Der Preis eines Medikaments ist keine Naturkonstante. Er ist in erster Linie eine Rechtslage. Wer einen Wirkstoff entwickelt, erhält vom Staat für 20 Jahre das alleinige Verfügungsrecht darüber. (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/patente/) Solange das Monopol besteht, bestimmt der Erfinder, was seine Erfindung kostet. Erst wenn es erlischt, übernimmt der Wettbewerb. Und dann meist mit einer Wucht, die Preise nicht um Prozente fallen lässt, sondern um Größenordnungen. Wann genau dieser Moment eintritt, steht allerdings in keinem weltweit gültigen Kalender. Ein erheblicher Teil der Patentlaufzeit geht für klinische Studien drauf. Deshalb gewähren die Industrieländer ihren Herstellern zusätzliche Schutzfristen: In Europa heißen sie ergänzende Schutzzertifikate, in den USA laufen sie als „Patent Term Extension“ auf dasselbe hinaus. Schwellenländer kennen solche Verlängerungen in der Regel nicht. Dasselbe Medikament wird deshalb in verschiedenen Teilen der Welt zu sehr verschiedenen Zeitpunkten billig. Selten war dieser Abstand so groß wie bei einer Substanz, über die die halbe Welt spricht: Semaglutid. Das Stoffpatent auf Semaglutid, den Wirkstoff hinter Ozempic und Wegovy, (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ozempic/) machte Novo Nordisk an der Börse zwischenzeitlich zum Top-Performer. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet, getrieben vor allem von Marktanteilsverlusten in den USA und gesenkten Prognosen. In diesem Jahr ist zusätzlich das Patent in Indien, China, Brasilien und der Türkei erloschen – und, aus anderen Gründen, auch in Kanada. Was den Kursverfall nicht verursacht hat, aber die Tür zu jenen Märkten schließt, die ihn hätten auffangen sollen. Für Novo Nordisk ist das ein Verlust. Für eine ganze Industrie ist es der Startschuss – und zwar in einer Reihenfolge, die es so noch nie gab. Daher sitzen die Gewinner auch nicht dort, wo Anleger sie üblicherweise suchen. Die verkehrte Reihenfolge Binnen eines Tages standen die ersten Nachahmerpräparate in Indiens Apotheken. (verlinkt auf https://www.welt.de/gesundheit/plus69b928ede371598814461824/ozempic-der-versteckte-preis-der-gewichtsreduktion-was-im-koerper-verloren-geht.html) Dr. Reddy's, Sun Pharma und Zydus waren sofort da, mehr als 40 Hersteller hatten sich vorbereitet, Branchenkenner erwarten am Ende über 50 konkurrierende Marken mit demselben Produkt. Das Original von Novo Nordisk hatte 94 bis 175 Dollar im Monat gekostet. Zydus verlangt umgerechnet 20 Dollar, Alkem beginnt bei 18, die Einstiegsdosis von Natco Pharma liegt bei knapp 14. Novo Nordisk senkte die Preise drastisch und hält seither noch etwa ein Viertel des indischen Marktes. Auf die fünf Länder, in denen das Patent erloschen ist, entfallen 40 Prozent der Weltbevölkerung und ein Drittel aller erwachsenen Adipositas-Patienten. Auf die USA allein entfallen 56 Prozent von Novo Nordisks Umsatz. Wo die Menschen sind, ist das Geld nicht. Mit der Staffelung kehrt sich nämlich eine Logik um, die die Generikaindustrie seit Jahrzehnten prägt. Üblicherweise verdient ein Nachahmerhersteller sein Geld in den USA, wo die Preise auch nach dem Patentablauf auskömmlich bleiben, und nimmt die Schwellenländer als margenschwaches Volumengeschäft mit. Diesmal ist es umgekehrt: Der US-Markt bleibt je nach Präparat bis 2031 oder 2032 verschlossen, während in Asien, Lateinamerika und Afrika längst verkauft werden darf. Wer jetzt Kapazität, Zulassungen und Marktanteile aufbaut, tut das ohne westliche Konkurrenz. Der indische Semaglutid-Markt soll bis 2028 auf rund eine