Welt 09.03.2026
11:25 Uhr

Kriminelles Verhalten als „legitime Notwehr“ – wenn die einst so brave Mitte zur Revolte neigt


Wirtschaftliche Unsicherheit erreicht längst jene, die sich als sicher verankert fühlten: die Mitte der Gesellschaft. Im Interview warnt Kriminologin Bärbel Bongartz davor, dass Statusangst die Normtreue untergräbt und Regelbrüche normalisiert.

Kriminelles Verhalten als „legitime Notwehr“ – wenn die einst so brave Mitte zur Revolte neigt

Lange galt sie als Stabilitätsanker: die gesellschaftliche Mitte – gut ausgebildet, gesetzestreu, ordentlich im Verhalten. Doch dieses Bild bekommt Risse. Inflation, Verarmungsangst und die wachsende Sorge vor dem sozialen Abstieg treffen nämlich längst nicht mehr nur klassische gesellschaftliche Risikogruppen. Und dieser Druck verändert Verhalten: Wo früher Disziplin, Normtreue und Bürgerlichkeit dominierten, kommt es häufiger zu Regelverstößen, von „kleinen Korrekturen“ in der Steuererklärung bis zu politisch motivierter Kriminalität. Die Hamburger Kriminologin Bärbel Bongartz ist Professorin am Zentrum für Radikalisierungsforschung und Prävention (ZRP) und betreibt den Podcast „INTERKRIM – Kriminologie im Gespräch“. Sie hat das kriminelle Verhalten der Mitte untersucht. Im Interview erklärt sie, warum die „brave Mitte“ ihre Illegalität als legitime Notwehr empfindet und wie gefährlich es werden kann, wenn gerade die Stabilen destabilisiert werden. WELT: Frau Bongartz, gern wird von der gesellschaftlichen Mitte gesprochen. Aber wer ist das – und warum gerät sie jetzt so stark unter Druck? Bärbel Bongartz: Die Frage, was die Mitte eigentlich ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Denn sie ist keine klar abgrenzbare Gruppe – Einkommen, Vermögen, Bildungsbiografien und Lebensumstände überschneiden sich, zugleich gehören auch Werte, Lebensstil und ein bestimmtes Selbstverständnis dazu. „Mitte“ ist damit nicht nur eine ökonomische Kategorie, sondern auch ein sozialer und kultureller Deutungsbegriff, fast ein gesellschaftliches Leitbild. Viele Autoren beschreiben sie daher eher über einen Merkmalskatalog als über eine feste Grenze. Lange galt die Mitte als Bevölkerungsgruppe, die dank stabiler Bildungs- und Erwerbsbiografien nicht auf staatliche Leistungen angewiesen ist; Bildung fungierte dabei gewissermaßen als Eintrittstor. Doch eine rein ökonomische Betrachtung allein greift zu kurz, denn zur Mitte gehört auch ein Wertehorizont, der an traditionellen Vorstellungen deutscher Bürgerlichkeit orientiert ist, inklusive formaler Normen und der Idee, „anständig“ zu handeln. Genau dieser Schutzmechanismus gerät jedoch ins Wanken. Ökonomische Unsicherheiten erhöhen den Druck inzwischen auch innerhalb der Mitte, und Bedrohungslagen werden zunehmend von Menschen empfunden, die sich bislang eindeutig der Mittelschicht zugerechnet haben. WELT: Was macht das mit den Menschen? Bongartz: Sie fühlen sich sozial verwundbar, empfinden Ungewissheit, Nervosität und Angst vor dem Verlust des Lebensstandards. Wirtschaftliche Ängste haben deutlich zugenommen, etwa mit Blick auf Altersarmut oder Einkommensverluste. Wenn Menschen zu viele Erschütterungen erleben und einst verlässliche Konstanten plötzlich wegfallen, reagieren sie ganz unterschiedlich: Manche passen sich innerlich an, manche resignieren, andere strengen sich noch mehr an – nehmen etwa gleich mehrere Jobs an, um ihre Unsicherheit auszugleichen. WELT: Und wann wird aus Druck kriminelles Verhalten? Bongartz: Hier hilft ein Erklärungsmodell aus der Kriminologie, die sogenannte General Strain Theory des US-Forschers Robert Agnew. Sie beschreibt, wie belastende Rahmenbedingungen – prekäre Lebenslagen, unsichere Arbeitsverhältnisse oder die Befürchtung des sozialen Abstiegs – Frustration erzeugen. Dieser Druck führt zu anhaltendem Stress, der wiederum das Bedürfnis wecken kann, sich irgendwie zu wehren. Und solche Reaktionen können abweichendes und strafrechtlich relevantes Verhalten sein. Kriminalität wird dann zu einer Art Anpassung an als widrig empfundene soziale Bedingungen. Das Risiko für kriminelles Verhalten entsteht aus Statusunsicherheit. WELT: Und dann beginnen selbst „brave Bürger“ Grenzen zu überschreiten. Bongartz: Kriminelles Verhalten wurde lange vor allem mit Unter- oder Oberschicht assoziiert. Für die Oberschicht existiert der Begriff White-Collar-Crime – Kriminalität im Rahmen beruflicher Tätigkeit, häufig