Stehen der Direktor des Burgtheaters, der schwule Theaterregisseur und sein Mann, der Dramaturg, auf der Bühne und spielen Ekelpaketparade. Wer ist unsympathischer, heuchlerischer und verlogener? So zu sehen in „3000 Einzelteile“, dem Auftakt für das letzte große Premierenwochenende der Spielzeit des Wiener Burgtheaters. (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article255595826/Burgtheater-Wien-Technisch-ueberholt-und-moralisch-entkleidet.html) Was der ungarische Regisseur Ádám Császi auf die Bühne des Akademietheaters bringt, ist eine grelle Satire, die gerne clevere Theaterselbstreflexion wäre, es nur leider nicht ist. Dabei ist die Geschichte originell: Ein Regisseur wird vom Burgtheater beauftragt, ein Stück über die Minderheit der Roma zu machen. Um sich mit Echtheit zu brüsten, lässt der Theatermacher das Haus einer Roma-Siedlung in die besagten 3000 Einzelteile zerlegen und nach Wien transportieren. Denn authentisches Minderheitentheater ist Trumpf. „3000 Einzelteile“ möchte sich erkennbar empören. Und zwar über das Zurschaustellen möglichst exotischer Minderheiten im Theater, was als eine Mischung aus Rassismus, Ausbeutung und Menschenzoo angeprangert wird. Die Kritik ist nicht neu. Am Berliner Maxim-Gorki-Theater ging es in den vergangenen zehn Jahren immer wieder um die fiesen Fallstricke im identitätspolitischen Minderheitenzirkus, den man jedoch selbst unaufhörlich bespielte. Császi beklagt, dass die Ausgegrenzten im Theater von den wohlmeinenden Liberalen als lebende Klischees vorgeführt werden. Das hatte man am Gorki mit „Roma Armee“ bereits 2017 virtuos in bunte Selbstermächtigungsgesten übersetzt – und landete am Ende trotzdem nur bei Selbstversicherung und Angst vorm identitären Genozid. „3000 Einzelteile“ wirkt, als sei man knapp zehn Jahre zu spät zur Diskursparty. Der Abend kann sich schlicht nicht entscheiden, ob er nun Satire sein will oder doch auch auf der Empowerment-Klaviatur zu klimpern versucht. Dass er beides zugleich probiert, wird zum misslungenen Spagat mit Bauchlandung. Wo „3000 Einzelteile“ satirisch sein will, wirkt es wie bei der Darstellung des anfangs erwähnten Trios plump und peinlich. Der Abend tischt Parodien von Klischees auf, die selbst zum Klischee erstarrt sind. In der Klischeehölle ohne jede Tiefe müssen aber nur die Bösen im Stück schmoren – nämlich die moralisch wohlstandsverwahrlosten Theaterleute –, während die Roma-Darsteller mit ihren Stereotypen spielen und das Publikum konfrontieren dürfen. Eine Unwucht, die man politisch als ausgleichende Gerechtigkeit bezeichnen mag, die jedoch ästhetisch eher armselig und gedanklich wenig ausgereift wirkt. So brachial „3000 Einzelteile“ – dem Theaterstück ging 2022 ein Film gleichen Titels von Császi voraus – auf den ersten Blick wirken mag, so gefällig wird es doch am Ende. Wo es so ausschaut, als müsste man um die Ecke denken, landet man nur in Sackgassen. Am Ende muss man als Zuschauer nicht wirklich darüber nachdenken, was richtig und falsch ist, weil einem überdeutlich gezeigt wird, wer richtig und wer falsch ist. Dass hier munter daran mitgesponnen wird, Rassismus als angeborenes, ewiges Phänomen statt als kaputte soziale Beziehung darzustellen, ist die unfreiwillig ironische Pointe des aufdringlichen Politklamauks, der sich als vorausschaubare Selbstgeißelung erweist. Einen Tag nach „3000 Einzelteile“ geht es auf der Burgtheaterbühne mit der Premiere von „Sankt Falstaff“ weiter. Die „Heinrich IV.“-Überschreibung von Ewald Palmetshofer wird als „Stück der Stunde“ gepriesen und lief bereits in München, Bonn und Hamburg. Für die österreichische Erstaufführung hat das Burgtheater (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article68fb88ff4b3870d4e74df0e5/theater-wenn-es-selbst-bei-thomas-bernhard-beschaulich-wird-dann-ist-man-im-burgtheater.html) die Regisseurin Karin Henkel engagiert, die bereits mit ihrem verkopften Gespenster-„Hamlet“ die Intendanz von Stefan Bachmann eröffnen durfte. „Sankt Falstaff“ wird von Henkel nach allen Regeln der Kunst konzeptuell stranguliert. Der Abend kennt nur eine finstere Tonlage, die von Anfang bis zum Ende der knapp drei Stunden durchexerziert wird. Ein bedrückender Totentanz im Brustkorb eines Gerippes (Bühne: Thilo Reuther), unterlegt mit dröhnenden Katastrophensounds (Musik: Matthias Grübel). Kurz: 10/10 auf der Düsternis-Skala. Doch so sehr einem der unausweichliche Untergang ästhetisch ins Nervensystem gehämmert wird, so wenig versteht man eigentlich, woher er rührt. Palmetshofer hat von Shakespeare das Personal und das erzählerische Grundgerüst übernommen, die Sprache metrisch aufpoliert und mit Jugendsprache garniert („Die Fakten fucken mich ab!“). Die Erbmonarchie wird zur „illiberalen Demokratie“ mit „Quasi-König“: Der alte Herrscher ist todkrank und hat Nachfolgeprobleme. Sein leiblicher Sohn treibt sich mit dem Säufer Falstaff in der Unterwelt herum, weswegen er den ehrgeizigen Nachwuchspolitiker Percy als möglichen Thronfolger in Erwägung zieht. Wenig überraschend kommt es nun zum tödlichen Kampf zwischen Sohn und Ziehsohn, sodass der brutale Machtkampf am Ende sogar die Macht selbst bedroht, während es auf den Straßen diffuse Proteste gibt. Ab der ersten Sekunde sieht man ein System im Todeskrampf. Besser, es stürbe schneller. Man schaut trotzdem hin, allein wegen des Ensembles: Birgit Minichmayr, Maria Happel, Bibiana Beglau, Tim Werths, Oliver Nägele und Tristan Witzel spielen insgesamt elf Rollen, wobei die Doppelbesetzungen das „Haus der Macht“ als Spiegelbild der Unterwelt zeigen. Das Regiekonzept lässt nicht den kleinsten Lichtstrahl der Hoffnung zu. So strampeln die Figuren mehr auf der Stelle – manchmal auch in Zeitlupe –, als miteinander in Beziehung zu treten. Selbst Falstaff, in Theater und Film als trinkfreudiger Lebemann bekannt, wird an diesem Abend zum depressiven Säufer mit Wattebauch. Was kümmert’s einen, wenn diese Charaktermasken einer überkommenen Macht untergehen? Zumal der Abend, darin ist „3000 Einzelteile“ zutiefst verwandt, zur Frage der Macht nichts als schale Klischees zu präsentieren hat. So endet die Spielzeit am Wiener Burgtheater so enttäuschend, wie sie mit der uninspirierten Inszenierung von Ferdinand Schmalz’ „Bumm Tschak oder Der letzte Henker“ – auch das ein sprachlich manieriertes Endzeitspiel zwischen Regierungssitz und Technoclub – begonnen hat. „3000 Einzelteile“ und „Sankt Falstaff“ laufen am Wiener Burgtheater.