Es war bereits der dritte Anschlag auf das Leben des US-Präsidenten. Nach den Schüssen bei einer Abendveranstaltung (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69eed136e5056f185e23629b/trump-dinner-mit-hallo-zusammen-beginnt-der-schuetze-sein-manifest-dann-macht-er-der-us-regierung-vorwuerfe.html) in Washington am Samstagabend, bei der neben Trump auch etliche Kabinetts- und Kongressmitglieder zugegen waren, gewinnt das Rennen um die Deutungshoheit der Ereignisse an Fahrt. „USA gegen Iran – nicht unser Krieg, aber unser Problem?“, fragt deshalb Moderatorin Caren Miosga am Sonntag das Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und SPD-Politiker Hubertus Heil, die Vizepräsidentin für Transatlantische Sicherheitsinitiativen des German Marshall Fund, Claudia Major, und den Nahostexperten und Autor Daniel Gerlach. Auch der „Wall Street Journal“-Chefkorrespondent für Europapolitik saß in der Runde: Bojan Pancevski. Von ihm wollte Miosga gleich zu Beginn der Sendung wissen, was über den Täter und seine Motive bekannt ist. Verfolgen Sie hier alle Entwicklungen zum Iran-Krieg im Live-Ticker (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69edc7c5161d963ca5f21ddd/iran-krieg-putin-empfaengt-irans-aussenminister-teheran-legt-den-usa-offenbar-neuen-vorschlag-vor-liveticker.html) „Es ist ein relativ ungewöhnlicher Täter“, erklärt der Journalist. Er sei ein junger Mann, 31 Jahre alt, studierter Ingenieur mit einem Diplom von einer der weltweit besten Universitäten. „Er war als Erfinder tätig gewesen und arbeitete zuletzt als Lehrer“, sagt Pancevski. „Trump und seine Minister sind Verbrecher und verdienen, abgeknallt zu werden“, stehe in seinem Manifest. „Er ist ein liberaler Mensch gewesen und hat sich im Laufe der Präsidentschaft von Donald Trump radikalisiert.“ Der mutmaßliche Schütze soll am Montag einem Bundesrichter vorgeführt werden. Bei den beiden anderen vereitelten Anschlägen konnte Trump das Momentum – so zynisch das klingt – jeweils für sich nutzen, seine Zustimmungswerte stiegen danach. Auch am Samstag war Trump um eine schnelle Reaktion bemüht und gab sich unerschrocken. Das führt Miosga zum eigentlichen Thema der Sendung: dem Iran-Krieg. „Das Interesse des Iran war von Anfang an, diesen Krieg von einem militärischen in einen politischen Konflikt zu übersetzen“, sagt Sicherheitsexpertin Claudia Major. Der Iran weiß, dass er militärisch nicht gewinnen kann. Er muss einfach länger durchhalten und signalisiert damit den USA: „Wir halten es länger durch als ihr. Wir nehmen die Weltwirtschaft als Geisel durch die Sperrung der Straße von Hormus. Ihr und eure Verbündeten haltet es nicht so lange durch wie wir.“ Oder: „Länger durchhalten ist das neue Siegen“, sagt Sicherheitsexpertin Major. „Ist das Schattenboxen?“, will Miosga also vom Nahostexperten Daniel Gerlach wissen. „Iran verhandelt nach einem bestimmten Muster, das man auch vorher schon kannte. Die Iraner wollen Verhandlungsmasse schaffen. Sie wollen etwas haben, worüber sie verhandeln können“, sagt er und warnt zugleich: „Die Iraner, die da involviert sind, handeln mit dem Bewusstsein, dass das ihr letzter Tag sein könnte.“ „Die Amerikaner brauchen jetzt sehr schnell einen Deal, wenn sie so unter Druck sind“, wendet sich Miosga an den SPD-Politiker Heil. Dieser betont, dass die Kriegsziele am Anfang nicht klar definiert waren, und sagt, dass politische Lösungen wichtiger sind als militärische Eskalation: „Der Mut zum Frieden im Nahen Osten muss manchmal größer sein als der Mut zum Krieg.“ Gleichzeitig verschärft jeder zusätzliche Kriegstag die globalen Folgen – von steigenden Preisen bis zu Hunger, etwa durch eine mögliche Blockade der Straße von Hormus, da keine Düngemittel mehr exportiert werden. „In Bangladesch sind gerade Tankwarte erschlagen worden wegen einer Energiekrise.“ Major greift in der weiteren Diskussion mit der „Impotenz der Macht“ einen weiteren Punkt auf. „Die Amerikaner sind militärisch enorm mächtig. Sie schaffen es aber trotzdem nicht, ihre Kriegsziele zu erreichen. Und das betrifft letztlich auch uns in Europa“, sagt sie. Denn die USA verbrauchen wichtige Ressourcen. Zentrale Waffensysteme wie Raketenabwehr oder Marschflugkörper sind nur begrenzt verfügbar und benötigen Jahre zur Nachproduktion. Dadurch geraten die USA strategisch unter Druck – mit direkten Folgen für Europa. Major glaubt, dass eine der großen Lektionen für Europa „die Frage der industriellen Nachproduzierbarkeit“ ist. Salopp sagt sie: „Armeen gewinnen Schlachten, die Industrie gewinnt Kriege. Wenn wir nicht in der Lage sind, Munition oder kompliziertere Systeme schneller, mehr und günstiger zu produzieren, dann sind wir nicht wirklich verteidigungsfähig.“ In der Straße von Hormus blockieren sich Iran und USA nun gegenseitig: Schiffe riskieren Beschuss, während Iran gleichzeitig ausgewählte Partner weiter passieren lässt. Die Amerikaner blockieren dafür die Häfen im Iran. So entsteht eine gefährliche Pattsituation ohne klare Lösung. „Herr Heil, wie kommt man da aus dieser Pattsituation heraus?“, fragt die Moderatorin. „Das Wichtigste ist, dass man zu einem dauerhaften Waffenstillstand kommt. So schwer das ist und so idiotisch die Kriegsgründe sind“, erklärt Heil. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Heil fordert, dass Europa aus der Krise langfristig die richtigen Lehren zieht: mehr Unabhängigkeit, vor allem von fossilen Energien. Kurzfristig gehe es aber auch um konkrete Maßnahmen wie Entlastungen und Energiesparen. Er warnt davor, von Krise zu Krise zu reagieren, und betont, dass sich Abhängigkeiten nur verlagert haben – etwa hin zu LNG aus anderen Regionen. Deshalb brauche es eine konsequente, langfristige Strategie für mehr Energiesouveränität. „Wir müssen unabhängiger werden von fossilen Energien, weil wir immer wieder erleben, dass solche Störungen ein Problem für unsere Volkswirtschaft und für die gesamte Welt werden können.“ Er betont, dass Deutschland und Europa langfristig weiter auf fossile Energie – vor allem Gas – angewiesen bleiben, weil erneuerbare Energien die Grundlast (Baseload) noch nicht zuverlässig sichern können. Wer keine Kernkraft mehr hat, dem bleiben nur Gas, Kohle und Öl – und in Deutschland „verbrennt man wie wild Kohle“. Bojan Pancevski sagt, dass quer durch die Politik – von Robert Habeck über Angela Merkel bis Katherina Reiche – auf Gaskraftwerke gesetzt wurde. Demzufolge warnt der US-Journalist: „Ohne Gas kommt Deutschland nicht weiter.“ Die Energieabhängigkeit sei daher strukturell und werde sich auf absehbare Zeit kaum auflösen. „Die Abhängigkeit von Gas, die man während Schröder und Merkel geschaffen hat, ist da und bleibt.“