Welt 18.04.2026
06:51 Uhr

Eine Kita vor dem Aus, ein Viertel in Sorge – Eltern hoffen auf ein Umdenken


In der Neustadt kämpfen Eltern um die älteste Kita der Stadt. Ausgerechnet an diesem Symbol rüttelt der Träger, die städtischen Elbkinder. Das wirft ein Schlaglicht auf die Lage von Hamburgs Kindertagesstätten angesichts sinkender Kinderzahlen.

Eine Kita vor dem Aus, ein Viertel in Sorge – Eltern hoffen auf ein Umdenken

Mit dieser Nachricht hat unter den Eltern niemand gerechnet: Die Kita Kohlhöfen in der Hamburger Neustadt soll schließen. Zum 31. August 2027 plant der städtische Träger Elbkinder, den Betrieb einzustellen. Als Eltern am Mittwoch mit selbst gemalten Plakaten durch das Viertel ziehen, geht es ihnen um mehr als wegfallende Kita‑Plätze. Die Kita Kohlhöfen ist Hamburgs älteste Kindertagesstätte. Gegründet wurde sie 1852, damals noch im Gängeviertel. Sie gilt als zweitälteste noch bestehende Einrichtung dieser Art in Deutschland. Heute werden hinter der Backsteinfassade 123 Kinder betreut. Eins dieser Kinder ist der Sohn von Amrei Sudendorf. Seit mehr als zehn Jahren kennt sie das Haus, das Team, die Elternschaft. Auch ihre beiden ältesten Kinder waren dort. Besonders dramatisch, sagt sie, sei die Situation für Familien mit kleinen Kindern, die kurz nach der Eingewöhnung erfahren mussten, dass in anderthalb Jahren ein Wechsel in eine neue Kita ansteht. Lola Díaz und ihre Tochter Vega, zwei Jahre alt, sind ein Beispiel. „Jede Mutter weiß, was das für ein kleines Kind in einer sensiblen emotionalen Entwicklungsphase bedeutet“, sagt Diaz. In einem Elternbrief nennen die Elbkinder offiziell zwei Gründe für die geplante Schließung: einen erheblichen baulichen Sanierungsbedarf und einen Nachfragerückgang nach Kita-Plätzen. Der Zustand des Gebäudes erfordere Investitionen von rund 5,4 Millionen Euro. Als privatrechtliche gGmbH müssten die Elbkinder Investitionen aus Einnahmen refinanzieren und trügen dafür die wirtschaftliche Verantwortung. Eltern bemängeln fehlende Begründung für Sanierung Bis zum Beginn des Schuljahres 2027/28 soll der Betrieb fortgeführt werden. Die Mitarbeiter behalten auch danach ihre Arbeitsplätze und wechseln in andere Kitas. Die Kinder sollen begleitet werden – auch gruppenweise, damit Freundschaften erhalten bleiben. Für viele Eltern bleibt dennoch die kritische Frage, warum ein Standort mit vergleichsweise hoher Auslastung aufgegeben werden soll. „Wir sehen überhaupt keine Datenlage, um nachvollziehen zu können, warum hier 5,4 Millionen Euro verbaut werden müssten“, sagt Sudendorf. Sie verweist auf die benachbarte Bücherhalle, die vor einigen Jahren umfassend renoviert worden sei – zu deutlich geringeren Kosten. Hinzu kommen die praktischen Folgen. Ersatzkitas liegen teils weit entfernt. „Jetzt sollen Eltern plötzlich in Kitas ausweichen, die zwei bis zweieinhalb Kilometer entfernt sind“, sagt Sudendorf. Wege, die mit kleinen Kindern kaum zu bewältigen seien. In der pädagogischen Arbeit habe man den Eltern immer wieder nahegelegt, Wege zu Fuß zu machen. „Und genau das wird jetzt aus dem Viertel rausgenommen.“ Auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind weitere Wege ein großes Hindernis, sagt Sandra Brosterhaus. Alles im Alltag ihrer vierköpfigen Familie ist auf die Betreuungszeiten und die Lage der Kita Kohlhöfen ausgerichtet. Die Sorge davor, wie es weitergeht, ist groß. Dass der städtische Träger diesen Bruch dennoch in Kauf nimmt, erklärt sich auch aus seiner wirtschaftlichen Lage. 2022 schlossen die Elbkinder mit einem Minus von rund drei Millionen Euro ab, 2023 wuchs der Verlust auf etwa elf Millionen Euro. 2024 gab es wieder schwarze Zahlen: Die Elbkinder wiesen einen Überschuss von rund sieben Millionen Euro aus – nach eigenen Angaben infolge von Stabilisierungsmaßnahmen, geringeren Sachaufwendungen und einem Rückgang der Beschäftigtenzahlen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Summe von 5,4 Millionen Euro für die Sanierung eines einzelnen Standorts ihre Dimension. Für die Elbkinder ist es eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Für die Eltern im Viertel bleibt es dennoch schwer nachvollziehbar, warum Konsolidierung ausgerechnet an einem so zentralen und geschichtsträchtigen Ort ansetzt. „Nach unserem Wissensstand wurden keine alternativen Konzepte