt in der Kälte führt. In der Sterbeszene vermischen sich ikonisch tief verwurzelte Mythen, Märchen, Illusionen und die bittere Realität zu einer neuen Dimension der Wirklichkeit. Garin und Perkusha hauchen nicht ihrem Atem aus, sondern ihre Seele, denn sie sind Russen. Ausblick auf „Richard III“ am Schauspielhaus Das Stück erfreue sich auch in der russischen Gemeinde großer Beliebtheit, berichtete Generalintendant Wilfried Schulz vom Düsseldorfer Schauspielhaus im Anschluss an die Premiere. Schulz übernahm das Stück nach seiner Uraufführung bei den Salzburger Festspielen ins Düsseldorfer Repertoire. Mit seinem Ensemble war der Intendant zur Eröffnung des Theaterfestivals nach Hamburg gereist. Festival-Intendant Nikolaus Besch beschwor in seiner Eröffnungsrede die Macht freier Kunst und Kultur, die in keiner Diktatur geduldet werden. Denn sie enthalten eine Sprengkraft, deren Entfaltung jedes System der Unterdrückung gefährdet. Nicht von ungefähr leben Vladimir Sorokin und Kirill Serebrennikov im Berliner Exil. Als zweites Gastspiel vom Düsseldorfer Schauspielhaus wird beim Hamburger Theaterfestival „Richard III“ von William Shakespeare gezeigt, in einer gefeierten Inszenierung des Regisseurs Evgeny Titov, ebenfalls ein Russe im Exil. Spielort ist am 27. und 28. Mai das Deutsche Schauspielhaus. Das Programm des Theaterfestivals unter: hamburgertheaterfestival.de