Milliarde Dollar anwachsen, erwartet „The Hindu“. Die indische Tageszeitung beruft sich dabei auf die Zahlen der Diabetiker im Land, die bei weit über 100 Millionen liegen. Die Investmentbank Jefferies kommt zu demselben Ergebnis. Was in Indien entsteht, ist aber weniger Umsatz als Erfahrung. Ein injizierbares Peptid ist industriell etwas anderes als eine Tablette: Es verlangt sterile Abfüllung, funktionierende Injektionspens, eine lückenlose Kühlkette und Ärzte, die bereit sind, vom Original abzuweichen. All das lernen Indiens Hersteller derzeit auf eigene Rechnung. Wenn Anfang der 2030er-Jahre die kaufkräftigen Märkte aufgehen – Analysten sehen den Adipositas-Markt dann bei 100 Milliarden Dollar –, treffen dort eingespielte Anbieter auf Wettbewerber, die bei null beginnen. Wie weit dieser Umbau reicht, zeigt Aspen Pharmacare. Der südafrikanische Pharmakonzern erhielt von Health Canada die Zulassung für ein generisches Semaglutid. Die Mehrdosen-Pens entstehen in Südafrika, die Injektoren in Frankreich, der Wirkstoff kommt aus Indien, von Dr. Reddy's. Verkauft wird das Ergebnis in einem G-7-Staat, in dem mehr als eine Million Menschen schon Ozempic nutzen. Die Fähigkeit dazu verdankt Aspen ausgerechnet Novo Nordisk: Seit 2023 füllt der Konzern für die Dänen Humaninsulin ab. Aus dem Auftragsfertiger ist ein Wettbewerber des Auftraggebers geworden. Aspens Dossier war eines von nur dreien, die das kanadische Zulassungsscreening überstanden. Die Aktie liegt auf Sicht eines Jahres rund 50 Prozent im Plus. Warum der Markt nicht zahlt Eine Industrie, die sich derart neu sortiert, müsste an den Börsen teuer sein. Sie ist es nicht. Im Schwellenländerindex kommt der gesamte Gesundheitssektor auf 2,6 Prozent Gewicht. In den USA sind es mehr als acht Prozent des Russell-Index, in Europa mehr als elf Prozent des Referenzindex. Allein in den vergangenen zwölf Monaten blieb der MSCI Emerging Markets Health Care Index um rund 41 Prozent hinter dem breiten Schwellenländerindex zurück. Die überzeugendste Erklärung dafür stammt von zwei Leuten, die ein Interesse daran haben, dass sie stimmt. Ivo Kovachev und Dalibor Kovac verantworten beim britischen Vermögensverwalter J. O. Hambro die Schwellenländerportfolios; sie waren im Gesundheitssektor drei Jahre lang untergewichtet und bauen dort inzwischen Positionen auf. Ihr Argument ist also auch ein Argument in eigener Sache. Und das Argument lautet: Der Sektor ist nicht billig, weil mit ihm etwas nicht stimmt, sondern weil er im falschen Länderkorb sitzt. Die Biotechnologie der Schwellenländer ist bislang auf China, Südkorea und Taiwan konzentriert – ausgerechnet jene Länder, die auch die KI-Rally getragen haben. Wer seine Position in Halbleitern ausbauen wollte, musste innerhalb desselben Index also Geld freimachen. Verkauft wurde dann, was gerade langweilig aussah. Das hohe Gesundheitsgewicht in Europa ist nach der Lesart übrigens kein Ausweis besonderer Stärke, sondern das Spiegelbild eines kleinen Technologiesektors. Die beiden Fondsmanager räumen dabei selbst ein, worauf ihre These im Kern beruht: weniger auf Marktdurchdringung und Aufwärtspotenzial als auf Liquidität, Kapitalzuflüssen und einer erwarteten Beschleunigung der Übernahmeaktivität. Es ist, mit anderen Worten, eine Wette auf Kapitalströme, nicht auf Medizin. Ein Argument kommt hinzu, das nicht von Fondsmanagern stammt, sondern aus Washington. Die Section-232-Proklamation vom 2. April verhängt 100 Prozent Zoll auf patentierte Arzneimittel und deren Wirkstoffe, nimmt Generika und Biosimilars aber ausdrücklich aus. Getroffen werden