Welt 23.09.2026
14:04 Uhr

„Beim Spiel Klimavernunft gegen Realitätsverweigerung steht es gerade gefühlt 1:3“


Der Extremwetterkongress in Hamburg warnt vor mehr Hitzewellen, mehr Trockenheit und mehr Hitzetoten in Deutschland. Bundesumweltminister Schneider fordert die Verankerung von Klimaanpassung und Naturschutz im Grundgesetz.

„Beim Spiel Klimavernunft gegen Realitätsverweigerung steht es gerade gefühlt 1:3“

Angesichts von Hitzewellen, Trockenheit und zunehmenden Extremwetterereignissen haben Wissenschaftler auf dem Extremwetterkongress in Hamburg eindringlich vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Der Meteorologe Sven Plöger sprach von einem „stillen Sterben“ durch Hitze und kritisierte, dass die Dramatik der Entwicklung noch immer unterschätzt werde. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) forderte derweil eine stärkere Verankerung von Klimaanpassung und Naturschutz im Grundgesetz. „Der Klimawandel geht in eine klare Richtung: mehr Hitzewellen, Trockenheit, Extremwetter. Jetzt brauchen wir eine klare Politik, die dagegenhält“, sagte Plöger zum Auftakt des dreitägigen Kongresses, an dem rund 1000 Meteorologen, Klimaexperten und Journalisten teilnehmen. Vor allem Lobbygruppen würden weiterhin Zweifel an der eigenen Verantwortung für den Klimawandel säen. „Beim Spiel Klimavernunft gegen Realitätsverweigerung steht es gerade gefühlt 1:3“, sagte Plöger. „Jetzt geht es darum, nicht aufzugeben.“ Besonders deutlich wurde der Meteorologe beim Thema Hitzetote. Schätzungen zufolge seien infolge der diesjährigen Hitzewellen in Deutschland rund 16.000 Menschen gestorben. Diese Opfer würden gesellschaftlich weitgehend hingenommen, kritisierte er. Zum Vergleich verwies Plöger auf die 184 Todesopfer der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021. „Wenn wir diese Opferzahlen hochrechnen, hatten wir in diesem Sommer 87 Flutkatastrophen.“ Auch der Deutsche Wetterdienst sieht die Entwicklung mit Sorge. „Die außergewöhnliche Hitzewelle im Juni, begleitet von intensiver Trockenheit, hatte schmerzhafte Folgen: große Waldbrände und eine hohe Zahl an Hitzetoten“, sagte Tobias Fuchs, Vorstand Klima und Umwelt beim DWD. Ende Juni seien in Deutschland Temperaturen von bis zu 41,8 Grad Celsius gemessen worden. Nach Angaben des Wetterdienstes hat sich die Zahl der sogenannten heißen Tage mit Temperaturen von mindestens 30 Grad seit den 1950er Jahren vervierfacht. Damals wurden im Durchschnitt drei derartige Tage pro Jahr registriert, heute sind es etwa zwölf. Fuchs warnte: „Es ist gut möglich, dass wir in 30 Jahren zurückblicken und feststellen, dass der Sommer 2026 trotz seiner rekordverdächtigen Temperaturen noch einer der kühleren war.“ Die Folgen seien bereits heute deutlich spürbar. Hitze und Trockenheit belasteten das Gesundheitswesen ebenso wie die Land- und Forstwirtschaft. Besonders betroffen seien dicht bebaute Städte. Für zusätzliche Besorgnis sorgen die Entwicklungen auf den Meeren und in den Polarregionen. Die Arktis erwärme sich schneller als jede andere Region der Erde, sagte Gesine Mollenhauer vom Alfred-Wegener-Institut. Gleichzeitig registrieren Wissenschaftler immer häufiger marine Hitzewellen. Nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie war die Nordsee im vergangenen Jahr so warm wie nie zuvor. Vor Helgoland wurden in diesem Jahr bereits an 66 Tagen marine Hitzewellen gemessen. Die Vereinten Nationen meldeten zudem den weltweit wärmsten August seit Beginn der Messungen. Große Waldbrände in Europa und Rekordniedrigwasser in zahlreichen Flüssen hätten gezeigt, wie sich das Wetter auf dem Kontinent künftig entwickeln könnte. Die Wissenschaftler auf dem Kongress forderten deshalb mehr Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien, beim Klimaschutz und bei Anpassungsmaßnahmen. Bundesumweltminister Carsten Schneider nutzte den Kongress, um erneut für eine Verfassungsänderung zu werben. Er wolle Klimaanpassung und Naturschutz als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern im Grundgesetz verankern. Dadurch würden zusätzliche Spielräume für gemeinsame Investitionen geschaffen. Der Sommer mit ausgetrockneten Flussbetten, Waldbränden und Hitzewellen sei ein neuer Weckruf gewesen, sagte der SPD‑Politiker. Die Folgen des Klimawandels reichten von sinkender Wirtschaftsleistung an heißen Tagen bis zu Schäden an der Infrastruktur. „Die Bürger haben unter der Hitze gelitten, Tausende sind gestorben, in Europa und auf der ganzen Welt.“ Die Bundesregierung wolle deshalb den Schutz vor Extremwetter weiter ausbauen. Kommunen sollen bei der Schaffung von Grünflächen und kühlenden Stadträumen unterstützt werden. Zudem soll bis zum kommenden Jahr ein nationaler Hitzeaktionsplan erarbeitet werden.