Beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg hat sich der russische Präsident Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz für ausländische Nachrichtenagenturen siegesgewiss im Krieg gegen die Ukraine gegeben. Auf den nahezu gleichzeitig veröffentlichten Brief, in dem ihm der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj direkte Friedensgespräche in einem Drittstaat anbot, reagierte Putin indirekt. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zufolge sei Putin über die Botschaft informiert, habe jedoch noch keine Gelegenheit gehabt, sie ausführlich zu lesen. Peskow sagte vor Journalisten in St. Petersburg lediglich: „Präsident Putin hat gesagt, dass Selenskyj nach Moskau kommen könne, wenn er reden möchte“, sagte Peskow. Selenskyj hatte Moskau (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/moskau/) als Gesprächsort bereits mehrfach abgelehnt. Zudem erneuerte Moskau die Forderung nach einer vollständigen Kontrolle der ukrainischen Donbas-Region als Voraussetzung für einen Frieden. Selenskyj bot Putin die direkten Gespräche vor dem Hintergrund stockender US-amerikanischer Vermittlungen an. „Ich schlage Ihnen ein Treffen vor“, hieß es in dem vom Präsidentenbüro in Kiew veröffentlichten Schreiben. Die Staatsführer sollten die „Schlüsselfragen“ selbst besprechen. Als ersten Schritt schlug Selenskyj eine Waffenruhe entlang der jetzigen Frontlinie vor, die von den Vereinigten Staaten überwacht werden soll. Dem könne ein Gefangenenaustausch „aller gegen alle“ und eine Rückkehr von Zivilisten und „während des Krieges verschleppten“ Kindern folgen. An den Gesprächen sollten der Ansicht Selenskyjs nach zudem Vertreter Europas und der Vereinigten Staaten auch als mögliche Garanten beteiligt werden. US-Präsident Donald Trump sagte vor Journalisten im Weißen Haus auf den Brief angesprochen, dass er es gut fände, wenn es zu einem Treffen zwischen Putin und Selenskyj käme. Putin offen für Friedensvorschläge von Trump Putin wies die Vorstellung seinerseits zurück, dass Länder der Europäischen Union bei Friedensgesprächen zwischen Russland und der Ukraine (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ukraine/) vermitteln könnten, denn „Vermittlung setzt Neutralität voraus. Wo bleibt hier die Neutralität?“ Mögliche Vermittler von außen müssten das Vertrauen beider Seiten genießen, so Putin. Gleichzeitig zeigte er sich offen für Friedensvorschläge von US-Präsident Donald Trump, setzte aber Kompromisse der Ukraine voraus. Wenn die Regierung in Kiew dazu bereit sei, könnten Trumps Pläne die Kämpfe beenden, sagte Putin. Dabei bezog er sich bei den geforderten Zugeständnissen auf einen Gipfel mit Trump im vergangenen August in Alaska. Russland stimme den in Anchorage besprochenen Kompromissen zu, erklärte er. Dies dürfte sich auf die Forderung Moskaus beziehen, dass die Ukraine den Rest der ostukrainischen Donbas-Region aufgeben müsse. Putin erklärte, er habe Trumps Kompromissvorschläge akzeptiert, da diese „als Grundlage für Vereinbarungen zwischen Russland und der Ukraine dienen und den Konflikt beenden könnten“. Moskau strebe eine umfassende Lösung an, nicht nur einen vorübergehenden Waffenstillstand, sagte er. „Es besteht keine Notwendigkeit, die Feindseligkeiten auszusetzen, um Verhandlungen aufzunehmen“, sagte er. „Natürlich möchte die ukrainische Seite, dass wir den Vormarsch der russischen Truppen stoppen. Aber es wäre besser, den Krieg zu beenden, indem man den in Anchorage diskutierten Kompromissen zustimmt.“ Zugleich erklärte er, die russischen Truppen würden täglich an der Front vorrücken. Russland habe inzwischen die vollständige Kontrolle über die Region Luhansk sowie 85 Prozent von Donezk und 80 Prozent von Saporischschja übernommen. Westliche und ukrainische Militärexperten weisen dagegen darauf hin, dass sich der russische Vormarsch deutlich verlangsamt habe. Putin droht mit Einsatz neuer Hyperschallrakete Zugleich drohte Putin mit dem Einsatz der neuen Hyperschallrakete vom Typ Oreschnik. Die atomar bestückbare Waffe mit einer Reichweite von mehr als 5000 Kilometern sei in der Ukraine bislang nur zu Testzwecken abgefeuert worden. Man werte die Ergebnisse nun aus, um über einen großangelegten Einsatz zu entscheiden, der auch städtische Ziele einschließen könnte. Die im Westen verbreiteten Warnungen vor einer russischen Gefahr und einem womöglich baldigen Angriff Moskaus auf ein Nato-Land wies Putin mit Nachdruck als „Unsinn“ zurück. „Aber meiner Meinung nach ist es nicht nur Unsinn – es ist eine bewusste Provokation“, sagte Putin. Es werde gezielt eine Bedrohungslage heraufbeschworen, „die in Wirklichkeit gar nicht existiert“, sagte der Präsident. Ziel sei es, „die Bevölkerung der eigenen Länder dazu zu zwingen, mehr Geld für die Verteidigung auszugeben“, sagte Putin. Er sei verwundert, dass ein Teil der Bevölkerung in den europäischen Ländern diese Erzählungen glaube. „Es wäre lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre“, sagte er. „Jeder, der denkt, dass Russland das Territorium der Nato (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/nato/) überfallen könnte, sollte sich die Frage stellen: Wozu?“, sagte Putin. Das westliche Bündnis gilt Russland militärisch überlegen. Die Beteuerungen Putins, er plane keine Attacken gegen Nato-Gebiet, werden immer wieder angezweifelt im Westen. Der Kremlchef hatte auch vor Beginn der russischen Invasion der Ukraine erklären lassen, dass Moskau keinen Krieg plane.