Welt 05.06.2026
00:43 Uhr

Die Drohnen waren der erste Streich, der zweite folgt sogleich


Ukrainische Drohnenangriffe auf den Hafen von St. Petersburg stellen Wladimir Putin bloß. Dann bekommt er einen Brief, in dem Wolodymyr Selenskyj ihn zum Frieden aufruft. Konkreten Fortschritt wird das Schreiben kaum bringen. Aber darum geht es auch gar nicht.

Die Drohnen waren der erste Streich, der zweite folgt sogleich

Wolodymyr Selenskyj wendet sich nicht häufig direkt an Wladimir Putin. Denn als begnadeter Kommunikator weiß der ukrainische Präsident: Wenn er es dann doch einmal tut, ist die Wirkung umso größer. Selenskyj spart sich die Ansprachen an seinen russischen Amtskollegen für besondere Gelegenheiten auf. Und am Donnerstag hat er eine solche offenbar gesehen. Am Abend veröffentlichte Selenskyj auf allen Kanälen einen offenen Brief an den russischen Präsidenten. „Ich schlage ein Treffen vor“, schreibt Selenskyj in dem Dokument (verlinkt auf https://www.president.gov.ua/en/news/vidkritij-list-prezidentu-rosijskoyi-federaciyi-vid-preziden-104769) . „Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg zu beenden.“ Die Ukraine sei bereit für „einen vollständigen Waffenstillstand“ während Verhandlungen, die aber weder in Moskau noch in Kiew, sondern etwa in der Schweiz, der Türkei oder den arabischen Staaten stattfinden müssten. Europa solle involviert werden, ebenso die USA, schreibt Selenskyj. Das Dokument ist ein Appell, zum einen an die Russen, denen der Krieg in Form ukrainischer Drohnen inzwischen näher ist als je zuvor. Zum anderen an Putin, den Selenskyj stellenweise in fast paternalistischem Ton anspricht: „Haben Sie keine Angst davor, den Weg aus diesem Krieg einzuschlagen“, schreibt er. „Das ist die Hauptaufgabe, die Sie nun erfüllen müssen.“ Kiew sei bereit für einen Austausch sämtlicher Kriegsgefangener. Auch müssten „ernsthafte Schritte“ unternommen werden, um Kinder und Zivilisten in die Ukraine zurückzubringen, die während des Krieges „weggenommen“ wurden. Eine große Zahl ukrainischer Kinder ist Menschenrechtsorganisationen zufolge seit Kriegsbeginn nach Russland deportiert worden, wo ihnen Berichten zufolge durch Umerziehungsmaßnahmen ihre ukrainische Identität genommen werden soll. Der Haftbefehl des internationalen Strafgerichtshofes gegen Putin wird mit diesen Vorwürfen begründet. Das alles sind also wichtige Themen – aber sie umschiffen den Kern von Friedensverhandlungen, sollten sie tatsächlich stattfinden: Mit keinem Wort erwähnt Selenskyj die territorialen Ansprüche, die Putin gegenüber der Ukraine erhebt. Der Kreml-Machthaber hatte bereits im Spätsommer 2022 unter dem Eindruck einer überraschend erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive die vier Oblaste Cherson, Saporischschja, Donezk und Luhansk annektiert. Aus Moskauer Sicht gelten sie somit als russisches Staatsgebiet, obwohl bis auf Luhansk keine dieser Regionen auch nur annähernd vollständig unter russischer Kontrolle steht. Die Einnahme dieser Oblaste, mindestens jedoch ein ukrainischer Rückzug aus dem seit inzwischen zwölf Jahren umkämpften Donbass – de facto also dem noch nicht eroberten Teil von Donezk – ist nach Putins Lesart Voraussetzung für ein Ende der Kämpfe. Einem aktuellen Bericht der „ Financial Times (verlinkt auf https://www.ft.com/content/7beeff28-27b4-417a-b1ef-43298f736f00?syn-25a6b1a6=1) “ zufolge geht Putin davon aus, den Donbass bis zum Herbst einnehmen zu können, wonach er seine territorialen Forderungen noch eskalieren wolle. Im Kernstreitpunkt scheint eine Einigung zwischen Moskau und Kiew also meilenweit entfernt. Überhaupt hat der Kreml-Chef es geradezu meisterhaft verstanden, über Jahre hinweg rhetorisch die Bereitschaft für Frieden aufrechtzuerhalten, ohne einen einzigen konkreten Schritt hin zu einem Ende des Krieges zu unternehmen. Warum schreibt Selenskyj diesen Brief also gerade jetzt? Und was will er mit dem Dokument erreichen? Das Signal geht nicht nur an den Adressaten im Kreml Konkrete Folgen wird der Brief kaum haben, das dürfte aber auch nicht das Ziel gewesen sein. Selenskyj wird mit dem Dokument vor allem beabsichtigen, die Wahrnehmung zu stützen, die Ukraine übernehme die Initiative – also eine reale Entwicklung durch