Welt 12.09.2026
07:52 Uhr

„Fulvia, spreiz deine Pobacken“


In der späten Römischen Republik spielte die Aristokratin Fulvia eine ungewöhnliche Rolle. Als Ehefrau von drei Politikern demütigte sie den Senat, stellte Todeslisten auf und mobilisierte Heere für den Bürgerkrieg. Die Rache der Männer war brutal.

„Fulvia, spreiz deine Pobacken“

Die größte Schandtat, die man ihr vorwarf, hat Künstlern bis in die Gegenwart als Motiv gedient. Nachdem die Häscher den berühmten Redner und Politiker Cicero 43 v. Chr. getötet hatten, brachten sie Kopf und rechte Hand nach Rom, wo die blutigen Trophäen an der Rednertribüne auf dem Forum zur Schau gestellt wurden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article185137874/Cicero-Sie-schlugen-ihm-Kopf-ab-durchbohrten-seine-Zunge.html) . Fulvia, die Frau des Antonius, der den Mord in Auftrag gegeben hatte, nahm den Kopf herunter, bespuckte ihn, „zog die Zunge heraus, durchstach sie wiederholt mit ihren Haarnadeln, während sie den Toten verhöhnte“. Für den römischen Historiker Cassius Dio war die vielzitierte Szene einmal mehr ein Beweis für Bösartigkeit und Skrupellosigkeit einer Frau, die in den Bürgerkriegen der untergehenden Republik eine herausragende Rolle gespielt hat. Denn Fulvia war nicht nur eine wichtige Verbündete ihres Mannes Marcus Antonius, sondern sie hatte an der Seite ihrer beiden früheren Ehemänner eine, zumal für eine Römerin, ungewöhnliche Rolle gespielt. Nicht über „Haus und Herd“ regierte sie, wie es der Grieche Plutarch ausdrückte, sondern mischte sich aktiv und – schlimmer noch – erfolgreich in die Machtspiele der Männer ein. Dass Fulvia als „habgierige wie grausame Frau“ in den antiken Quellen erscheint, nahm die britische Althistorikerin Jane Draycott (verlinkt auf https://drjanedraycott.co.uk/) zum Anlass, in ihrer neuen Biografie („Fulvia“. Piper, 304 S., 24 Euro) den einhelligen Tenor der Überlieferung einer Revision zu unterziehen. Herausgekommen ist das schillernde Porträt einer „Frau, die im alten Rom alle Regeln brach“, so der Untertitel. „Als sie 40 v. Chr. starb, hatte sie eine politische und militärische Macht erworben, die für eine Frau einzigartig war“, schreibt Draycott, was Fulvia aber nicht davor schützte, anschließend Opfer eines Rufmordes zu werden. Das verlangt harte Quellenkritik. Denn die Zeugnisse spiegeln zum einen ausschließlich das Bild, das zumeist feindlich gesonnene Männer von Fulvia zeichneten. Zum anderen füllen diese Nachrichten zusammengefasst nur wenige Seiten, sodass Analogien, Fiktionen und verwirrende und auch ermüdende Umwege die zahlreichen Leerstellen in der Überlieferung füllen müssen. So ist nicht einmal ihr Geburtsdatum bekannt; sie dürfte um das Jahr 80 v. Chr. geboren worden sein. Die Fulvii stammten aus Tusculum (Frascati). Zahlreiche Familienmitglieder hatten hohe Ämter bekleidet, was dem Clan eine ehrenvolle Position in der römischen Senatsaristokratie sicherte. Wie in Roms Aristokratie üblich, arrangierten Fulvias Eltern, Marcus Fulvius Bambalio und eine ebenso hochadlige Sempronia, eine Ehe, sobald die Tochter erwachsen geworden war. Um 62 v. Chr. fiel die Wahl auf Publius Clodius Pulcher, einen jungen Aristokraten, der bereits mit Skandalen für Aufsehen gesorgt hatte. Was ihn für viele als Schwiegersohn disqualifiziert haben mag, machte er mit Ehrgeiz und seiner Abstammung von den ehrwürdigen Claudiern wett. Und mit dem Charme eines Abenteurers. Dass sie viel Zeit mit ihrem Mann außer Haus – unter anderem in Gesellschaft von „Kurtisanen, Eunuchen und Dirnen“ (Cicero) – verbrachte, war Stadtgespräch. Bald kamen ein Sohn und eine Tochter zur Welt. Indem er sich von einem 20-Jährigen adoptieren ließ, konnte Clodius 59 zum Volkstribun gewählt werden. Denn das einflussreiche Amt war Angehörigen der Plebejer, die nicht dem alten Patriziat entstammten, vorbehalten. Verbunden damit waren die Unverletzlichkeit der Person und das Vetorecht. Für den amtierenden Konsul Caesar wurde Clodius damit zu einem interessanten Verbündeten. Zwar hatte man diesem eine Affäre mit Caesars Frau nachgesagt. Aber als Mitglied des sogenannten Ersten Triumvirats (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article234059462/Pompeius-Caesar-soll-wegen-seiner-Ermordung-geweint-haben.html) , das