Welt 27.09.2026
07:38 Uhr

„Es wäre fatal, die Kosten vollständig auf die Bürger abzuwälzen“


Medikamentenrückstände und andere langlebige Chemikalien stellen Klärwerke vor neue Herausforderungen. Hamburger-Wasser-Geschäftsführer Martin Gerhardt erklärt, wie sich das Abwasser verändert und wer die Kosten für neue Reinigungsverfahren tragen soll.

„Es wäre fatal, die Kosten vollständig auf die Bürger abzuwälzen“

Seit April verantwortet Martin Gerhardt als technischer Geschäftsführer von Hamburg Wasser wichtige Bereiche des städtischen Versorgers. Zuvor arbeitete er in der Windkraftbranche bei Siemens Gamesa. Im Interview spricht er über Hamburgs Reserven in Trockenzeiten, steigende Preise, Fehler bei der Klärschlammverbrennungsanlage VERA und Stoffe im Abwasser, die auf Ewigkeit dort bleiben, wenn keine vierte Reinigungsstufe eingeführt wird. WELT AM SONNTAG: Herr Gerhardt, in trockenen Sommern rufen Städte und Wasserversorger andernorts die Menschen dazu auf, ihre Gärten nicht mehr zu bewässern. Warum kennt Hamburg solche Einschränkungen bisher nicht? Martin Gerhardt: Hamburg hat das Glück, dass wir über sehr tiefe und ergiebige Grundwasserleiter verfügen. Hinzu kommt die technische Leistungsfähigkeit der Wasserwerke und des Netzes. Wir können derzeit einen Spitzenbedarf von rund 460.000 Kubikmetern am Tag decken. Diese Grenze haben wir in der Vergangenheit nicht erreicht. Deshalb mussten wir bisher keine Notsituation ausrufen. WAMS: In diesem Jahr lag der Verbrauch an einzelnen heißen Tagen bei rund 420.000 Kubikmetern. Ist das noch ein komfortabler Abstand? Gerhardt: Das ist zwar noch ein Stück von unserer Kapazitätsgrenze entfernt, aber schon in einer Größenordnung, die wir dauerhaft nicht haben möchten. Dabei helfen uns manchmal auch die Ferien, weil dann weniger Menschen in der Stadt sind. Der sehr warme Juni war zudem zugleich erstaunlich nass, mit mehreren Starkregenereignissen. Das senkt beispielsweise den Bedarf an Gartenwasser. Hätten wir drei weitere sehr trockene Wochen mit vielen heißen Tagen erlebt, hätte die Situation anders aussehen können. WAMS: Die Hamburger Grundwasserleiter reagieren zum Teil erst nach Jahren auf trockene oder regenreiche Jahre. Können die heißen Sommer von heute später doch zum Problem werden? Gerhardt: Nein, nicht direkt, solange es immer auch regenreiche Jahre und vor allem nasse Winterhalbjahre gibt. Manche Grundwasserleiter liegen bis zu 420 Meter tief, andere 250 oder 300 Meter. Dort kommt der Regen langsamer, aber eben auch gleichmäßiger an als bei oberflächennahen Grundwasserleitern. Die Klimaprognosen gehen davon aus, dass sich der durchschnittliche Niederschlag in unserer Region selbst bei einer weiteren Erwärmung nicht grundlegend verändert. Das ist zunächst ein gutes Signal. Eine Bedrohungslage wie in anderen Regionen sehen wir für Hamburg derzeit nicht. Saisonal kann der Druck dennoch zunehmen. Deshalb ist Trinkwasser auch bei uns eine sehr wertvolle Ressource, mit der wir nachhaltig und gerade in Spitzenzeiten vorsichtig umgehen müssen. WAMS: Hamburg wächst. Reichen die vorhandenen Kapazitäten auch für eine größere Bevölkerung? Gerhardt: Nach unseren Berechnungen wird Hamburg bis 2050 im Jahr ungefähr vier Millionen Kubikmeter Wasser zusätzlich benötigen. Deshalb wollen wir unsere Spitzenkapazität bis Anfang der 2030er-Jahre auf 500.000 Kubikmeter pro Tag erhöhen. Wir wollen dafür keine neuen Wasserwerke bauen, sondern die vorhandene Infrastruktur verbessern. WAMS: Was heißt das konkret? Gerhardt: Das Wasserwerk Langenhorn ist dafür ein gutes Beispiel. Hier erhöhen wir die Kapazität um 43 Prozent. Auch an anderen