geprüft“, sagt Mutter Amrei Sudendorf – etwa eine Reduzierung von Gruppen oder eine andere Nutzung von Flächen. Das Gebäude erstreckt sich über mehrere Etagen, einzelne, so die Eltern, könnten anderweitig vermietet werden. Die Schließung steht für eine Entwicklung in immer mehr Stadtteilen. Nach Angaben der Familienbehörde wurden in Hamburg in den vergangenen drei Jahren mehr als 50 Kitas geschlossen: elf im Jahr 2023, 16 im Jahr 2024 und 28 im Jahr 2025. Für das laufende Jahr sind bisher neun Schließungen erfasst. Die Gesamtzahl der Kitas sank seit 2023 allerdings nur um drei auf 1182 Einrichtungen, da auch weiter Kindertagesstätten eröffnet werden – oftmals in Neubauvierteln. Schulen werden vor denselben Problemen stehen Auf Anfrage verweist die zuständige Behörde auf strukturelle Zwänge. Sinkende Geburtenzahlen und auch weniger migrationsbedingte Zuzüge wirkten sich grundsätzlich auf alle Bildungseinrichtungen aus, sagt Behördensprecher Peter Albrecht. Kitas müssten auf solche Veränderungen früher reagieren als Schulen, die erst zeitversetzt betroffen seien. Auch für den städtischen Träger Elbkinder bedeute das, Angebotskapazitäten zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Zugleich betont Albrecht, dass das Kitagutschein‑System so ausgestaltet sei, dass grundsätzlich ausreichend Plätze in erreichbarer Entfernung zur Verfügung stünden – darauf hätten Sorgeberechtigte einen gesetzlichen Anspruch. Anna Fuy, Sprecherin der Elbkinder, erklärt, dass man bei rückläufiger Nachfrage und hohem Sanierungsbedarf im Bestand abwägen müsse, wo Investitionen langfristig tragfähig seien. Seit 2024 haben die Elbkinder acht Einrichtungen mit anderen Kitas zusammengelegt. Für die Jahre 2026 und 2027 sind weitere Zusammenlegungen von sechs Kitas geplant; hinzu kommt mit der Kita Kohlhöfen eine vollständige Schließung. Die Elbkinder versuchten, Schließungen sozialverträglich zu gestalten und Übergänge zu begleiten, betont Fuy. Gleichzeitig sei man darauf angewiesen, wirtschaftlich zu arbeiten, um das bestehende Angebot in anderen Stadtteilen abzusichern. Tatsächlich sinken die Kinderzahlen nahezu überall in der Stadt. So kommen aktuell schon weniger Krippenkinder nach, während Elementargruppen noch gefüllt sind. Stadtweit ist der Rückgang bisher moderat. Doch die Bevölkerungsprognosen bis zum Jahr 2040 sagen eine Verschärfung voraus. Statt 117.000 wird es nur noch 112.000 Kinder im Alter unter sechs Jahren geben. Ein Rückgang um 4,3 Prozent. Im Bezirk Mitte sollen es sogar 5,5 Prozent weniger Kinder werden. Zwar wird für die Neustadt noch ein leichter Anstieg erwartet: 640 Kleinkinder könnten dort 2040 leben, statt 629 im Jahr 2022. Doch die Eltern der Kita Kohlhöfen befürchten, dass eine Schließung der Einrichtung den Trend umkehren könnte. „Das hat einen Einfluss auf die Attraktivität des Viertels für Familien“, sagt Sudendorf. Einige Eltern überlegten bereits, ob sie überhaupt bleiben. Auch Schulen seien betroffen. „Die Grundschule wusste von alldem vorher nichts“, sagt sie. Welche Folgen das für deren Schülerzahlen haben könnte, ist noch offen. Bis zum Sommer 2027 wird der Betrieb an den Kohlhöfen weiterlaufen. Es soll Zeit für einen geordneten Übergang geben. Die Eltern, die am Mittwoch auf die Straße gegangen sind, sehen darin aber auch Zeit, für den Erhalt der Kita zu kämpfen. Sie hoffen, dass ihr Einsatz Wirkung zeigt und Alternativen ernsthaft erwogen werden. Auch die Bezirkspolitik setzt sich für den Erhalt ein. CDU-Politikerin Stefanie Blaschka, kritisiert, dass sich mit den Elbkindern ausgerechnet ein städtischer Träger aus der frühkindlichen Betreuung in der Neustadt zurückziehen wolle. Eine wohnort‑ oder arbeitsortnahe Kinderbetreuung sei ein zentraler Baustein für eine lebendige, durchmischte Innenstadt und wichtig für junge Familien, erklärte Blaschka. In eine ähnliche Richtung argumentiert ihr Fraktionskollege Roland Hoitz. Unter stadtplanerischen Gesichtspunkten sei es problematisch, wenn gerade in innenstadtnahen Quartieren Betreuungseinrichtungen wegfielen, sagte er. Wenn Familien dauerhaft im innerstädtischen Bereich gehalten werden sollten, dürfe die dafür „notwendige Infrastruktur nicht weiter ausgedünnt werden.“ Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Einer ihrer Schwerpunkte ist die Bildungspolitik.