Die langen Gesichter im Willy-Brandt-Haus sind an den Wahlabenden mittlerweile eingeübt. Doch diesmal hätte das Drama kaum größer sein können. Es herrscht mal wieder Katerstimmung unter den Genossen in Berlin, denn in Baden-Württemberg wurde an diesem Sonntag ein neuer Landtag gewählt, und es kam nicht bloß so schlimm wie befürchtet – sondern noch schlimmer (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/article6973750cf5499fb954b6392e/wahlergebnis-baden-wuerttemberg-hochrechnung-grafiken-und-ergebnisse-live.html) . Nach den ersten Prognosen war nicht einmal sicher, ob die SPD wirklich über die Fünf-Prozent-Hürde kommt. So sehr sich die Partei an miserable Zustimmungswerte gewöhnt hat, erhält diese Diskussion doch eine neue Qualität. Droht der Sozialdemokratie bald ein ähnliches Schicksal wie der FDP – nämlich der langsame Weg in ein außerparlamentarisches Dasein? Die SPD sei „unter die Räder gekommen“ im Zweikampf zwischen den Spitzenkandidaten von CDU und Grünen, Manuel Hagel und Cem Özdemir, sagte SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf mit ernster Miene am Sonntagabend. Er wolle eine gemeinsame Verantwortung für die Lage der SPD nicht bestreiten, die Zuspitzung auf Grün und Schwarz habe der SPD jedoch „massiv geschadet“. Ähnlich äußerten sich die beiden SPD-Parteivorsitzenden im Bund, Lars Klingbeil und Bärbel Bas. Es sei „ein total bitterer Abend“, sagte Klingbeil. Das sei allerdings auch eine Konsequenz aus den vergangenen Wochen, als sich mit einer „wahnsinnigen Dynamik“ alles auf die Wahl zwischen Hagel und Özdemir konzentriert habe. So habe die SPD mit den richtigen Themen, die sie etwa in der Arbeitsmarktpolitik gesetzt habe, kaum durchdringen können, pflichtete ihm Bas bei. Nahezu verzweifelt optimistisch zeigte sich die SPD-Spitze dennoch mit Blick auf kommende Wahlen. Schon bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/article695e3f479c2c98991fda32df/landtagswahl-rheinland-pfalz-das-muessen-sie-zur-wahl-2026-wissen.html) , wo die SPD derzeit den Ministerpräsidenten stellt, könnte sich das Blatt aus Sicht der Sozialdemokraten wieder wenden. Solch eine Prognose mutet nach dem desaströsen Ergebnis an diesem Sonntagabend allerdings recht kühn an. Umso mehr, als der Sturz der Sozialdemokraten keine Ausnahme mehr darstellt. Seit geraumer Zeit verharrt die SPD im Dauertief und findet keinen Weg zurück zu früheren Erfolgen, nicht einmal zu einigermaßen akzeptablen Zustimmungswerten. Seit einigen Jahren gilt das neben ostdeutschen Regionen besonders für den Süden der Republik. In Baden-Württemberg begann der Absturz der Sozialdemokraten im Jahr 2016. Damals schieden sie als kleinerer Koalitionspartner der grün-roten Landesregierung unter Führung des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann aus – und fielen von rund 23 Prozent auf 12,7 Prozent ab. 2021 sanken sie abermals auf ein historisches Tief von elf Prozent. Dieser Abwärtstrend setzte sich nun fort, und zwar mit Ansage. Seit Wochen zeichnete sich in den Umfragen keinerlei Aufschwung für die Südwest-SPD ab. Jenseits der eigenen Reihen interessierte das allerdings kaum jemanden. In der Berichterstattung zum Wahlkampf fand die SPD höchstens am Rande Erwähnung – als sei sie längst zur unbedeutenden Splitterpartei verkommen. Den wenigsten ist ihr Spitzenkandidat Andreas Stoch ein Begriff, obwohl er unter Kretschmann drei Jahre lang Kultusminister war. Sein Bemühen, durch sozialpolitische Themen ein Gegengewicht zur stark wirtschaftsorientierten Ausrichtung von Grünen und CDU zu bilden, verfing bei den meisten Wählern nicht. Dass Stoch nach einem Wahlkampfauftritt bei der Tafel seinen Fahrer darum bat, Entenpastete zu besorgen, machte die Sache nicht besser. Aber auch ohne diesen Fauxpas wäre kaum ein Szenario denkbar gewesen, in dem ein Sozialdemokrat sich plötzlich zu neuen Höhenflügen hätte aufschwingen können. Was für die meisten zählte, war in der Tat ein Duell: Schwarz oder Grün, Manuel Hagel oder Cem Özdemir. Wenn es darüber hinaus noch auf etwas ankam, dann war es die AfD, deren Aufstieg oder Abstieg bundesweit mit Argusaugen beobachtet wird. Wen interessiert unter diesen Umständen schon noch die SPD? Eine Partei, die überall in der Krise ist Tatsächlich könnten die Bedingungen für einen sozialdemokratischen Spitzenkandidaten kaum schwerer sein, wenn sich eine Wahl auf zwei Personen kapriziert, als sei es eine Präsidentschaftswahl im Kleinen, und noch dazu die AfD als Störfeuer wirkt. Das gilt erst recht für Stoch, der zwar ein erfahrener Landespolitiker ist, aber nicht gerade über Charisma verfügt. Doch natürlich sind nicht bloß äußere Umstände für das Versagen der SPD verantwortlich. Erhebungen zu Baden-Württemberg zeigen, dass die Bürger der Partei in fast allen Feldern nur geringe Kompetenzen zutrauen. So zeichnet die jüngste Umfrage von YouGov von Anfang März ein verheerendes Bild für die Sozialdemokratie. In der Wirtschaftspolitik sprechen der SPD gerade einmal sechs Prozent Fähigkeiten zu, beim Thema Zuwanderung und Asylpolitik sieht es genauso aus. Für den Umwelt- und Klimaschutz erwarten nur zwei Prozent der Bürger Kompetenzen bei der SPD. Lediglich beim Thema „Wohnen und Miete“ sind es mit 13 Prozent etwas mehr. Wohin die Sozialdemokraten auch gehen, fassen sie kaum noch Fuß. Es spielt fast keine Rolle mehr, ob die Genossen in Baden-Württemberg nur für ihre Region abgestraft worden sind oder mit der Wahl auch negative Effekte aus Berlin zu spüren bekamen. Denn die SPD ist überall in der Krise. Wenn ihr nicht bald eine Transformation gelingt, die deutlich mehr Bürgern zu vermitteln vermag, wozu es die Sozialdemokratie in diesem Land überhaupt noch braucht, ist ihr Schicksal als Kleinpartei, die nicht mehr auf die Beine kommt, wohl endgültig besiegelt. Die kommenden Landtagswahlen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/article694a45b7f6fc544dba9b1a40/landtagswahl-2026-minderheitsregierungen-oder-tabubruch-so-sehen-die-umfragen-aus.html) in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin werden es zeigen. Politikredakteurin Hannah Bethke (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/hannah-bethke/) ist bei WELT zuständig für die SPD und innenpolitische Debatten.