Wasserwerken sind Maßnahmen vorgesehen. Hinzu kommen große unterirdische Trinkwasserbehälter, in denen wir Wasser vorhalten und damit Verbrauchsspitzen ausgleichen können. WAMS: Bereitet Hamburg Wasser die Speicher vor bekannten Verbrauchsspitzen gezielt vor, etwa vor einem Fußballspiel, nach dem sehr viele Menschen gleichzeitig zur Toilette gehen? Gerhardt: Wir kennen die saisonalen Verbrauchsmuster und die üblichen Spitzen, können aber nicht minutengenau auf ein einzelnes Ereignis reagieren. Insgesamt verfügen wir über ein Speichervolumen von ungefähr 300.000 Kubikmetern. Das entspricht etwa dem Volumen der Binnenalster. Netz und Behälter bilden gemeinsam ein Reservoir. Ohne diesen Puffer müssten wir wesentlich größere Förderkapazitäten bereithalten. WAMS: Wasserknappheit ist also vorerst nicht Hamburgs drängendstes Problem. Wo liegt die größere Herausforderung? Gerhardt: Wir haben sowohl bei der Trinkwasserversorgung als auch beim Abwasser einen sehr hohen und weiter steigenden Investitionsbedarf. Ein großer Teil unserer Infrastruktur entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Anlagen und Netze erreichen nun ein Alter, in dem sie saniert werden müssen. Wir wollen nicht warten, bis es zu teuren Ausfällen kommt, sondern vorausschauend investieren. WAMS: Von welchen Summen sprechen wir? Gerhardt: Bis 2029 wollen wir 1,1 Milliarden Euro investieren. Rund 64 Prozent davon entfallen auf den Abwasserbereich, der übrige Teil auf die Trinkwasserversorgung. Neben der Erneuerung alter Infrastruktur kommen neue Anforderungen hinzu: die weitergehende Reinigung des Abwassers, die Klärschlammverbrennung, die Phosphorrückgewinnung, der Schutz kritischer Infrastruktur und unsere Ziele beim Klimaschutz. Anlagen müssen physisch und digital besser geschützt, Gebäude und Fahrzeuge schrittweise klimaneutral werden. WAMS: Werden Wasser und Abwasser für die Hamburger deshalb teurer? Gerhardt: Ein Teil dieser Investitionen wird sich langfristig in Gebühren und Preisen widerspiegeln. Unser Ziel ist aber nicht, zulasten der Bürger einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. WAMS: Eines der teuersten und schwierigsten Projekte betrifft die Klärschlammverbrennungsanlage VERA. Wie ist dort der Stand? Gerhardt: Die VERA bleibt ein sehr herausforderndes Projekt. Eigentlich handelt es sich um zwei Teilprojekte. Das erste ist die Erweiterung der Anlage durch einen Neubau. Dort sind die meisten Großkomponenten inzwischen installiert. Wir arbeiten an der Verrohrung und Verkabelung, anschließend soll die kalte Inbetriebsetzung beginnen. Wir machen Fortschritte, aber der Weg ist weiterhin mühsam und das Projekt hat noch Risiken. Das andere betrifft die Sanierung der Bestandslinien. WAMS: Die Baustelle liegt inzwischen 42 Monate hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Was ist schiefgegangen? Gerhardt: Es handelt sich um ein äußerst komplexes Projekt, das in einem schwierigen Marktumfeld realisiert werden muss. Zudem lief die Projektplanung am Anfang nicht optimal. So etwas lässt sich am Ende eines Projekts nur schwer wieder einholen. Hinzu kommt, dass wir in einer Bestandsanlage bauen, die weiterhin läuft. Dort wird täglich Klärschlamm verbrannt. In dieser laufenden Anlage erneuern wir einen Teil, während ein anderer anschließend saniert werden muss. Das ist ein äußerst komplexer Anlagenbau auf begrenzter Fläche. WAMS: Wann soll die Erweiterung fertig sein? Gerhardt: Die Erweiterung ist für 2028 vorgesehen. Bei der Sanierung der Bestandslinien befinden wir uns noch in einer frühen Planungsphase und prüfen verschiedene Varianten. Im ersten Quartal 2027 wollen wir ein besseres