Welt 13.10.2026
11:53 Uhr

„Ein Naturkundemuseum ist kein Luxus für Hamburg“


Nach dem politischen Streit bezieht nun der wichtigste Akteur Position: Das Leibniz-Institut fordert den vertraglich zugesicherten Aufbau des Naturkundemuseums ein. Die Diskussion dürfe sich um das Wo drehen, nicht aber darum, ob das Museum kommt.

„Ein Naturkundemuseum ist kein Luxus für Hamburg“

Das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) drängt auf die Umsetzung des für seine Sammlung geplanten Naturkundemuseums. „Ein Naturkundemuseum ist kein Luxus für Hamburg“, erklärte Generaldirektor Bernhard Misof am Dienstag. Nach den Diskussionen der vergangenen Tage stellt das Institut klar: Gestritten werden könne über den Standort, nicht über das Museum selbst. Das Vorhaben sei unabhängig von einem konkreten Standort im Staatsvertrag zwischen Hamburg und Nordrhein-Westfalen zur Gründung des Instituts festgeschrieben, betont das LIB. Die Debatte über Kosten und mögliche Standorte ändere nichts an der grundsätzlichen Notwendigkeit eines neuen Naturkundemuseums für Hamburg. Misof verweist dabei auf die doppelte Funktion eines modernen Forschungsmuseums. Ein solcher Ort diene nicht nur der Ausstellung, sondern bündele Forschung, wissenschaftliche Sammlungen und Bildungsangebote unter einem Dach. Ein modernes Forschungsmuseum könne helfen, den Verlust von Arten und die Veränderungen der biologischen Vielfalt verständlich zu erklären. Auf einen bestimmten Standort legt sich das Institut dabei nicht fest. Vielmehr betont Misof, dass die gemeinsam mit der Stadt entwickelten Anforderungen nun die Grundlage dafür bilden müssten, weitere Optionen zu prüfen und die Planungen voranzutreiben. Ein Neubau oder ein geeignetes alternatives Gebäude sei notwendig, um die mehr als zehn Millionen Sammlungsobjekte angemessen unterzubringen und Forschung wie Bildungsarbeit (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/bildungsbericht/) zukunftsfähig aufzustellen. Seit der Zerstörung des Naturhistorischen Museums im Jahr 1943 gibt es in Hamburg Pläne für eine Neueinrichtung eines Museums, das die naturkundlichen Sammlungen der Stadt zeigt. 2021 schlossen Hamburg und Nordrhein-Westfalen einen Staatsvertrag, indem die Länder nicht nur das gemeinsame Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels anstießen, sondern sich Hamburg verpflichtete, ein neues Gebäude zur Ausstellung und Forschung für das LIB zu bauen. Nachdem etliche Pläne verworfen worden waren, legte sich der Senat 2025 darauf fest, dass das Museum möglichst im Elbtower in der Hafencity (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hafen-city/) entstehen soll, für 595 Millionen Euro. Dieses Vorhaben ist umstritten, weil der Hochhausbau an den Elbbrücken ein Zankapfel ist. Seit der Insolvenz der Signa-Holding von René Benko herrscht auf der Baustelle Baustopp. Ein privates Konsortium verhandelt mit dem Insolvenzverwalter über den Weiterbau. Auslöser der jüngsten Debatte war ein neues Angebot des Hamburger Projektentwicklers Büll & Liedtke. Das Unternehmen schlägt vor, das Naturkundemuseum nicht im Elbtower, sondern im ehemaligen Generali-Gebäude am Besenbinderhof unterzubringen. Mit veranschlagten Kosten von 495 Millionen Euro läge die Lösung rund 100 Millionen Euro unter den bislang für den Elbtower kalkulierten 595 Millionen Euro. Dabei richtete sich die Kritik nicht nur gegen den Elbtower. Zeitweise entstand der Eindruck, die Grünen wollten das Naturkundemuseum insgesamt aufgeben. Entsprechend heftig fielen die Reaktionen aus. Die SPD verwies auf die Verpflichtungen aus Staatsvertrag und Bürgerschaftsbeschluss und fühlte sich vom Koalitionspartner übergangen. CDU, Linke und AfD warfen den Grünen vor, von einem Projekt abzurücken, das sie über Jahre selbst vorangetrieben hatten. Auch deshalb ruderte die Partei am Montag öffentlich zurück. Man stelle weder den Staatsvertrag noch ein künftiges Naturkundemuseum grundsätzlich infrage, hieß es schließlich. Das Thema gilt seit Jahren als eines der bedeutendsten Wissenschafts- und Kulturprojekte der Stadt. Umso größer ist die politische Brisanz der aktuellen Debatte. Redakteurin Julia Witte genannt Vedder (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/julia-witte/) arbeitet in der Hamburg-Redaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hamburg-politik/) . Sie ist Co-Vorsitzende der Landespressekonferenz Hamburg, dem Verein der Landespolitikjournalisten.