Welt 21.03.2026
07:44 Uhr

„Ich bin kein menschliches Wesen, ich bin der Zorn Gottes“


Als Sohn eines Ziegenhirten stieg Nader 1736 zum Schah des Iran auf. Drei Jahre später besiegte er den Großmogul Indiens. In Delhi befahl er im März 1739 ein Blutbad, das 30.000 Opfer gefordert haben soll. Zur Beute gehörte der Pfauenthron.

„Ich bin kein menschliches Wesen, ich bin der Zorn Gottes“

Für den französischen Philosophen Montesquieu (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article8549173/Montesquieu-Franzose-Aufklaerer-Weltbuerger.html) war er der Inbegriff einer „despotischen Regierung“: Wenn „der Herrscher auch nur einen Augenblick seinen Arm sinken lässt und nicht jederzeit die obersten Würdenträger vernichten kann, dann ist alles verloren; denn wenn die Triebkraft dieser Regierung, nämlich die Furcht, fehlt, hat auch das Volk keinen Beschützer mehr.“ Damit charakterisierte Montesquieu einen Mann, der zu seiner Zeit als eine der „schrecklichsten Erscheinungen galt, die jemals die Menschheit gegeißelt haben“: Nader (1688/98–1747) (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article237380415/Nader-Schah-von-Iran-Er-tuermte-Schaedelpyramiden.html) , der von 1736 bis zu seinem Tod als Schah den Iran regierte. „Ich bin nicht gekommen, um das Land in Frieden zu lassen, sondern um alles auf den Kopf zu stellen“, beschrieb Nader selbstbewusst sein Motto. Das hatte ihn sein bisheriger Lebensweg gelehrt. Der Sohn eines armen turkmenischen Ziegenhirten aus Dastgerd in Transoxanien hatte früh seinen Vater verloren. Zusammen mit seiner Mutter wurde er von usbekischen Plünderern versklavt, konnte jedoch fliehen und in der Steppe eine Truppe Gleichgesinnter um sich sammeln. Für sein Talent als Anführer steht der Ehrenname, den ihm seine Leute gaben: Baba Bazorg (Großvater). Der Zusammenbruch der Safawiden-Herrschaft im Iran (verlinkt auf https://www.welt.de/welt_print/article3551423/Der-Schah-der-Khomeini-den-Weg-bereitete.html) eröffnete ihm ein lukratives Betätigungsfeld. Mit einem Heer von nur 15.000 Afghanen war es einem Warlord namens Mahmud Hotak gelungen, weite Teile des Landes zu erobern. Von den Safawiden, die Iran seit 1501 beherrschten, hatten die Afghanen sowie „Alkohol, Syphilis und Opium“ ( Simon Sebag Montefiore (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article251806056/Ming-Dynastie-Korrupten-Beamten-wurde-bei-lebendigem-Leib-die-Haut-abgezogen.html) ) nur einen Prinzen übrig gelassen. Diesem Tahmasp bot Nader seine Hilfe an, die gern angenommen wurde. Nader gab die traditionelle iranische Kriegführung mit großen Reiterheeren auf, sondern kopierte das Erfolgsrezept, mit dem Hotak seinen Eroberungszug ins Werk gesetzt hatte. Mehr als 100 leichte Kanonen, sogenannten Zamburaks, wurden demontiert und auf Kamelen transportiert. Damit waren sie hochmobil und konnten in der Schlacht eine enorme Feuerkraft entfalten. Außerdem war seine Truppe gut mit Musketen ausgerüstet. Mit dieser Armee aus Persern, Kurden, Turkmenen, Usbeken und Afghanen, die von seinem Charisma zusammengehalten wurde, vertrieb Nader die Invasoren, was Tahmasp den Titel des Schahs und ihm selbst den eines Großwesirs eintrug. Aber Nader begnügte sich nicht damit, „Tahmasps Sklave“ zu sein. Als Schah Tahmasp einen Krieg gegen das Osmanische Reich anzettelte und verlor, putschte Nader 1732 gegen ihn und schickte ihn ins Exil. Nachdem er auch dem Sohn dasselbe Schicksal hatte zuteilwerden lassen, ließ er sich 1736 durch eine Versammlung von Notabeln zum Schah proklamieren. Umgehend machte er sich daran, ein ihm gemäßes Sitzmöbel zu erwerben. Zuvor aber zwang er dem Iran, in dem die S afawiden das schiitische Glaubensbekenntnis zur Staatsreligion (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/plus69a981c83d4c79b0079847c8/warum-der-iran-so-anders-ist-und-weshalb-das-seine-staerke-ausmacht.html) gemacht hatten, die Annäherung an die muslimische Mehrheitsgemeinschaft der Sunna auf. Zunächst eroberte Nader die an die Osmanen gefallenen Provinzen im Westen zurück und sicherte damit sein Regime. 