profitorientiert. Die Kriminalität der Mitte ist anders: Sie wird nicht als Gierhandlung verstanden, sondern als Notwehr gegen empfundene strukturelle Ungerechtigkeit. Und genau das ist entscheidend: Obwohl allen bewusst ist, dass sie illegal handeln, werden diese Taten legitimiert – als eine Art notwendige Abwehrreaktion. WELT: Sie werden verharmlost? Bongartz: Ja, viele Regelverstöße werden innerhalb der eigenen Schicht verharmlost. Weil die Mittelschicht ihr Verhalten so bewertet, dass es zum eigenen Selbstbild passt. Das heißt, man bleibt stil- und standestypisch, auch dann, wenn man Regeln bricht. Ein Beispiel ist, dass jemand bei der Steuer betrügt, aber sagt: Ich bin doch kein Krimineller. Natürlich ist er kriminell, aber diskret, rational, ohne Gewalt und vor allem in dem Verständnis, dass sein Handeln eine notwendige Korrektur darstellt, um den eigenen Stand zu sichern. So allerdings entsteht eine doppelte Logik: Normenkonformität und Normabweichung stehen nicht mehr im Widerspruch, sie existieren nebeneinander. Die Mitte betont ihre Werte, verstößt aber zugleich gegen Regeln. Illegalität erscheint als beiläufige Normalität. WELT: Wie groß ist die Gefahr, dass aus Frust auch Protest oder sogar Gewalt wird? Bongartz: Diese Gefahr ist sehr ernst zu nehmen. Angst vor Statusverlust kann diesen emotionalen Druck auslösen und dann in politisch motivierte Kriminalität münden. Dieser Druck kann also zum Motor von Protest werden. Es gibt Hinweise, dass extremistische Einstellungen nicht nur aus Ausgrenzung heraus entstehen, sondern auch stark von emotionalen Reaktionen wie Angst und Bedrohung abhängen. Eine gesellschaftliche Krise kann das zusätzlich begünstigen. WELT: Sie nennen konkrete Beispiele dafür, dass auch die Mitte radikalisierungsanfällig ist. Bongartz: Angehörige der Mittelschicht schließen sich der Reichsbürgerszene an. Ebenso lassen sich Gruppen wie „besorgte Eltern“ beobachten, deren Anliegen klar homophob sind – und deren Anhänger ebenfalls der Mitte zugerechnet werden können. Auf der anderen Seite lassen sich Klimaaktivisten beobachten, die zur Durchsetzung ihrer Ziele auch auf strafbares Verhalten zurückgreifen: Mitglieder der letzten, später nächsten Generation gehören ebenfalls zur Mittelschicht. Das Gleiche gilt für Akteure militanter linker Gruppen wie der „Hammerbande“ um Lina E. und Johann G. Das zeigt: Radikalisierung ist kein Randphänomen. WELT: Spielt Bildung oder Einkommen dabei eine Rolle? Bongartz: Nein. Weder für extremistische Einstellungen noch für das Begehen von Straftaten reichen diese beiden Parameter Bildung und Einkommen als Erklärung allein aus. Extremistische Einstellungen und Regelverstöße finden sich in allen Bildungs- und Einkommenslagen, und eben auch in der gut ausgebildeten Mittelschicht. Entscheidend sind vielmehr psychologische und soziale Mechanismen wie Statusunsicherheit, Abstiegsängste, Frustration und das Gefühl struktureller Ungerechtigkeit, die Regelbrüche bis hin zur Radikalisierung begünstigen können. WELT: Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn ausgerechnet die Mitte nicht mehr gesetzestreu ist? Bongartz: Die Mitte steckt in einer Ordnungskrise. Robert Castel hat das schon früh als „Destabilisierung der Stabilen“ beschrieben. Eigentlich soll die Mitte das Verlässliche verkörpern – das Ordentliche, Solide, Tragende. Dass sie selbst zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Unordnung werden kann, war nicht erwartet. Es entsteht eine diffuse Gefahrenlage – strukturell bedingt. Daraus können neue Sicherheitsrisiken entstehen, die aus der Mitte kommen und gesellschaftliche Spaltung befeuern. WELT: Wie sollte der Staat reagieren? Bongartz: Die Mitte, ihre Probleme, ihre Irritationen, ihre Bewältigungsstrategien und neuen Normalitätsvorstellungen, muss in den Fokus der Betrachtung rücken. Politisch motivierte Kriminalität sollte stärker auch über soziale Faktoren untersucht werden – mit zwingender Einbeziehung der Mittelschicht. Der Sprengstoff und die Bereitschaft zum Protest sind da. In Kombination mit wirtschaftlichen Ängsten kann sich eine angespannte Lage entwickeln. Das sollte ernst genommen werden. Denis Fengler (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/denis-fengler/) berichtet als Redakteur für WELT und WELT AM SONNTAG (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) aus Hamburg über Themen der inneren Sicherheit und spannende Kriminalfälle.