Bild davon haben, welche Arbeiten nötig sind und mit welchen Kosten wir rechnen müssen. Die Sanierung soll nach heutiger Planung 2030 abgeschlossen werden. WAMS: Können Sie den Hamburgern zusichern, dass die Anlage fertig wird? Gerhardt: Wir werden die VERA auf jeden Fall fertigstellen. Natürlich hätten wir uns einen schnelleren und reibungsloseren Verlauf gewünscht. Aber ähnliche Anlagen sind auch in anderen Städten sehr teuer und komplex. Entscheidend ist, dass wir das Projekt jetzt mit einem guten Projekt- und Risikomanagement zu Ende führen. WAMS: Sie wirken angesichts der Verzögerungen bemerkenswert gelassen. Gerhardt: Die Situation ist, wie sie ist. Mir sind ein klarer Projektaufbau, transparentes Risikomanagement und eine offene Berichterstattung an die Aufsichtsgremien wichtig. Manche Fehler aus der Anfangsphase lassen sich nicht einfach durch spätere Nachträge ausgleichen. Da muss man realistisch bleiben. Ich habe in der Windkraftbranche ebenfalls Erfahrungen mit komplexen Anlagen und Krisen gesammelt. Hyperventilieren hilft nicht. WAMS: Auf dem Klärwerksgelände gibt es noch eine zweite schwierige Anlage: die Phosphorrückgewinnung. Auch sie läuft bis heute nicht wie vorgesehen. Gerhardt: Die Phosphorrückgewinnung ist ein absolutes Pionierprojekt. Wir gehören zu wenigen Standorten in Deutschland, an denen die Phosphorrückgewinnung bereits großtechnisch gebaut und im Hochlauf ist. Technische Anpassungen sind dabei nicht überraschend. Bisher hat es in Deutschland niemand geschafft, dieses Verfahren in vergleichbarem Maßstab zuverlässig zu betreiben. WAMS: Wo liegen die technischen Probleme? Gerhardt: Wir haben festgestellt, dass Asche nicht gleich Asche ist und viel feiner dosiert werden muss als ursprünglich angenommen. Außerdem wurden die korrosiven Bestandteile des Prozesses zum Teil unterschätzt. Dabei tritt unter anderem Salzsäure auf. Deshalb mussten Komponenten nachträglich besser ausgekleidet werden. Nach diesen Umbauten befindet sich die Anlage wieder im Hochlauf. WAMS: Wird die Phosphorrückgewinnung am Ende zuverlässig funktionieren? Gerhardt: Es bleibt ambitioniert, einen stabilen Betrieb rund um die Uhr zu erreichen und große Mengen Phosphor zu produzieren. Aber unser Ziel bleibt bestehen. Wir müssen die bei der Klärschlammverbrennung entstehende Asche künftig verwerten und den darin enthaltenen Phosphor zurückgewinnen. Es sind noch einige Hürden zu nehmen, aber wir müssen dieses Ziel erreichen. WAMS: Zu den kommenden Anforderungen gehört außerdem eine neue Reinigungsstufe für das Abwasser. Was soll sie herausfiltern? Gerhardt: Bei dieser sogenannten vierten Reinigungsstufe geht es um schwer abbaubare Spurenstoffe, darunter Rückstände von Medikamenten und sehr langlebige Chemikalien. Dafür benötigen wir eine zusätzliche Reinigungsstufe, die es in dieser Form bisher nicht gibt. WAMS: Welche Technik kommt dafür infrage? Gerhardt: Es gibt unterschiedliche Verfahren, etwa Membranen, Ozon und Aktivkohle. Welche Lösung geeignet ist, hängt von der Zusammensetzung des Abwassers ab. Wahrscheinlich wird sich eine Kombination mehrerer Technologien durchsetzen. Alle haben Vor- und Nachteile. Membrantechnik entwickelt sich sehr schnell, benötigt aber viel Energie. Aktivkohle wiederum hat einen erheblichen CO 2 -Fußabdruck. WAMS: Ihre Vorgänger haben sich dafür ausgesprochen, dass die Hersteller an den Kosten der vierten Stufe beteiligt werden. Sind Sie auch der Meinung? Gerhardt: Es ist wichtig, dass auch die Hersteller einen Teil der Verantwortung übernehmen. Die europäische Regelung sieht das grundsätzlich vor, dagegen gibt es allerdings Widerstand aus Teilen