Das Ungeheure brauchte anderthalb Tage, um durchzusickern. Am 20. August 1976, einem Freitag, erfuhr die WELT-Redaktion, was sich am vorangegangenen Mittwoch in Sachsen-Anhalt ereignet hatte: „Aus Protest gegen das ,DDR‘-Regime hat der evangelische Pfarrer der ,DDR‘-Kreisstadt Zeitz an der Elster versucht, sich selbst zu verbrennen.“ Laut Augenzeugenberichten, so der erste WELT-Bericht in der Samstagsausgabe weiter, „fuhr der Pfarrer, der wegen seines Eintretens für die Jugendlichen seiner Stadt bereits im Gefängnis gesessen hat, mit seinem Auto auf dem Kirchplatz vor und entfaltete ein Transparent mit der Aufschrift: ,Die Kirchen klagen den Kommunismus wegen der Unterdrückung der Jugend an‘.“ Dann habe sich der Geistliche mit Benzin übergossen und angezündet. „Unter gellenden Hilfeschreien“ sei er noch etwa 20 Meter als lebende Fackel über den Kirchenvorsplatz gestolpert, bevor er zusammenbrach. Passanten erstickten die Flammen, doch es war zu spät – die Verletzungen waren so schwer, dass sie am 22. August zum Tode führten. In der nächsten WELT-Ausgabe, die am Montag, dem 23. August 1976 erschien, konnte schon wesentlich mehr berichtet werden. Bei dem verstorbenen Pfarrer handelte es sich um Oskar Brüsewitz (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article146324/Der-Fall-Oskar-Bruesewitz.html) , 47 Jahre alt. Die staatliche DDR-Nachrichtenagentur ADN hatte am 21. August über den sterbenden Geistlichen verbreitet: „Pfarrer Brüsewitz war ein anormal und krankhaft veranlagter Mensch, der oft unter Wahnvorstellungen litt.“ In Wirklichkeit war keineswegs individuelle Geisteskrankheit der Hintergrund des Selbstopfers, sondern tiefe Verzweiflung. Zwar gehörten 1976 von den rund 17 Millionen Menschen in der DDR noch 9,86 Millionen einer christlichen Kirche an, doch die atheistische Diktatur engte den Freiraum immer mehr ein. Brüsewitz, an sich gelernter und selbstständiger Schuhmacher, war stets nonkonform gewesen: Bereits in seinem Geschäft hatte er christliche Schriften ausgestellt, was ihn in Konflikt brachte mit der Staatspartei SED und ihrer Geheimpolizei, der Stasi (verlinkt auf https://www.stasi-mediathek.de/themen/person/Oskar%20Br%C3%BCsewitz/) . Als seine Werkstatt verstaatlicht wurde, arbeitete er zunächst als Filialleiter im ehemals eigenen Betrieb weiter. Doch 1964, im Alter von 34 Jahren, entschied er sich, evangelischer Pfarrer zu werden. Sechs Jahre später erhielt er in Wernigerode die Ordination. Seine erste Pfarrstelle trat er in Rippicha an, einer Gemeinde vier Kilometer südlich von Zeitz. Hier fiel Brüsewitz durch aktive Jugendarbeit auf, an der sich die SED-Organisation FDJ störte. Bekannt wurde er zudem durch fantasievolle Aktionen: So konterte er 1974 ein SED-Plakat mit der Aufschrift „25 Jahre DDR“ mit dem Spruch „2000 Jahre Kirche Jesu Christi“. Am Kirchturm in Rippicha befestigte er ein drei Meter hohes Kreuz aus Neonröhren, sodass nachts niemand, der auf der Fernverkehrsstraße 2 von Gera nach Zeitz unterwegs war, das christliche Symbol übersehen konnte. Als der lokale SED-Sekretär drohte, er werde das Kreuz herunterschießen lassen, ließ Brüsewitz das kalt. Im Gegenteil attestierte er dem Parteifunktionär, ein „Gesinnungslump“ zu sein. Seine eigenen Vorgesetzten in der Kirche drängten ihn, die DDR zu verlassen – ein Ausreiseantrag würde „bewilligt“ werden, teilte man ihm mit. Mindestens versetzen lassen sollte er sich. Doch Brüsewitz wollte nicht klein beigeben. Vielmehr entschloss er sich, alleingelassen, aber eben nicht