Irland, die Schweiz und Deutschland. Indiens Generikaindustrie blieb vorerst verschont. Ein Sektor, der nicht ist, wonach er klingt Unter der Oberfläche des kleinen Sektorgewichts verbirgt sich aktuell also eine Zusammensetzung, die mit westlichen Gesundheitsindizes wenig gemein hat. Biotechnologie macht in den Schwellenländern mehr als 25 Prozent des Sektors aus, in den USA rund 18 Prozent. Generika und Krankenhäuser, in den Indizes der Industrieländer eine Randerscheinung, tragen dort einen erheblichen Teil. Daraus leiten Kovachev und Kovac ab: Biotechnologie, Gesundheitsdienstleistungen samt Krankenhäusern und – mit erkennbarem Zögern – Generika dürften in dieser Reihenfolge die wichtigsten Treiber einer künftigen Outperformance werden. Wie berechtigt der erste Platz ist, zeigt China. Während indische Firmen kopieren, verkauft China bereits Forschung. Biotechfirmen aus der Volksrepublik lizenzierten im vergangenen Jahr Wirkstoffkandidaten im Volumen von rund 137 Milliarden Dollar an globale Konzerne, nach 13,9 Milliarden im Jahr 2021; im ersten Quartal dieses Jahres kamen weitere 60 Milliarden hinzu. AstraZeneca sicherte sich bei der Shijiazhuang Pharma Group, besser bekannt als CSPC Pharmaceutical, für bis zu 18,5 Milliarden Dollar ausgerechnet ein experimentelles Abnehmmedikament. Was CSPC dabei verkauft hat, beschreibt das Geschäftsmodell genau: acht Entwicklungsprogramme gegen Adipositas und Typ-2-Diabetes, eine KI-gestützte Plattform zur Peptidforschung und eine Technologie, mit der sich Wirkstoffe nur einmal im Monat spritzen lassen. 1,2 Milliarden Dollar flossen sofort, im zweiten Quartal buchte der Konzern 840 Millionen als Lizenzertrag – genug, um den Halbjahresgewinn zu vervielfachen. Das eigentliche Geschäft mit Fertigarzneimitteln wuchs derweil um rund zehn Prozent. Wie schwankungsanfällig dieses Modell ist, hatte das Auftaktquartal gezeigt: Weil damals kaum Lizenzerträge anfielen, brach der Gewinn um 42 Prozent ein. Die Aktie liegt auf Jahressicht 16 Prozent im Minus und trägt zugleich das höchste durchschnittliche Kursziel aller hier betrachteten Titel. Weit unspektakulärer, dafür verlässlicher ist die zweite Gruppe: Börsennotierte Klinikbetreiber gibt es von der Türkei über Saudi-Arabien und Dubai bis nach Südafrika und Indien; sie wachsen mit der Inlandsnachfrage und ziehen zunehmend zahlende Patienten aus dem Ausland an. Dass Bewertungen oft mehr über den Sitz eines Unternehmens aussagen als über sein Geschäft, zeigt Gedeon Richter. Der ungarische Konzern verkauft innovative Medikamente in entwickelten Märkten und wird trotzdem mit dem Abschlag gehandelt, den Anleger mittel- und osteuropäischen Titeln gewohnheitsmäßig verpassen. Dabei ist Richter längst kein Generikahaus mehr: Das Antipsychotikum Cariprazin wird in den USA von AbbVie als Vraylar vermarktet und trägt Lizenzerträge nach Budapest, dazu kommen Biosimilars gegen Osteoporose und Rheuma. Anfang August hob der Konzern die Gewinnprognose an; das bereinigte Betriebsergebnis stieg im ersten Halbjahr währungsbereinigt um 21 Prozent, die Marge lag mit 33,3 Prozent über den Erwartungen. Für Indien kommt ein Argument hinzu, das die dortige Industrie strukturell aufwertet. Lange stellten die Hersteller vor allem einfache Generika mit geringer Wertschöpfung her. Inzwischen rücken sie in margenstärkere Bereiche vor: komplexe Arzneimittel, Biosimilars, eigene Forschung. GLP-1-Produkte (also z.B. Semaglutid) passen fast idealtypisch ins Profil, weil ihre Vermarktung in den Schwellenländern von Kostenvorteilen und kleinen Anpassungen bekannter Formeln lebt statt