Im Umgang mit der NS-Vergangenheit des Logistikkonzerns Kühne+Nagel deutet sich eine grundsätzliche Wende an. Das Unternehmen werde sich der Frage nach seiner Rolle während des Nationalsozialismus widmen, sagte Jörg Dräger, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung, dem NDR. „Die Frage nach der Nazi-Vergangenheit des Unternehmens“ sei eine, „der sich der Konzern Kühne+Nagel widmen wird“, erklärte Dräger wörtlich. Zugleich grenzte er die Verantwortung des Ende August im Alter von 89 Jahren gestorbenen Unternehmers Klaus-Michael Kühne von der Geschichte seiner Familie und des Konzerns ab: „Es ist auch gar nicht Herr Kühne selbst betroffen gewesen. Er war zu Kriegszeiten sieben Jahre alt. Es betrifft die Geschichte des Unternehmens, was er groß gemacht hat.“ Die Ankündigung ist dennoch bemerkenswert, weil Kühne+Nagel und sein langjähriger Mehrheitsaktionär einer unabhängigen und öffentlichen Untersuchung bislang ablehnend gegenüberstanden. Klaus-Michael Kühne hatte wiederholt argumentiert, wesentliche Unternehmensakten aus der Zeit seien im Krieg zerstört worden. Noch im Frühjahr 2025 erklärte er im Gespräch mit dem „Spiegel“, die Debatte sei erst 2015 und damit 70 Jahre nach Kriegsende aufgekommen. „Wenn die Diskussion kurz nach dem Krieg aufgekommen wäre, hätte ich volles Verständnis“, sagte Kühne damals. Seitdem sei das Thema ein „Dauerbrenner“, bei dem „alte Wunden aufgerissen“ würden. Nach seinem Tod scheint die Stiftung nun Distanz zu dieser Schlussstrich-Haltung zu gewinnen. Allerdings bleiben die konkreten Bedingungen der angekündigten Aufarbeitung noch offen. Aus der vom NDR wiedergegebenen Erklärung geht bislang nicht hervor, ob unabhängige Historiker beauftragt werden, welche Archive geöffnet werden, ob auch externe Quellen in Deutschland und den ehemals besetzten Ländern berücksichtigt werden und ob ein Abschlussbericht vollständig veröffentlicht werden soll. Ebenso offen ist, wann die Untersuchung beginnen und wie lange sie dauern soll. Vom Bremer Spediteur zum Profiteur des NS-Staates Kühne+Nagel wurde 1890 von August Kühne und Friedrich Nagel in Bremen gegründet. Wenige Jahre später entstand eine Hamburger Niederlassung, die der jüdische Kaufmann Adolf Maass aufbaute. Maass wurde Teilhaber und war mit 45 Prozent an der Hamburger Niederlassung beteiligt. Nach dem Tod des Firmengründers August Kühne übernahmen dessen Söhne Alfred und Werner das Unternehmen. Im April 1933, nur wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, schied Maass ohne Abfindung aus der Firma aus. Wenige Tage später, am 1. Mai 1933, traten Alfred und Werner Kühne laut öffentlich zugänglicher Quellen in die NSDAP ein. Kühne+Nagel profitierte fortan von der Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Bereits vor Kriegsbeginn transportierte die Spedition das Umzugsgut deutscher Juden, die zur Emigration gezwungen wurden. Nach Kriegsbeginn wurde eingelagertes Eigentum nicht mehr ausgeführt, sondern beschlagnahmt und teilweise verkauft. Nach Recherchen von NDR und „Tagesschau“ wurden zwischen 1942 und 1944 fast 70.000 Wohnungen geplündert. Das Unternehmen organisierte Transporte des geraubten Eigentums ins Deutsche Reich und wurde in den Kriegsjahren wiederholt als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Dreßen fand Akten, nach denen Kühne+Nagel für Transporte aus Frankreich und den Benelux-Ländern Hunderte Frachtkähne und Züge sowie Zehntausende Güterwaggons einsetzte. Der Historiker Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte, sprach mit Blick auf diese Geschäfte von einer „Form von Leichenfledderei“. Kühnes Schutz des väterlichen Erbes Klaus-Michael Kühne, 1937 geboren, trug für die damaligen Geschäfte keine persönliche Verantwortung. Verantwortlich war er jedoch für den späteren Umgang mit der Unternehmensgeschichte. Er trat 1958 in die Firma ein und baute sie in den folgenden Jahrzehnten zu einem weltweit führenden Logistikkonzern aus. Seinem Vater Alfred blieb er eng verbunden. Über ihn sagte Kühne später: „Er hat seine Familie klug und umsichtig durch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gebracht. Dafür schulde ich ihm großen Respekt.“ Noch im März 2025 erklärte Kühne gegenüber einer ARD-Recherche: „Ich bin der Meinung, dass mein Vater und mein Onkel unser Unternehmen unter den obwaltenden Umständen gut durch den Zweiten Weltkrieg gebracht haben.“ Der Konzern wiederum teilte in früheren Jahren mit, er habe seine Rolle in der NS-Zeit „gründlich und kritisch hinterfragt und aufgearbeitet“. Eine allgemein zugängliche wissenschaftliche Untersuchung, die diesen Anspruch belegt, wurde jedoch bisher nicht veröffentlicht. Kurz vor seinem Tod waren von Kühne allerdings schon vorsichtig veränderte Töne zu hören. „Ich denke jetzt mehr über das Thema nach, auch angeregt dadurch, dass ich ständig dazu befragt werde“, sagte er in einem Interview. Die Oper verschärfte die Debatte Die neue Entwicklung ist kaum von dem geplanten Opernhaus auf dem Baakenhöft in der HafenCity zu trennen. Die Kühne-Stiftung soll Planung und Bau des Gebäudes finanzieren. Die Stadt beteiligt sich mit gedeckelten 147,5 Millionen Euro an standortbedingten Mehrkosten, etwa für Gründung und Flutschutz. Hinzu kommen rund 104 Millionen Euro für die Herrichtung des Grundstücks, Promenaden und Ufereinfassung. Nach der Fertigstellung sollen die Anteile der Stiftung an der Projektgesellschaft und damit das Opernhaus als Schenkung an die Stadt übergehen. Die Bürgerschaft stimmte den Vereinbarungen am 26. November 2025 mit großer Mehrheit zu. Gerade dieses Großprojekt hatte die Kritik am Umgang Kühnes mit der Firmengeschichte erheblich verstärkt. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und weitere Initiativen wandten sich gegen den Opernvertrag, weil Kühne eine unabhängige Aufarbeitung verweigere. Gegner des Projekts verwiesen zudem auf die besondere historische Belastung des Baakenhöfts und des Baakenhafens. In einem Positionspapier wurde geltend gemacht, geraubtes jüdisches Eigentum sei im Hafengebiet zwischengelagert worden. Die Kritik richtete sich auch gegen den Senat, der nach Auffassung der Initiativen die Herkunft des Vermögens und die historische Verantwortung des Unternehmens bei der Bewertung der Schenkung ausblende. Dräger nannte nun dem NDR inzwischen die Jahre 2032 bis 2034 als mögliches Zeitfenster für die Eröffnung der Oper. Ein finanzielles Desaster wie beim Elbtower schloss er aus. Die Stiftung sei finanziell sehr gut ausgestattet und trete als privater Bauherr auf. Rund 150 Beschäftigte verschiedener Planungsbüros arbeiteten inzwischen an der Vorplanung des Gebäudes.