er 60 mit dem Feldherrn Pompeius und dem Geschäftsmann Crassus geschlossen hatte, brauchte Caesar Politiker, die seine Vorlagen durch die Volksversammlung brachten, um damit die Gegner im Senat zu umgehen. Eines dieser Gesetze war gegen Cicero gerichtet. Weil dieser als Konsul die Mitglieder der Catilinarischen Verschwörung (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article241701097/Catilina-Verschwoerung-Den-einen-kaufte-er-Huren-den-anderen-Pferde.html) 63 hatte hinrichten lassen, sollte er zur Verantwortung gezogen werden. Cicero ging ins Exil, verlor darüber sogar sein Haus, das – Gipfel der Demütigung – von Clodius erworben wurde. Kritiker ließ er von seinen Schlägertrupps ausschalten. Aber die Gegenseite blieb nicht untätig. In Titus Annius Milo fand sie einen Volkstribun, der es mit Skrupellosigkeit und gewaltbereitem Anhang mit Clodius aufnehmen konnte. Im Januar 52 kam es auf der Via Appia zu einer Straßenschlacht, die Fulvias Mann nicht überlebte. Die Reaktion der Witwe widersprach allen Konventionen der römischen Oberschicht. Anstatt ihre Trauer in traditionellen Ritualen zu bezeugen, schwor sie grausame Rache an den Mördern, lud Menschen jeglichen Standes in ihren Palast und präsentierte die nackte Leiche ihres Mannes, die von der wütenden Menge in den Sitzungssaal des Senats auf dem Forum gebracht wurde. Als der Körper angezündet wurde, fing auch die Curia Feuer und verbrannte. „Die Frauenträne ist das Salz der Bosheit“, zitiert Jane Draycott einen Zeitzeugen. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, heiratete sie 50 erneut. Die Wahl fiel mit Gaius Scribonius Curio auf einen Mann, dem „keine Geldmittel und keinerlei aufreizende Vergnügungen ausreichten, um seine Lüsten und Begierden zu befriedigen“, schreibt der Historiker Velleius Paterculus. Er scheint ein Mann gewesen zu sein, den das Gerücht nicht störte, dass seine Frau während ihrer Ehe mit Clodius an Orgien in Privathaushalten teilgenommen haben sollte. Fulvia stand offenbar auf solche Typen. Schnell wurde sie wieder mit einem Jungen schwanger. Auch vollzog Curio einen spektakulären Seitenwechsel. Hatte er noch 59 gegen Caesar gestritten, agitierte er als Volkstribun im Jahr 51 ganz in dessen Sinn, vermutlich, weil jener seine Schulden beglichen hatte. Als der Bürgerkrieg gegen Pompeius ausbrach, übertrug Caesar Curio sogar das Kommando über zwei Legionen. Mit diesen griff er in Afrika den Numiderkönig Juba an. Sein Schlachtentod im Sommer 49 bescherte Caesar die einzige große Niederlage im Bürgerkrieg. Auch diesmal verlor Fulvia keine Zeit mit Trauern. An dem Leben, das von einer römischen Matrone erwartet wurde, hatte sie offenbar kein Interesse. Stattdessen nahm sie Kontakt zu einem Jugendfreund und Saufkumpan ihres gefallenen Mannes auf, Marcus Antonius. Der hatte sich als General unter Caesar in Gallien bewährt, war im Kampf gegen Pompeius zum Oberkommandierenden der Kavallerie aufgestiegen und ließ sich gerade von seiner Frau Antonia scheiden. Notorisch klamm, wie er war, hatte ihm Curio wiederholt aus der Patsche geholfen. Nun kamen ihm Vermögen, Netzwerk und erotische Aura der erfahrenen Frau (wie später bei Kleopatra) gerade recht. Und Fulvia hatte nun mal ein Faible für Männer mit zweifelhaftem Ruf und politischem Ehrgeiz. 46 oder 45 heirateten sie, 45 und 42 wurden ein Sohn und eine Tochter geboren. Aber ein geruhsames Familienleben verhinderten die Zeitläufte. Denn die Ermordung Caesars an den Iden des März 44 brachte das Paar auf die politische Weltbühne. Als amtierender Konsul konnte Antonius die Führung der Caesarianer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article248836472/Schlacht-bei-Philippi-Danach-mussten-Vater-und-Sohn-um-ihr-Leben-losen.html) im Kampf gegen die Mörder beanspruchen. Und Fulvia unterstützte ihn nach Kräften dabei. So begleitete sie ihren Mann bei einer Truppeninspektion nach Brundisium (Brindisi), wo er an meuternden Soldaten ein Exempel statuierte. Vor ihren Augen wurden die verurteilten Offiziere zu Tode geprügelt, wobei das Blut der Unglücklichen Fulvia ins Gesicht spritzte. Das war Munition für Cicero, der nach anfänglichem Zaudern nun zum Führer der Senatspartei geworden war. In 14 Philippischen Reden attackierte er den Antonius, wobei