Welt 01.09.2026
15:28 Uhr

„Diese Struktur wird sehenden Auges zerschossen“


Ambulante Pflegedienste in Hamburg schlagen Alarm: Wegfall von Entlastungsleistungen, Tariflohn-Stopp und neue Pflegegrade treffen Familien und Fachkräfte mitten im Alltag.

„Diese Struktur wird sehenden Auges zerschossen“

Die Hamburger Wohlfahrtsverbände warnen vor Versorgungslücken durch die geplante Pflegereform der Bundesregierung. Ambulante Dienste könnten Angebote einstellen, Pflegeheime unter finanziellen Druck geraten und Hilfen für pflegende Angehörige wegfallen, erklärte die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg (AGFW) am Dienstag bei einem Aktionstag. Vor einem Pflegeheim in Eimsbüttel demonstrierten Beschäftigte mit einem leeren Pflegebett und stillstehenden Pflegeautos. Allein bei der Elbdiakonie, einem ambulanten Pflegeträger mit mehr als 3000 versorgten Menschen in Hamburg, sind laut Geschäftsführerin Sonja Schneider-Koch rund 1000 Pflegebedürftige und 200 Beschäftigte von einer geplanten Änderung betroffen. Über den Entlastungsbetrag erhalten Pflegebedürftige unter anderem Haushaltshilfe und Unterstützung beim Einkaufen oder bei Behördengängen. Für Menschen mit Pflegegrad 1 soll der monatliche Betrag von derzeit 131 Euro entfallen und durch präventiv ausgerichtete Beratung und Begleitung ersetzt werden. „Struktur wird sehenden Auges zerschossen“ „Ich weiß nicht, was ich mit 200 Menschen machen soll, die ich anderweitig nicht einsetzen kann“, sagte Schneider-Koch. Ebenso wenig wisse sie, an wen sie ihre rund 1000 Kundinnen und Kunden ab Januar verweisen solle. „Diese Struktur wird sehenden Auges zerschossen.“ Auch Träger könnten vom Markt verschwinden, wenn ihre Wirtschaftlichkeit nicht mehr gesichert sei. Kritik üben die Verbände zudem an der geplanten Aussetzung der Refinanzierung von Tariflöhnen. Die AGFW-Vorsitzende und Geschäftsführende Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg, Kristin Alheit, nannte es einen Widerspruch, Pflegeeinrichtungen zunächst zur tariflichen Bezahlung zu verpflichten und diese anschließend nicht zu finanzieren. Damit werde auch das Ziel gefährdet, Pflegeberufe attraktiver zu machen. Die Bundesregierung begründet die geplante Aussetzung mit der Stabilisierung der Pflegeversicherung. Hamburger Politiker sollen sich für Änderungen einsetzen Auch Änderungen bei der Einstufung in Pflegegrade sehen die Verbände kritisch. Dadurch könne in stationären Einrichtungen weniger Personal benötigt werden, obwohl sich der tatsächliche Pflegebedarf nicht ändere. Beratung und Koordination könnten zudem konkrete Hilfen im Alltag nicht ersetzen, erklärte Alheit. Die Wohlfahrtsverbände fordern die Hamburger Bundestagsabgeordneten und Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) auf, sich für Änderungen einzusetzen. Die Politik müsse stärker auf die Praxis zurückgreifen. Für Stellungnahmen zum Referentenentwurf habe es auf Bundesebene nur wenige Tage Zeit gegeben, kritisierte Katrin Raabe, Arbeitsbereichsleiterin Pflege und Seniorinnen beim Diakonischen Werk Hamburg.