Welt 02.10.2026
07:18 Uhr

Jüngere Menschen sagen seltener „Bitte“ und „Danke“ – und sind dennoch höflich


Kein „Bitte“, kein „Danke“ und einen Hang zum Duzen. Sind jüngere Menschen unhöflicher, weil sie auf gängige Formeln verzichten? Deutsche Sprachforscher haben untersucht, was Höflichkeit wirklich ausmacht.

Jüngere Menschen sagen seltener „Bitte“ und „Danke“ – und sind dennoch höflich

Ist diese Frage höflich oder nicht? „Kannst du mir das kurz erklären?“ Wer kein „Bitte“ hört und kein „Sie“, könnte meinen: eher nicht. Forscher der Freien Universität Berlin und der Universität Bielefeld sehen das differenzierter. Höflichkeit, zeigen ihre Daten, ist vielfältiger als das, was wir als Kinder gelernt haben. Das Forschungsprojekt „Variantenpragmatik des Deutschen“ (VariPrag) untersucht, wie Menschen im deutschsprachigen Raum miteinander sprechen: wie sie Bitten formulieren, wie sie jemanden ansprechen, wie sie sich beschweren. Allein für eine aktuelle Teilstudie zur Anrede, die im Fachjournal „ Languages (verlinkt auf https://www.mdpi.com/2226-471X/11/5/82) “ veröffentlicht wurde, haben über 3000 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Online-Fragebogen ausgefüllt. Sie bekamen alltägliche Situationen beschrieben und sollten angeben, was sie in diesen Momenten sagen würden. Die Ergebnisse stellen ein verbreitetes Vorurteil über jüngere Generationen infrage. 30-Jährige verwenden „Bitte“ in weniger als einem Viertel der untersuchten Bitten, 70-Jährige nahezu doppelt so oft. Das klingt nach einem Verlust der Höflichkeit über die Generationen hinweg. Die Forscher deuten es anders. Jüngere Sprecher verzichten nicht auf abmildernde Mittel. Sie greifen nur häufiger zu anderen Varianten davon – etwa zu „vielleicht“. Solche Wörter machen eine Bitte weniger verbindlich, weniger fordernd. „Kannst du mir das vielleicht erklären?“ klingt anders als ein bloßes „Erklär mir das.“ Höflich sein geht also auch ohne das klassische Zauberwort. „Unsere Daten zeigen deutlich: Jüngere Menschen duzen häufiger als ältere“, sagt die Linguistin Janel Zoske von der Freien Universität Berlin. „Die Wahl der Anrede hängt aber nicht nur vom eigenen Alter ab, sondern auch davon, wie alt unser Gegenüber ist.“ Das „Betroffenheits-Du“ Auch zwischen den Ländern zeigen sich Unterschiede. In der Schweiz ist es weitverbreitet, jemanden bei der Begrüßung mit Namen anzusprechen: „Hoi Julia!“ In Deutschland und Österreich greifen viele eher zu einem „Na du“. Höflicher sind die Schweizer deshalb nicht. Der Name gehört dort zur Konvention, als kleines Ritual der Zuwendung. Häufig ist in den Schweizer Daten auch ein vorangestelltes „Du, …“ vor einer Bitte. Anderswo kommt das nicht überall gut an. Der Sprachwissenschaftler Kretzenbacher spottete schon 1991 über dieses „Betroffenheits-Du“: Man werde damit „sozusagen dauernd angestupst“, womöglich könne man davon sogar „blaue Flecken bekommen“. Höflichkeit ist keine feste Größe, die man hat oder nicht hat. Sie ist ein System aus Konventionen, und das System verändert sich. Was eine Generation als selbstverständlich empfindet, wirkt auf die nächste vielleicht steif. Und was Jüngeren locker vorkommt, kann Älteren schroff erscheinen. Henrik Discher, Linguist an der Freien Universität Berlin, formuliert es vorsichtig: Die Daten zeigten, welche sprachlichen Muster Sprecher verwenden. „Ob eine Bitte höflich wirkt, können wir daraus aber nicht ableiten. Das hängt vor allem davon ab, wie die Angesprochenen sie wahrnehmen.“