Als die ersten Streifenwagen kurz nach ein Uhr nachts in die Max-Herrmann-Straße in Berlin-Marzahn einbiegen, ist der bewaffnete Mann bereits verschwunden. Ein Zeuge hatte zuvor den Notruf gewählt. Er habe einen Mann mit einer größeren Schusswaffe in der Hand gesehen. Wenig später suchen Polizisten die dunklen Wege des benachbarten Bürgerparks Marzahn ab. Auch ein Polizeihubschrauber kreist über dem Gebiet. Der entscheidende Hinweis kommt jedoch wenig später aus einer Parallelstraße. In der Lea-Grundig-Straße riegeln schwer bewaffnete Beamte der Berliner Einsatzhundertschaft ein modernisiertes Mehrfamilienhochhaus ab. Vor dem Gebäude beziehen die Einsatzkräfte Stellung, niemand soll den Gebäudekomplex unbemerkt verlassen können. Wenig später erfolgt der Zugriff auf eine Wohnung. Die Festnahme des Verdächtigen wird durch die Bodycams der Beamten dokumentiert. Auch ein Spezialeinsatzkommando wird hinzugezogen. Nach Informationen von WELT finden die Ermittler in der Wohnung mehrere Schusswaffen und Munition. Unter den sichergestellten Waffen befindet sich auch ein Revolver. Anschließend durchsuchen die Beamten weitere Räumlichkeiten des Mannes. Dabei stoßen sie auf weiteres belastendes Material. Im Keller entdecken die Einsatzkräfte unter anderem eine etwa zwei Meter mal einen Meter große Reichsflagge sowie weitere Symbole mit Bezug zum Nationalsozialismus. Zudem werden mehrere Langwaffen und Waffenzubehör sichergestellt. Wie WELT erfuhr, soll der Festgenommene dem rechtsextremen beziehungsweise neonazistischen Milieu zugerechnet werden. Ob der Mann die sichergestellten Waffen rechtmäßig besaß oder über entsprechende Erlaubnisse verfügte, ist derzeit unklar. Mit einer über den Kopf gezogenen Reichsflagge wird der Tatverdächtige von Polizeibeamten aus dem Wohnhaus geführt. Er wird in eine Gefangenensammelstelle gebracht. Die Szene werde „jünger und aggressiver“ Der Fund passt zu einer Entwicklung, vor der das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz seit Längerem warnt. In seinem aktuellen Bericht verweist die Behörde auf eine zunehmende Radikalisierung rechtsextremer Strukturen in der Hauptstadt. Insbesondere lose Netzwerke und neue Gruppierungen verbreiteten offen rassistische, NS-verherrlichende und gewaltbefürwortende Inhalte. Das Gewaltpotenzial dieser Szene sei hoch. Zugleich registriert der Verfassungsschutz einen Anstieg gewaltorientierter Rechtsextremisten in Berlin. Die Szene werde „jünger und aggressiver“, heißt es in dem Bericht. Die Zahl der gewaltorientierten Rechtsextremisten wird inzwischen auf rund 820 Personen geschätzt. Die Berliner Polizei bestätigte auf WELT-Anfrage einen Einsatz in der Max-Herrmann-Straße. Demnach sei gegen ein Uhr eine männliche Person mit einer größeren Waffe gemeldet worden. Beim Eintreffen der Einsatzkräfte habe jedoch keine entsprechende Person mehr festgestellt werden können. Weitere Auskünfte möchte die Polizei nicht geben. Die weiteren Ermittlungen hat inzwischen das Landeskriminalamt Berlin übernommen. Die Durchsuchungsmaßnahmen dauerten nach WELT-Informationen bis in die frühen Morgenstunden an. Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail (verlinkt auf mailto:investigativ@welt.de) oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).