kluge Kommunikationspolitik noch zu verstärken. Das Signal der Stärke geht nicht nur an den Adressaten im Kreml, sondern auch an dessen Bevölkerung. Und an die restliche Welt, von der Selenskyj in den vergangenen viereinhalb Jahren den Eindruck gewonnen haben muss, dass sie hilfsbereiter ist, wenn man sie aus einer Position der Stärke heraus anspricht. Die Gelegenheit für einen solchen Schritt ist günstig. Auf dem Schlachtfeld läuft es für die Ukraine derzeit so gut wie lange nicht mehr. Aktuell verliert der Kreml Monat für Monat um die 30.000 Soldaten durch Tod oder Verwundung. Das ist eine Größenordnung, die Russland zuletzt nicht mehr durch Rekrutierungen ausgleichen konnte. Auf dem Hauptschlachtfeld im Osten der Ukraine kommen die Russen nur langsam voran. Und in der südöstlichen Oblast Saporischschja sind sie zuletzt sogar wieder etwas zurückgedrängt worden, statt, wie vor einigen Monaten von Putin befohlen (verlinkt auf https://www.n-tv.de/politik/Ukraine-Russland-fantasiert-ueber-Saporischschja-Einnahme-Ukraine-Unmoeglich-id30191592.html) , auf die gleichnamige Regionalhauptstadt zu marschieren. In Russland selbst werden die Gäste von Putins Wirtschaftsgipfel derweil von riesigen Rauchsäulen über dem Hafen von St. Petersburg empfangen, nachdem dort ukrainische Langstreckendrohnen eingeschlagen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article6a200c2aaa3fa782d1470509/damit-es-solche-schlaege-nicht-gibt-kreml-reagiert-auf-ukrainischen-drohnenangriff.html) waren. Die russische Luftverteidigung konnte sie genauso wenig aufhalten wie die Mittelstreckendrohnen, die derzeit in den besetzten ukrainischen Gebieten die russische Logistik aufreiben, mit teils fatalen Folgen für die Front. Für Putin ist das eine Demütigung, so wie es schon Selenskyjs offizielles Dekret zu Russlands traditioneller Siegesparade am 9. Mai gewesen war. Kiew hatte Moskau darin ostentativ erlaubt, die im Vergleich zu den Vorjahren deutlich abgespeckte Parade abzuhalten, ohne dabei von ukrainischen Drohnen gestört zu werden. Doch Selenskyj weiß, dass dieses Momentum nicht von Dauer sein muss. Dieser Krieg hat ein ums andere Mal gezeigt, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Neue, anfangs hocheffiziente Technologien oder Taktiken der einen Seite haben typischerweise eine kurze Halbwertszeit, weil die jeweils andere Seite mit Hochdruck an einer Gegenstrategie arbeitet. Im Gespräch mit WELT warnte jüngst etwa der österreichische Oberst Markus Reisner vor einer großangelegten russischen Sommeroffensive. „Der Sommer kann sehr hart werden für die Ukraine“, so der Militärexperte. Auch ist fraglich, ob Putin diesen Krieg überhaupt einfach so kurzfristig aus eigener Kraft beenden könnte, selbst wenn er es wollte. Seit 2022 hat er das Land in eine Militärmaschine umgebaut. Die strauchelnde Wirtschaft wird maßgeblich von der Rüstungsindustrie stabil gehalten, kriegsbedingte Härten für die Bevölkerung werden mit der angeblichen Bedrohung durch den Westen gerechtfertigt. Solche Entwicklungen lassen sich weder wirtschaftlich noch ideologisch von heute auf morgen umkehren, zumindest wäre der Versuch mit großen Risiken verbunden. Dazu sind Hunderttausende Soldaten derzeit in der Ukraine im Einsatz – und verdienen dort gutes Geld. Für diese Männer müsste im Falle eines Waffenstillstands oder gar Friedensschlusses eine Alternative geschaffen werden. Freiwillig wird Putin den Krieg also kaum beenden, selbst abgesehen von imperialen Ambitionen. Somit dürfte Selenskyjs Brief ein kleines Puzzleteil der einzigen Strategie sein, die sich gegen Putins Russland bislang als wirksam erwiesen hat: den Kreml unter Druck zu setzen, bis er zu Zugeständnissen gezwungen ist. Aktuell gelingt der Ukraine das sowohl auf dem physischen als auch auf dem kognitiven Schlachtfeld. Mit Selenskyjs Brief blitzt einmal mehr auf, was seit dem 24. Februar 2022 oft Kiews schärfstes Schwert gewesen ist: Kreativität, Mut zu neuen Wegen und ein punktgenaues Gefühl für den richtigen Moment. Nachrichtenredakteur Florian Sädler (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/florian-saedler/) schreibt bei WELT vor allem über politische Themen, darunter Migration, Extremismus und Russlands Krieg gegen die Ukraine.