wahnsinnig, für ein Fanal nach dem Vorbild des Studenten Jan Palach (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article187135404/Jan-Palach-Der-Student-der-sich-1969-in-Prag-selbst-in-Brand-setzte.html) 1969 in Prag: zur öffentlichen Selbstverbrennung. Sein Opfer empfand er als Martyrium im urchristlichen Sinne. Er hatte niemanden in seine Pläne eingeweiht, sondern nur allgemein eine „extreme Aktion“ angekündigt. Den Morgen des 18. August 1976 verbrachte er noch mit seiner Familie. Bevor er nach Zeitz fuhr, übergab er einer Nachbarin zwei Briefe mit der Bitte, diese in einer halben Stunde seiner Tochter zu übergeben; einer davon war für die Familie, der andere (verlinkt auf https://www.stasi-mediathek.de/fileadmin/pdf/dok575.pdf) für die Gemeinde bestimmt. Brüsewitz erklärte darin seine Tat als Märtyrium, das Gott ihm auferlegt habe. Zwischen „Licht und Finsternis“ tobe „ein mächtiger Krieg“, Wahrheit und Lüge stünden nebeneinander. Eine Situation, die er als unerträglich erlebte – und auf denkbar radikale Art „löste“. Der Fall Brüsewitz, eigentlich seit vielen Jahren gründlich erforscht, ist zugleich ein Beispiel für immer noch mögliche Fortschritte in der Zeitgeschichte. Erst im Juni 2026 (verlinkt auf https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/mediathek/wenn-widerspruch-noetig-wird-kirche-protest-und-verantwortung-von-der-ddr-bis-heute) präsentierte die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur (verlinkt auf https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/start) nämlich neue Erkenntnisse zur Vorgeschichte. Bislang nicht ausgewertete Akten der DDR-Volkspolizei aus dem Landesarchiv Sachsen-Anhalt zeigten, so der Journalist und Politikwissenschaftler Wolfgang Stock, wie die Obrigkeit vor Ort „teilweise seitenlang Vermerke angefertigt hat, wie er diese Gemeinden, in denen er zuständig war, umgekrempelt hat, seine Kirche gefüllt hat“. Brüsewitz habe „einen Freiraum geschaffen, aber der war dann so groß, dass der Staat das nicht akzeptieren wollte.“ Um Brüsewitz seine offenbar große Wirkung auf Jugendliche zu nehmen, wurde gerade in seinem Sprengel eine moderne Schule gebaut. Äußerst ungewöhnlich für die wirklich tiefe Provinz im südlichsten Zipfel Sachsen-Anhalts – das 1976 nicht bestand, sondern in die DDR-„Bezirke“ Magdeburg und Halle aufgeteilt war. Im Frühjahr und Sommer 1976 nahm der Druck des SED-Regimes und der evangelischen Landeskirche auf Brüsewitz zu, einer Versetzung zuzustimmen. Das dürfte, so jedenfalls stellt es sich im Lichte der neueren Aktenfunde dar, wesentlich zu seinem Entschluss, sich selbst zu verbrennen, beigetragen haben. „Die Geschichte von Oskar Brüsewitz zeigt, wie schwer sich Erinnerung an Widerstand in einfache Heldenerzählungen fassen lässt“, sagte Anna Kaminsky, die Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. „Gerade deshalb lohnt es, seine Geschichte fünfzig Jahre später genau und ohne Verkürzung zu erzählen: als individuellen, radikalen und bis heute umstrittenen Protest, der eine landesweite Debatte über das Verhältnis von Staat und Kirche und über die Mechanismen der SED-Diktatur ausgelöst hat.“ In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Sollten Sie selbst das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter den kostenlosen Rufnummern 0800-1110111 und 0800-1110222 erhalten Sie anonym Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Im Sommer 2006 nahm er in Zeitz an einer Recherche der Bundesstiftung Aufarbeitung zum Tode von Oskar Brüsewitz teil.