1737 fiel Kandahar, 1738 erreichte sein kampfstarkes Heer die Grenze des Reiches der Großmoguln in Indien. Dort war nach den endlosen Kriegen Aurangzebs (1618–1707) die Zentralmacht in Delhi kaum noch in der Lage, ihre Herrschaft über weite Teile des Subkontinents durchzusetzen. Zwar gelang es der Regierung des Großmoguls Muhammad, ein riesiges Heer – angeblich 300.000 Mann – zusammenzuziehen und bei Karnal, 120 Kilometer vor Delhi aufzustellen. Dabei verzichteten sie jedoch weitgehend auf die Geschütze, mit denen Babur, der Begründer der Mogul-Dynastie (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article238253599/Grossmogul-Babur-Mit-Schiesspulver-gelang-ihm-die-Eroberung-Indiens.html) , 1526 seinen Sieg errungen hatte. Naders Heer war zahlenmäßig deutlich unterlagen – die Quellen sprechen von 100.000 Mann –, aber die disziplinierten Schützen und Kanoniere entwickelten eine Feuerkraft, gegen die die Mogul-Truppen keine Chance hatten. Die Schlacht am 13. Februar 1739 endete mit einem totalen Sieg der Iraner. Kurz darauf zog Nader in Delhi ein, wo er von Muhammad auf dem Pfauenthron sitzend empfangen wurde. Das Symbol der Mogul-Kaiser trug die Inschrift „Wenn es ein Paradies auf Erden gibt, so ist es dies, so ist es dies!“ Das sah Nader auch so. Er gab den Befehl, den Pfauenthron in die Karawane mit dem Beutegut einzufügen; er sollte bis zum Sturz von Schah Reza Pahlavi 1979 zu den Kronjuwelen Persiens gehören (verlinkt auf https://www.welt.de/print/die_welt/reise/article181385024/Die-persische-Matrix.html) . Hinzu sollen 100 Eunuchen, 400 Künstler, 1000 Elefanten, 7000 Pferde und 10.000 Kamele sowie ein Heer von Sklaven gekommen sein. Dazu Gold, Silber, Kunstwerke und Edelsteine, darunter die berühmten Diamanten Darya-ye Noor und Koh-i-Nor, der 1850 in den Besitz Queen Victorias (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article154549218/Koh-i-Noor-Diamant-Indien-fordert-Kronjuwel-von-Elizabeth-II-zurueck.html) gelangte. Vor dem Abmarsch kam es zum Massaker. Als die Iraner ihr Neujahrsfest Nowruz feierten und zudem das Gerücht umlief, dass Nader ermordet worden sei, kam es in der 400.000 Einwohner zählenden Metropole zum Aufstand. Nader soll daraufhin auf dem Dach einer Moschee sein Schwert gezogen und damit das Zeichen zum Morden gegeben haben. Wahllos wurden Männer und Frauen, Alte und Kinder niedergemacht. Man schätzt, dass am Ende bis zu 30.000 Menschen ihr Leben verloren. Die Leichen blieben auf den Straßen liegen, während die Häuser geplündert wurden. Delhi verlor allen Reichtum, der unter der Herrschaft der Großmoguln über mehr als 300 Jahre angehäuft worden war. Nader verheiratete einen seiner Söhne, Nasrullah, mit einer Mogul-Prinzessin. Als bei der Zeremonie ihr illustrer Stammbaum zitiert wurde, antwortete Nader: „Sagt ihnen, er ist der Sohn von Nader Schah, Sohn des Schwerts, Enkel des Schwerts und immer weiter, über siebzig Generationen.“ Als das iranische Heer nach zwei Monaten abzog, hinterließ es eine ruinierte Stadt. Die Beute war so groß, dass Naders Untertanen drei Jahre lang keine Steuern zahlen mussten. Doch dabei blieb es nicht. Armee und Kriege verschlangen Unsummen, sodass die Steuerschraube angezogen wurde. Widerstand wurde mit großer Brutalität gebrochen. Da Nader zudem begann, überall Komplotte zu wittern, türmten sich bald die Schädelpyramiden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article233229609/Dschinghis-Khan-Die-Erde-war-fett-vom-Fett-der-Menschen.html) . Ein englischer Reisender wunderte sich über die ungewöhnliche Landessitte, Ohren nicht durch Turbane oder Mützen zu verdecken, sondern offen zu zeigen: Jeder, dem man sie noch nicht abgeschnitten hatte, wolle sie stolz vorzeigen, war die Erklärung. Erfolgreiche Feldzüge gegen die Nachbarn mögen die Soldaten bei Übung und Laune gehalten haben. Die Mehrheit der Untertanen verfolgte sie nur noch voller Angst und Abscheu. Schließlich nahmen seine eigenen Soldaten die Sache in die Hand. Auf einem Kriegszug gegen die Kurden wurde Nader im Juli 1747 erschlagen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.