Einen Gewinner hat der Nato-Gipfel, der Mitte der kommenden Woche in der Türkei stattfinden wird, schon jetzt: Präsident Recep Tayyip Erdogan (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/recep-tayyip-erdogan/) . Die Staats- und Regierungschefs aus 32 Nato-Mitgliedstaaten werden Erdogan im Präsidentenpalast von Ankara ihre Aufwartung machen, um zwei Tage lang über die Zukunft des größten Verteidigungsbündnisses der Welt zu beraten. Im Vorfeld ließ Erdogan laut Medienberichten mindestens 225 Personen verhaften. Es handelt sich um Umweltschützer, Journalisten und Menschenrechtler, die unter Terrorverdacht stehen. Die Nato (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/nato/) schweigt dazu. Auch die Versuche Erdogans, unter Umgehung des Rechtsstaats seinen wichtigsten politischen Gegner, die sozialdemokratisch-kemalistische Oppositionspartei CHP, auszuschalten, spielen bei diesem Gipfeltreffen keine Rolle. Stattdessen bekommt Erdogan die Fernsehbilder, die ihn als Gastgeber für die wichtigsten Führer der freien Welt zeigen. Mehr internationale Anerkennung für einen Autokraten geht nicht. Zudem wäre US-Präsident Donald Trump (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/donald-trump/) , um den sich bei diesem Nato-Gipfel alles drehen wird, möglicherweise gar nicht zum Treffen erschienen. Sein Zorn über die aus seiner Sicht fehlende Unterstützung der Nato-Partner beim Krieg der USA gegen den Iran hält weiter an. „Sie waren nicht für uns da!!!“ schrieb Trump erst am Freitag. Kurz zuvor hatte er erklärt: „Ich werde aus Respekt vor Präsident Erdogan nach Ankara reisen.“ Das war erneut ein Punktsieg für den türkischen Präsidenten, der neben Nato-Chef Mark Rutte (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/mark-rutte/) wahrscheinlich der einzige Politiker in der Allianz ist, für den Trump Sympathien hegt und Respekt empfindet. Das ist ein Problem. Bei Gesprächen von WELT AM SONNTAG mit zahlreichen Diplomaten in den vergangenen Wochen wurde deutlich: Die Nato zittert vor Trump. Niemand ist sicher, ob der US-Präsident nicht schon wieder, wie beim Nato-Gipfel an Christi Himmelfahrt im Jahr 2017 in Brüssel, einen Wutausbruch inszeniert. Damals warf er den Verbündeten vor, ihre finanziellen Verpflichtungen nicht zu erfüllen. Er könnte auch säumige Beitragszahler wie den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/pedro-sanchez/) vorführen. „Du kannst niemals den Trump-Faktor ausschalten. Wenn er mit dem falschen Fuß aufsteht, dann war es das“, sagte ein Spitzendiplomat. „Wir betteln darum, dass alles gut läuft. Trump kann sehr persönlich werden. Das Wichtigste ist die Atmosphäre dieses Gipfels und dass wir Einigkeit zeigen“, sagte ein weiterer Nato-Diplomat. Einigkeit untereinander, Einigkeit gegenüber dem russischen Machthaber Wladimir Putin (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wladimir-putin/) , der seit Februar 2022 einen Angriffskrieg gegen die Ukraine (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ukraine-krise/) führt – das soll das wichtigste Signal sein, das der Ankara-Gipfel in die Welt sendet. Aber wird das klappen? Unklar. In der vergangenen Woche reiste Nato-Chef Rutte darum ins Weiße Haus. Er hatte nur ein Ziel: Trumps Zorn auf die Alliierten abzukühlen und ihn milde zu stimmen für Ankara. Rutte weiß, dass Trump anfällig für Schmeicheleien ist. Also schmeichelte er dem Republikaner. Er lobte seine Führungsstärke und zeigte Trump vor der Weltpresse eine Tafel mit roten Balken, die die gestiegenen Investitionen der europäischen Partner und Kanadas für Verteidigung zeigten, seitdem Trump US-Präsident ist. Über den Balken prangte in goldener Schrift: „Die Trump-Billion“. \n Die frohe Botschaft sollte lauten: Es ist einzig Trump zu verdanken, dass die Europäer jetzt so viel mehr Geld für Verteidigung ausgeben als früher. Der US-Präsident lobte Rutte anschließend als „great guy“ („großartiger Typ“) – und zog nicht einmal eine Minute später erneut über Deutschland, Frankreich und Italien her. Trump ätzte, er habe Berlin im Iran-Krieg gebeten: „Gebt uns einen kleinen Stups, gebt uns ein kleines Küsschen. Aber sie haben nein gesagt.“ Trotz der Ungewissheit über Trumps unkalkulierbares Verhalten dürfte der Gipfel in Ankara ein Meilenstein in der Geschichte der Nato werden: Die Nato soll „europäischer werden“, wie es in der Allianz so schön heißt. Das ist eine neue Bündnis-Doktrin. Die Amerikaner werden sich nach Jahrzehnten als Schutzmacht schrittweise aus der konventionellen Verteidigung Europas zurückziehen, um sich künftig stärker dem asiatischen und südamerikanischen Kontinent widmen zu können. Das ist ein dramatischer Paradigmenwechsel – obwohl die USA weiterhin nukleare Schutzmacht bleiben wollen. Es wird eine neue Nato-Welt entstehen. Sie wird die Europäer personell und finanziell enorm belasten – vor allem Deutschland, als größte und reichste Volkswirtschaft in Europa. „Lastenumverteilung“ (burden shifting) heißt das im Nato-Jargon. Viel zu lange sei die Nato „ein Papiertiger und eine Einbahnstraße“ gewesen, sagte US-Kriegsminister Pete Hegseth (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/pete-hegseth/) kürzlich. Er forderte ein „ausgewogenes Bündnis, in dem Europa die Führung und seine eigene Verteidigung übernimmt: Nato 3.0“. Die große Sorge im Bündnis ist nun, dass die Amerikaner schon bald schneller und in einem größeren Umfang Waffen und Personal abziehen werden als erwartet und die Europäer nicht in der Lage sein werden, die Lücken rechtzeitig auszufüllen. Seit mehr als einem Jahr hatten alle Beteiligten immer wieder intern in den Nato-Gremien eine notwendige „Synchronisierung“ beschworen – das könnte nun schwierig werden. Immerhin dürften die Europäer während des Nato-Gipfels zusätzliche Fähigkeiten für das sogenannte Nato-Streitkräftemodell (NFM) einmelden, um den in einem geheimen Dokument angekündigten Abzug von US-Kampfjets, Drohnen, Tankflugzeugen und Kriegsschiffen zumindest teilweise auszugleichen. Berlin wird vermutlich zusätzliche Tankflugzeuge und große Drohnensysteme bereitstellen. Außerdem sollen in Ankara Rüstungskooperationen zwischen europäischen und amerikanischen Unternehmen verkündet werden: Die Europäer werden dann in Lizenz hoch entwickelte US‑Waffen herstellen oder gemeinsam mit amerikanischen Unternehmen Rüstungsprojekte entwickeln. Das ist ein echter Durchbruch. Und ein lukratives Geschäft für die amerikanische Wirtschaft. Das dürfte auch Trump gefallen. Christoph B. Schiltz (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/christoph-schiltz/) ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.