von bahnbrechender Grundlagenforschung. Bevorzugt werden deshalb Hersteller mit starkem Heimatmarkt, nicht reine Exporteure. Wie sehr diese Unterscheidung trägt, lässt sich an Sun Pharmaceutical Industries ablesen, Indiens größtem Arzneimittelkonzern. Im Quartal bis Ende Juni legte der Umsatz um zehn Prozent zu, der Gewinn um 27 Prozent – getragen vom Heimatmarkt, wo die Erlöse um 16 Prozent stiegen und inzwischen gut ein Drittel des Konzernumsatzes ausmachen. Semaglutid-Zulassungen hat Sun in Indien, Brasilien und Südafrika, und mit der von den Aktionären gebilligten Übernahme des amerikanischen Frauengesundheitsspezialisten Organon rückt der Konzern weiter aus dem reinen Generikageschäft heraus. Wo die Sache kippen kann Damit ist der Fall nicht gemacht, denn die These hat Schwachstellen, und die gewichtigste ist politischer Natur. Die Ausnahme der Generika von den US-Zöllen gilt nur vorläufig: Das US-Handelsministerium muss bis etwa April 2027 prüfen, ob die Abgaben auf Nachahmerpräparate und deren Wirkstoffe ausgeweitet werden. Für Hersteller aus Indien, die 38 Prozent ihrer Ausfuhren in die USA liefern, ist das mehr als ein Randrisiko. Kaum weniger ernst ist die Arithmetik des Wettbewerbs, den der Patentablauf ausgelöst hat. Mehr als 50 konkurrierende Marken in einem Markt bedeuten Preisdruck von allen Seiten, und die heute aufgerufenen Preise lassen kaum Spielraum nach unten, ohne die Marge aufzuzehren. Dazu kommt die Frage des Vertrauens. Ausgerechnet Dr. Reddy's, der Erste am Markt und Wirkstofflieferant für halb Afrika und für Kanada, stoppte im Frühsommer die Auslieferung seines Semaglutids: Beim Hochfahren der Produktion war in einzelnen Chargen ein Abbauprodukt außerhalb der Spezifikation aufgetaucht. Der Konzern buchte eine Rückstellung von 240 Crore Rupien, gut 25 Millionen Dollar, die operative Marge fiel von 26,7 auf 12,5 Prozent, der Quartalsgewinn brach um 69 Prozent ein. Die Aktie notiert seither in der Nähe ihres Jahrestiefs, die Lieferungen sollen erst im November wieder anlaufen. Ein injizierbares Peptid mit Kühlkettenpflicht verzeiht keine Fehler. Schließlich hat die Konstruktion des Investments ihre Tücken. Wer über einen breiten Schwellenländer-Gesundheitsindex einsteigt, kauft zu mehr als einem Viertel Biotechnologie und damit deutlich mehr Wachstumsrisiko, als der defensive Name des Sektors vermuten lässt, dazu Währungsrisiken und dünne Handelsvolumina. Günstig ist der Sektor also nicht allein deshalb, weil ihn der Markt übersehen hätte, sondern auch, weil er im Zweifel schwer wieder zu verlassen ist. Was die Schwellenländer in diesem Frühjahr vorgeführt haben, ist die schiere Wucht des Patentrechts: Binnen Tagen wurde das teuerste Molekül der Welt für Hunderte Millionen Menschen bezahlbar. Ob daraus ein Weltmarkt wird oder es ein regionales Intermezzo bleibt, entscheidet sich allerdings weder in Hyderabad noch in Durban. Es entscheidet sich in einem Prüfbericht des US-Handelsministeriums, fällig im Frühjahr. Auch die Erschwinglichkeit von Medikamenten ist am Ende keine Naturkonstante. Sie ist eine Rechtslage. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „ Business Insider Deutschland“ (verlinkt auf https://www.businessinsider.de/) erstellt. Lea M. Oetjen (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/lea-oetjen/) ist Wirtschafts- und Finanzredakteurin bei WELT. Das Magazin „Wirtschaftsjournalist:in“ wählte sie 2026 in die „Top 30 bis 30“-Liste der jungen Talente. Sie ist Co-Host des WELT-Podcasts „ Alles auf Aktien (verlinkt auf https://www.welt.de/podcasts/alles-auf-aktien/) “.