Am 10. Oktober beginnt in der Bonner Bundeskunsthalle die Ausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ (verlinkt auf https://www.bundeskunsthalle.de/niewieder) . Man wolle damit zentrale Fragen zu Gedenkarbeit und Erinnerungskultur stellen und die Arbeit der Gedenkstätten unterstützen, so heißt es in der Ankündigung. Wir haben über die Notwendigkeit einer solchen Ausstellung mit Stefan Mühlhofer gesprochen. Der promovierte Historiker ist geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe der Stadt Dortmund und Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW. WELT: Herr Mühlhofer, wie ist es um die NS-Gedenkstätten in Deutschland bestellt? Stefan Mühlhofer: In manchen politischen Parteien gibt es Bestrebungen, das Gedenken an den Nationalsozialismus herunterzufahren. Das würde sich massiv auf die Arbeit in NS-Gedenkstätten auswirken. Die Gefahr, dass das tatsächlich so kommen wird, ist in einigen Teilen Deutschlands sehr real. In Sachsen-Anhalt werden wir vermutlich schon bald darüber sprechen müssen. Für Nordrhein-Westfalen sehe ich diese Gefahr zum Glück nicht. Ich glaube, dass die Mehrheit der Menschen hier zumindest erahnt, wie wichtig es ist, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. WELT: Wie sieht es denn mit dem Interesse der Bevölkerung an NS-Gedenkstätten aus? Mühlhofer: Wir verzeichnen einen wachsenden Zulauf. Überall in Deutschland und auch bei uns in NRW. Und zwar nicht nur von Schulen. Es kommen Erwachsenengruppen, viele Gedenkstätten haben Kooperationen etwa mit der Polizei. Im Jahr 2025 kamen 350.000 Besucherinnen und Besucher in die NRW-Gedenkstätten (verlinkt auf https://www.ns-gedenkstaetten.de/) , darunter 96.000 Schülerinnen und Schüler, die an Seminaren und Workshops teilgenommen haben. Damit haben wir wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Daran sieht man, dass das Thema in unserer Gesellschaft noch immer sehr präsent ist. WELT: Viele denken beim Thema NS-Gedenkstätten in Deutschland vermutlich zuerst an Konzentrationslager Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen – allesamt nicht in Nordrhein-Westfalen. Mühlhofer: Das ist richtig. Wir haben in NRW nicht die eine große KZ-Gedenkstätte, die alles andere dominiert und mit Bundesmitteln finanziell gut ausgestattet ist. Wir haben hier eine etwas andere Situation als in anderen Teilen Deutschlands. Die 32 NRW-Gedenkstätten, die sich in unserem Arbeitskreis zusammengeschlossen haben, sind kleinere und mittelgroße Einrichtungen. WELT: Sehen Sie darin eher Vorteile – oder Nachteile für Ihre Arbeit? Mühlhofer: Beides. Die Nachteile ergeben sich daraus, dass es sich bei den NRW-Gedenkstätten überwiegend um kommunale Einrichtungen handelt, einige wenige werden von Vereinen getragen, die ebenfalls auf die Zuschüsse der Kommunen angewiesen sind. Und wie jeder weiß, leiden die Kommunen unter massiven Finanznöten. Wir können also keine großen Sprünge machen. WELT: Und die Vorteile? Mühlhofer: Wir können eine lokal verankerte Erinnerungsarbeit leisten, eine Arbeit, die viel mehr mit der Lebenswelt der Menschen zu tun hat, als wenn ich von hier aus nach Dachau oder Buchenwald fahre. Wir haben mittlerweile eine sehr heterogene Gesellschaft. Wir haben nicht mehr die gleiche Religion, wir essen nicht mehr das Gleiche, unsere Großeltern kommen aus unterschiedlichen Teilen dieser Welt. Aber wir haben gemeinsam, dass wir an einem Ort zusammenwohnen. Und wenn wir von dieser Ebene ausgehen und schauen, was im Nationalsozialismus mit den Menschen aus unserer Stadt oder unserem Stadtteil geschehen ist, dann ist das für alle gleichermaßen relevant. Ganz egal, wo man selbst oder die Familie herkommt. WELT: Ist es nicht manchmal hinderlich für Ihre Arbeit, dass immerzu von Auschwitz oder Buchenwald gesprochen wird, während ein Ort wie beispielsweise die Wewelsburg im Paderborner Land, die Heinrich Himmler zur gigantischen SS-Schulungsstätte ausbauen lassen wollte, wenig überregionale öffentliche Aufmerksamkeit bekommt? Die meisten Menschen in NRW haben vermutlich nur eine vage Kenntnis von der Wewelsburg – wenn überhaupt. Mühlhofer: Mag sein. Allerdings könnten wir einen noch größeren Zustrom von Besuchern kaum bewältigen – weder in der Wewelsburg noch in den anderen NRW-Gedenkstätten. Am Beispiel Wewelsburg lässt sich übrigens gut darstellen, wie einzelne Orte miteinander verknüpft waren. Viele Inhaftierte des KZ Niederhagen, die unter schlimmsten Bedingungen den Ausbau der Wewelsburg nach Himmlers Vorstellungen bewerkstelligen mussten, kamen aus dem Dortmunder Polizeigefängnis, wo wir die Gedenkstätte „Steinwache“ (verlinkt auf https://www.dortmund.de/themen/dortmund-historisch/gedenkstaette-steinwache/) betreiben. Es waren übrigens viele Zeugen Jehovas darunter, weil die als besonders zuverlässig und arbeitsam galten. WELT: Die erwähnte Bonner Ausstellung beschäftigt sich auch mit der Frage, wie die Erinnerungsarbeit aussehen kann, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Mühlhofer: In unseren kleineren Gedenkstätten können wir leider schon lange nicht mehr auf Zeitzeugen zurückgreifen. In Dortmund habe ich das letzte Mal vor mehr als 15 Jahren eine Tour mit Zeitzeugen veranstaltet. Unsere pädagogische Arbeit basiert seit Jahren nicht mehr auf dem Gespräch mit Zeitzeugen. Aber die größte Lücke, die wir in der Vermittlung zu den Jugendlichen spüren, resultiert daraus, dass in den meisten Familien niemand mehr lebt, der sich an die NS-Zeit erinnern kann. Ich hatte noch einen Opa, der Soldat im Zweiten Weltkrieg war. Meine Kinder haben nur Großeltern kennengelernt, die gegen Kriegsende oder später geboren sind. Dieser persönliche familiäre Kontakt zu dieser Zeit fehlt. WELT: Welche Probleme haben Sie in der Vermittlung außerdem? Mühlhofer: Bei den Debatten mit Jugendlichen ist die Polarisierung durch den Nahostkonflikt zu spüren, teilweise nehmen wir einen stärker werdenden Antisemitismus wahr. WELT: In der Gedenkstätte Buchenwald ist ein antisemitisch motivierter Vandalismus bereits ein großes Problem. Gibt es so etwas auch in NRW? Mühlhofer: Nicht in diesem Ausmaß. Aber die Debatten mit Schulklassen verlaufen härter als früher, immer wieder äußern sich Schülerinnen und Schüler deutlich antiisraelisch. Und das schlägt dann oftmals in Antisemitismus um. Unser wichtigster Job ist es im Moment, dass wir unsere Guides darauf vorbereiten. Wir müssen sie sprachfähiger machen. Auch in vielen anderen Punkten – wenn zum Beispiel irgendwelche Verschwörungstheorien geäußert werden. WELT: Wie wirkt sich der russische Krieg gegen die Ukraine aus? Einige Gedenkstätten wie etwa das ehemalige Kriegsgefangenenlager in Schloss Holte-Stukenbrock haben sich jahrelang um eine gute Zusammenarbeit mit russischen Institutionen bemüht. Mühlhofer: Ich kenne keine Gedenkstätte, die im Moment noch Kontakte in die Russische Föderation pflegt. Das wurde mittlerweile alles heruntergefahren. Das heißt aber nicht, dass wir das Leiden und die Qualen negieren, die die Menschen aus der Sowjetunion bei uns erleben mussten. WELT: In Hamburg wurde kürzlich vom Senat beschlossen, Besuche in einer NS-Gedenkstätte für alle Schüler zur Pflicht zu machen. Wünschen Sie sich das auch für NRW? Mühlhofer: Es gibt auch immer wieder Leute, die sagen, alle Kinder müssten einmal in ihrer Schulzeit Auschwitz besuchen, dann wären alle Probleme gelöst. Daran glaube ich nicht. Schulbesuche funktionieren nur, wenn man engagierte Lehrer hat. Denn die müssen ihre Klassen vorbereiten. Es kann nicht funktionieren, wenn unsere Guides bei einem Vormittagsbesuch in der Gedenkstätte bei Hitler, Göring und Himmler anfangen müssen. Eine gewisse Grundkenntnis muss vorhanden sein. Und, ehrlich gesagt, wären wir mit kompletten Jahrgängen von Jugendlichen in unseren Gedenkstätten mengenmäßig vollkommen überfordert. Dafür sind andere Modelle der Vermittlung vonnöten, Bildungspartnerschaften zwischen Gedenkstätten und Schulen beispielsweise. So etwas gibt es bereits an vielen Orten – aber dazu braucht man immer viele engagierte Menschen. WELT: Sie sagten eingangs, in NRW herrsche ein Konsens über die Notwendigkeit der NS-Gedenkstätten. Doch als es vor wenigen Jahren um die Entscheidung ging, die Gedenkstätte am ehemaligen Kriegsgefangenenlager Stalag 326 (verlinkt auf https://stalag326.de/) in Ostwestfalen auszubauen, gab es heftigen Widerstand aus der CDU-Kreistagsfraktion. Mühlhofer: Ja, es gab sehr intensive Debatten darüber, ob man das unbedingt braucht. Aber es war im Kern immer eine Debatte um die Größe des Projekts – und um die Kosten, die das verursacht. Diese Gedenkstätte, die ja in kleiner Form schon lange existiert und von einem Verein getragen wird, grundsätzlich in Zweifel zu ziehen – das hat nun doch niemand gewagt. Dieses Lager war im Westen des Reichs ein zentraler Verteiler von Zwangsarbeitern, von dort sind die inhaftierten Soldaten zu Arbeitseinsätzen ins Ruhrgebiet, nach Ostwestfalen-Lippe, aber auch in die Region um Osnabrück geschickt worden. Die großen Verbrechen, die der Nationalsozialismus ausgehend von diesem Lager mitten in der deutschen Öffentlichkeit begangen hat, sind noch immer nicht im breiten Bewusstsein der Gesellschaft angekommen.