ihm jedes noch so perfide Gerücht recht war. So klagte er, Fulvia hätte Provinzen und Königreiche versteigert und Verbannte gegen Geld die Rückkehr ermöglicht, während Antonius selbst einen schwunghaften Handel mit gefälschten Anordnungen Caesars unterhalten hätte. Cicero setzte darauf, dass Octavian, der Adoptivsohn und Erbe des Diktators, Antonius herausfordern würde. Stattdessen schlossen die beiden im November 43 zusammen mit dem Reitergeneral Lepidus das (Zweite) Triumvirat, das im Gegensatz zum Ersten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article159379245/Drei-Maenner-schliessen-das-Zweite-Triumvirat.html) kein privater Pakt war, sondern eine förmliche Dreimännerdiktatur „zur Ordnung des Staates“. Mit diesem erzwungenen Mandat begann die große Abrechnung. 300 Senatoren und 2000 Ritter fanden sich auf den Proskriptionslisten wieder; sie wurden für vogelfrei erklärt, ihre Vermögen eingezogen. Antonius beförderte Cicero auf einen Spitzenplatz (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article171296715/Marcus-Antonius-laesst-Cicero-ermorden.html) . Die Schändung des Toten machte Fulvia endgültig zu einer Unperson, ja, man warf ihr vor, von sich aus Namen auf die Todeslisten gesetzt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article239102753/Sullas-Proskriptionen-Wer-auf-diesen-Listen-stand-hatte-nicht-mehr-lange-zu-leben.html) zu haben, um damit alte Rechnungen zu begleichen. Aber das harsche Urteil, dass an ihr „nichts weiblich gewesen ist außer ihrem Körper“ (Velleius Paterculus), war mit Ciceros Ermordung nicht aus der Welt. Im Gegenteil. Schon bald klafften Risse im Triumvirat. Während Antonius den reichen Osten beherrschte und dabei in der ägyptischen Kleopatra eine erfahrene Geliebte fand, hatte Octavian die undankbare Aufgabe, zehntausende Veteranen der Bürgerkriege in Italien mit Land zu versorgen. Proskriptionen und Enteignungen wiegelten die Stimmung gegen Caesars Erben auf, was Fulvia und Lucius Antonius, ein Bruder des Triumvirn, als Hebel nutzten. Sie agitierten gegen Octavian und stellten Legionen auf. Im Winter 41/40 kam es zum sogenannten Perusinischen Krieg. Octavian schloss Lucius in Perusia (Perugia) ein. Daraufhin appellierte Fulvia an Marcus’ Veteranen, sich den Entsatzheeren anzuschließen. Das trug ihr den Ruf ein, einen Dolch zu tragen, um damit Ehre und Männlichkeit den Befehlen einer Frau unterzuordnen. Das widersprach allen Maßstäben, die von einer römischen Matrone erwartet wurden, und rückte Fulvia ins Visier von Octavians Propaganda. Die ging unter die Gürtellinie. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article148928967/Porno-und-Sex-waren-Roms-liebste-Propagandamittel.html) So werden ihm die Verse zugeschrieben: „Fulvia hat mir zur Strafe bestimmt, dass ich auch sie vögeln soll.“ Seine Soldaten stimmten darin ein, indem sie ihre Schleuderbleie, die bei Perusia gefunden wurden, mit drastischen Graffiti versahen: „Ich ziele auf Fulvias Klitoris“ oder „Fulvia, spreiz deine Pobacken“. Dieser Spott hat das Bild von Fulvia nachhaltig geprägt, zumal er die Grundierung abgab für die Propaganda, mit der Octavian den Krieg gegen Marcus Antonius und Kleopatra vorbereitete: „Es genügte ihr (Fulvia) nicht, einen gewöhnlichen Mann zu tyrannisieren, sie wollte einen Herrscher beherrschen oder einen Feldherrn kommandieren“, schrieb Plutarch in seiner berühmten Antonius-Biografie: „Kleopatra war Fulvia noch das Lehrgeld schuldig für die Gewöhnung des Antonius an das Schürzenregiment. Denn von ihr empfing sie Antonius schon völlig gezähmt und abgerichtet, sich von Frauen regieren zu lassen.“ Octavian ließ Fulvia nach Griechenland entkommen, wo sie 40 in Sikyon einer Krankheit erlag, während sich ihr Mann, für den sie in Italien in den Krieg gezogen war, mit der ägyptischen Königin vergnügte. Auch als Mutter fand sie im Nachhinein ein tragisches Ende: drei ihrer fünf Kinder starben einen gewaltsamen Tod. Sie selbst wurde ein „Kollateralschaden im Propagandakrieg“, resümiert Draycott: „Als treusorgende Ehefrau tat sie alles, um die Positionen ihrer Ehemänner in Rom zu stärken.“ Weil sie dafür mit allen Konventionen brach, wurde sie zum Dämon der römischen Männergesellschaft. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.