Die wertvollste Ehrung fand klammheimlich statt. Denn dabei erhielt Armin Hary (verlinkt auf https://www.hall-of-fame-sport.de/mitglieder/detail/armin-hary) , der schnellste Mann der Welt, eine ganz besondere Medaille aus hochwertiger Goldlegierung. Zehn Zentimeter im Durchmesser und etwa einen Zentimeter dick, wog sie mehr als ein Kilogramm und war schon am 1. September 1960 deutlich über tausend US-Dollar wert. So eine Auszeichnung verstieß gegen die Bestimmungen für Amateursportler. Also nahm Hary sie ganz diskret in der Nacht nach seinem Olympia-Sieg entgegen, am frühen Morgen des 2. September 1960 gegen halb drei Uhr. „Als ich sie überreicht bekam, habe ich sie gleich dem Vizepräsidenten unseres Leichtathletik-Verbandes in die Hand gedrückt“, erinnerte sich der Ausnahmesportler 58 Jahre später. Ein kluger Trick: „Ich dachte mir: Wenn sich ein Funktionär von uns mit der Medaille ablichten lässt, kann ich sie auch behalten.“ Gestiftet hatte Japans Kaiserhaus die Auszeichnung schon 1952, als Belohnung für den ersten Menschen, der die hundert Meter in zehn Sekunden oder weniger bewältigen würde. Hary hatte diesen Fabelweltrekord am 21. Juni 1960 (verlinkt auf https://www.leichtathletik.de/aktuelles/news/news-detail/73486-armin-hary-hurry-hary-und-der-irre-zuerich-abend) in Zürich aufgestellt – nachdem der Kanadier Percy Williams 1930 in Toronto 10,3 Sekunden gebraucht hatte, der Amerikaner Jesse Owens (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article232889461/Jesse-Owens-Der-Schwarze-der-Hitler-die-Show-stahl.html) 1936 in Chicago 10,2 Sekunden und sein Landsmann Willie Williams 1956 in Berlin 10,1 Sekunden. Hary war der deutsche Superstar der Olympischen Spiele in Rom, den vorletzten, bei denen west- und ostdeutsche Athleten in einem gemeinsamen Team antraten, unter der schwarz-rot-goldenen Flagge mit den weißen Olympischen Ringen. Als Weltrekordhalter war er natürlich Mitfavorit, aber mit den Amerikanern Dave Sime (verlinkt auf https://www.olympics.com/de/athleten/david-sime) (persönliche Bestzeit: 10,1 Sekunden sowie mit 9,3 Sekunden Weltrekordhalter über 100 Yards) und Ray Norton (verlinkt auf https://www.olympics.com/de/athleten/otis-ray-norton) (persönliche Bestzeit ebenfalls 10,1 Sekunden) hatte er zwei bärenstarke Gegner. WELT meldete den Sieg auf der Titelseite und erzählte den entscheidenden Lauf im Sportteil ausführlich nach. Zunächst hatte es zwei Fehlstarts gegeben, den zweiten davon hatte Hary verursacht. Sollte er sich auch beim nächsten Versuch zu früh vom Startblock lösen, würde er disqualifiziert werden. Im gleichen Dilemma steckte jedoch auch Sime, auf dessen Verantwortung der erste Fehlstart ging. Beste Aussichten im dritten Anlauf also für Ray Norton. Hary hatte nun zwei Möglichkeiten, berichtete die WELT-Olympia-Redaktion aus Rom: „Er konnte einen Null-acht-fünfzehn-Start riskieren, den Schuss abwarten und dann losbrausen.“ Damit wäre er vielleicht Sechster geworden: „Bei diesen Gegnern kostet ein Durchschnitts-Start den Sieg.“ Oder er ging voll ins Risiko. „Der listige, nervenstarke Hary entschied sich für vabanque: Er wiederholte seinen Blitzstart. Als erster der sechs Läufer war er von den Blöcken, wirbelte schon die Strecke herunter, als die anderen noch antraten, Fuß fassten.“ Nach zehn Metern führte Hary klar, doch die Amerikaner holten auf. Bei 70 Metern lag er immer noch vorne, auch nach 80. Oder narrte die Perspektive? Entscheiden würde, das war nun klar, das Zielfoto. Mit rudernden Armen warfen die Männer ihre Körper durchs Ziel. Alle kämpften mit dem Gleichgewicht. Dave Sime stürzte hinter der Ziellinie lang hin; Norton sprang gerade noch über ihn hinweg; Hary hingegen lief locker aus. Die 80.000 im Stadion in Rom rätselten: „Wer hat gewonnen?“ Die folgenden Momente beschrieb WELT so: „Das bloße Auge vermochte es nicht zu erkennen. Die Zielkamera muss den Einlauf der sechs Männer auseinanderklauben. Vorsichtige warten, Voreilige feiern Hary. Sprechchöre donnern durchs Stadion, etwa 50 schwarz-rot-goldene Fahnen werden geschwenkt. Hary hebt keine Hand, antwortet nicht auf den Jubel. Fotografen umschmeicheln ihn. Wollen ihn in die Siegerpose stellen, doch Hary steht nur gleichgültig da.“ Er wusste, dass er gewonnen hatte. Er hatte die Leine an der Brust gespürt, bevor Dave Sime sie berühren konnte. Eine Viertelstunde nach dem Rennen strahlten es die tausend Glühbirnen der Leuchttafel in die einsetzende Dämmerung: 1. Hary 10,2; 2. Dave Sime 10,3: 3. Frank Redford 10,4. Mit enttäuschenden 10,6 Sekunden landete Ray Norton auf dem sechsten Rang. Nun schlug der Jubel über dem jungen Mann aus Frankfurt/M. zusammen: „Er erlebte seine größte Stunde, ja, es war die größte Stunde der deutschen Leichtathletik überhaupt“, geriet WELT ins Schwärmen. Er freute sich, vor allem für seinen Triumph über die ungeliebten Funktionäre des Leichtathletik-Verbandes, die ihm stets den zwei Jahre älteren Manfred Germar vorgezogen hatten. Der war 1956 in 74 aufeinanderfolgenden Wettkampfsprints über 100 und 200 Meter in Deutschland und Europa unbesiegt geblieben, hatte sogar mit der 4x100-Meter-Staffel (ohne Hary) bei den Europameisterschaften 1958 in Stockholm mit 39,5 Sekunden den gültigen Weltrekord eingestellt. Germar war – ohne selbst etwas dafür zu können – der Favorit der Funktionäre, Hary hingegen bereits einmal wegen angeblich oder tatsächlich falsch abgerechneter Spesen gesperrt gewesen. So endete die Karriere des Olympia-Siegers trotz des Triumphs relativ schnell und im Streit im Frühjahr 1961. Ihm wurde vorgeworfen, gegen die Amateurregeln verstoßen zu haben. Eine Knieverletzung war der Anlass. „Armin Hary wird Privatmann. Ein Mann, der eigentlich immer nur ein großer Junge war, beschließt, auf den Jubel der Masse, auf Superlative der Kommentatoren, auf Weltreisen und auf den Ruhm zu verzichten. Es ist ein Entschluss, der Charakterstärke erfordert“, kommentierte WELT am 11. Mai 1961. Dreimal gab es Anläufe, den Triumph von Armin Hary zu verfilmen, zweimal sogar von Produzenten aus Hollywood. Geworden ist daraus bisher nichts. Dabei hätte seine Geschichte alles, was einen guten Sportfilm spannend macht: einen Helden und Bösewichter, einen Triumph, ein Drama – aber kein Happy End. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.