Welt 05.06.2026
13:35 Uhr

Ex-Beauftragter sieht „riesige Lücke“ beim Kampf gegen Antisemitismus


Nach umstrittenen Veranstaltungen und antisemitischen Vorfällen im öffentlichen Raum plant die Hamburger CDU einen Aktionsplan gegen Judenfeindlichkeit. Der frühere Antisemitismusbeauftragte der Stadt berät – und wirft dem Senat fehlenden Umsetzungswillen vor.

Ex-Beauftragter sieht „riesige Lücke“ beim Kampf gegen Antisemitismus

Die CDU will in Hamburg eine eigene Strategie gegen Antisemitismus erarbeiten und holt dafür den früheren Antisemitismusbeauftragten Stefan Hensel an Bord. Der trat Anfang Oktober 2025 von dem Amt zurück und begründete den Schritt damals vor allem mit „anhaltender Konfrontation mit Hass und persönlichen Übergriffen“. Nun soll er den Fraktionsvorsitzenden Dennis Thering in den kommenden vier Monaten als persönlicher Berater ehrenamtlich unterstützen; bis Herbst will die CDU einen eigenen Aktionsplan vorlegen. Zur Begründung verwies Fraktionschef Dennis Thering auf eine aus seiner Sicht dramatische Lage. Antisemitismus sei für viele Juden in Hamburg „längst bittere Realität“, sagte er. Sichtbar werde das auch bei jüngsten Vorfällen, etwa auf dem Israel-Hasser-Camp auf der Moorweide oder beim Verbrennen der israelischen Flagge auf dem Rathausmarkt. Zwar gebe es bereits eine Landesstrategie, sie werde vom Senat aber „schlichtweg nicht umgesetzt“ und bleibe damit „komplett ohne Wirkung“. Acht Monate nach Hensels Rücktritt gebe es zudem weiterhin keinen Antisemitismusbeauftragten. Hamburgs jüdische Community sei „ohne Ansprechpartner, ohne Koordination und vor allem ohne Rückendeckung“. Hensel selbst nutzte die Pressekonferenz für eine ungewöhnlich deutliche Kritik an genau diesem Zustand. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffe eine „riesige Lücke“, sagte er. Er habe sein Amt auch deshalb niedergelegt: Er habe nicht länger die Rolle ausfüllen wollen, „der Antisemitismusbeauftragte“ zu sein – „mancher hat auch gesagt: der Jude der Stadt“ –, der erklären müsse, „warum Antisemitismus ein Problem ist, während gleichzeitig die eigene Landesstrategie nicht konsequent umgesetzt wird“. „All das geschieht mit Hamburger Steuergeld“ Sein zentraler Vorwurf: Beschlossene Maßnahmen entfalten keine Wirkung, weil sie nicht umgesetzt werden. „Antisemitismus wird nicht dadurch bekämpft, dass man Strategien schreibt, sondern dadurch, dass sie umgesetzt werden“, sagte Hensel. Als Beispiel nannte er Schulen, an denen es „keine Meldepflicht für antisemitische Straftaten“ gebe, wodurch oft gar nicht bekannt sei, „was wir für ein Problem haben“. Auch in der Ausbildung von Lehrkräften spiele das Thema kaum eine Rolle. Zugleich kritisierte Hensel staatlich finanzierte Strukturen. An Hochschulen würden Veranstaltungen teils „mitgefördert“, die antisemitische Inhalte transportierten – „und all das geschieht mit Hamburger Steuergeld“. Fördermittel für Projekte wie den Jugendaustausch mit Israel würden dagegen nicht genutzt oder seien praktisch nicht erreichbar. „Das Problem ist, dass wir vieles schon beschlossen haben, aber eigentlich nichts umgesetzt wird.“ Auf Nachfrage verschärfte Hensel seine Kritik noch einmal. „In dem Moment, wo es an die Umsetzung ging, wurde auf einmal alles sehr, sehr kompliziert und sehr kleinteilig“, sagte er. Es habe von Seiten der Verantwortlichen „wenig Willen und Bereitschaft“ gegeben, ins Handeln zu kommen – anders als bei Strategien gegen Rassismus, Homophobie oder Frauenfeindlichkeit. Beschlüsse der Bürgerschaft hätten ihren Weg nicht in die Praxis gefunden. So sei ihm etwa nicht bekannt, sagte Hensel, dass die offizielle Antisemitismusstrategie nach ihrer Verabschiedung auch nur in einer Förderrichtlinie berücksichtigt wurde. Bei anderen Formen von Diskriminierung werde strikter vorgegangen Auch für den Stillstand bei Förderprogrammen wie dem deutsch-israelischen Jugendaustausch nannte Hensel praktische Gründe. „Es gibt keine Möglichkeit, das Geld abzuholen“, sagte er. Programme existierten formal, seien aber nicht zugänglich. „Wie lange möchte man eigentlich warten? Das Geld wird verfallen.“ Als Erklärung verwies Hensel auf grundsätzliche Unsicherheiten im Umgang mit dem Thema. „Ich glaube, dass es die Angst vor Klarheit ist.“ Während bei anderen Formen von Diskriminierung schnell gehandelt werde, werde es „beim Thema Antisemitismus komplizierter“. Dabei könne man sich an bestehenden Definitionen orientieren. „Warum es da diesen Widerwillen gibt? Ich kann es Ihnen nicht beantworten.“ Die CDU will aus dieser Diagnose politische Konsequenzen ziehen. Thering kündigte an, die Fraktion wolle über den Sommer konkrete Maßnahmen erarbeiten und dem Senat vorlegen. Ziel sei es, „klare Regeln für den öffentlichen Raum“ zu schaffen, jüdische Einrichtungen besser zu schützen und Prävention an Schulen zu stärken. Zudem müsse der Rechtsstaat „konsequent durchgreifen“, wenn antisemitische Straftaten begangen würden. Die CDU setzt dabei darauf, den Aktionsplan als konkreten Maßnahmenkatalog in die politische Debatte einzubringen und gemeinsam mit Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit den Druck auf den Senat zu erhöhen, damit bestehende Beschlüsse umgesetzt werden. Zugleich solle der Plan als Grundlage dienen, um Vorschläge direkt in die Bürgerschaft einzubringen. Der Aktionsplan mit dem Titel „Hamburg – eine Stadt für alle: Gemeinsam gegen Antisemitismus und Diskriminierung“ solle bewusst keine neue Grundsatzstrategie sein, sondern vorhandenes Wissen in konkrete Politik übersetzen. „Unser Ziel ist klar: Hamburg muss ein Ort sein, an dem jüdisches Leben sicher ist, nicht nur in Worten, sondern im Alltag zu jeder Zeit“, sagte Thering.