der Industrie. Aus meiner Sicht wäre es fatal, die Kosten vollständig auf die Bürger abzuwälzen. Am sinnvollsten ist es, problematische Einträge möglichst an der Quelle zu vermeiden. Wenn Hersteller einen Anreiz bekommen, andere und besser abbaubare Stoffe einzusetzen, ist das wirkungsvoller, als sie später mit sehr hohem Aufwand aus dem Abwasser zu entfernen. WAMS: Welche Stoffe bereiten Ihnen Sorgen? Gerhardt: Diclofenac ist ein Beispiel. Der Wirkstoff ist unter anderem in Schmerzsalben enthalten, wird nach dem Auftragen abgewaschen und gelangt so in das Abwasser. Auch bestimmte Süßstoffe sind ein Thema. Sie sind sehr langlebig, werden mit dem Abwasser weitergetragen und landen letztlich in der Elbe, wo sich die Konzentration bereits seit Langem erhöht. Umso wichtiger ist es, bereits bei der Entwicklung und Herstellung von Produkten anzusetzen. Bei anderen Belastungen unseres Abwassers kann dagegen jeder sehr einfach helfen. WAMS: Was landet besonders häufig dort, wo es nicht hingehört? Gerhardt: Feuchttücher sind weiterhin eines unserer größten Wartungsprobleme. Sie lösen sich nicht wie Toilettenpapier auf, verbinden sich miteinander und führen zu sogenannten Verzopfungen. Das sieht tatsächlich aus wie lange Ketten. Sie können sich an Pumpen festsetzen und diese außer Betrieb setzen. WAMS: Und das zweite Problem ist Fett? Gerhardt: Flüssiges Fett sollte nicht in den Ausguss geschüttet werden. Es kühlt in den Leitungen ab, härtet aus und bildet Ablagerungen. Besonders anfällig sind Pumpen, Krümmungen und Düker. Mit der Zeit können solche Beläge den Rohrdurchmesser erheblich verringern. Feuchttücher gehören deshalb in den Restmüll, ebenso Fett, sobald es abgekühlt ist. Richtiges Nutzerverhalten erspart uns einen großen Wartungsaufwand und damit Kosten. WAMS: Verschärft Starkregen die Probleme im Hamburger Sielnetz? Gerhardt: Hamburg verfügt über eine Mischwasserkanalisation, in der Schmutz- und Regenwasser gemeinsam transportiert werden. Zusätzlich zum eigentlichen Sielnetz gibt es darunter große Sammler, die bei Regen erhebliche Wassermengen aufnehmen und zum Klärwerk transportieren können. Diese Infrastruktur wurde über Generationen vorausschauend geplant, aber auch sie muss zum Teil erneuert werden. Unser Ziel ist, jedes Jahr rund 18 Kilometer des Netzes zu sanieren. WAMS: Reicht das, um die Stadt sicher zu schützen? Gerhardt: Nein. Unser Bestreben ist, Regenwasser möglichst lange dort zu halten, wo es fällt. Wir müssen den Abfluss verzögern, Flächen entsiegeln und blau-grüne Infrastruktur schaffen. Das entlastet die Kanalisation und ermöglicht zugleich, dass wieder mehr Wasser versickert und zur Grundwasserneubildung beiträgt. WAMS: Hamburg ist allerdings an vielen Stellen dicht bebaut und versiegelt. Gerhardt: Trotzdem gibt es noch große Potenziale. Dächer, Schulhöfe, Straßenräume und andere Flächen können so gestaltet werden, dass Regenwasser nicht sofort ins Siel geleitet wird. Das löst nicht nur ein Problem der Wasserwirtschaft. Grünflächen und Verdunstung kühlen die Umgebung. Gerade stark versiegelte Stadtteile heizen sich an heißen Tagen besonders auf. Das wird zunehmend zu einer gesundheitlichen Frage. WAMS: Ist Hamburg bei diesem Umbau weit genug? Gerhardt: Hamburg nimmt das Thema ernst, probiert viel aus und ist vergleichsweise innovativ. Andere Städte sind in einzelnen Punkten weiter. Kopenhagen bindet Wasser beispielsweise stärker sichtbar in die Architektur des öffentlichen Raums ein. Hamburg liegt aus meiner Sicht dennoch im vorderen Drittel. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Einer ihrer Schwerpunkte sind Hamburgs öffentliche Unternehmen.