Welt 03.06.2026
08:58 Uhr

An Bord der „Lord“ – Wo die Wirklichkeit den Klischees entspricht


Wo schwimmt Nessie? Kann man 35 Whiskysorten in einer Woche testen? Bei einer Kreuzfahrt durch die Highlands und an den Hybriden erschließt sich Stück für Stück ein Bild dieses rauen Lands. Darunter der abgelegenste Pub des britischen Festlandes.

An Bord der „Lord“ – Wo die Wirklichkeit den Klischees entspricht

Der Name passt. Denn genau so stellt man sich einen Gentleman vor. Elegant. Stilvoll. Zeitlos klassisch. Allerdings ist dieser „Lord“ kein Mensch. In seinen Bauch passen bis zu 37 Passagiere. Er ist mit allen Salz- und Süßwassern gewaschen und steht unter dem Kommando einer seetüchtigen Frau. Als Kapitänin ist Jill Radanke in dieser Männerwelt eine absolute Ausnahme, wie sie einräumt. Akribisch und mit Feingefühl steuert sie das kleine, luxuriöse Schiff „Lord of the Highlands“ eine Woche lang durch die Inselwelten, See-, Kanal- und Küstenlandschaften ihrer schottischen Heimat und sagt: „Ich will die Passagiere glücklich machen, indem es nicht viel hin und her wackelt.“ Was die Reisenden auf jeden Fall begeistert, sind die Entdeckungen und Eindrücke auf dieser zehntägigen Rundtour, die eine Kreuzfahrt (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/kreuzfahrten/) ist und doch nicht ausschließlich auf dem Wasser stattfindet. Stück für Stück ergeben sie ein großes Ganzes – ein Bild von Schottland (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/schottland-reisen/) wie ein Puzzle, das sich jeder selbst erschließt. Nach einem Vorprogramm in Schottlands Hauptstadt Edinburgh (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/edinburgh/) geht es per Bus nach Inverness an der Nordostküste. Von dort schippern die Reisenden diagonal durch die berühmten Highlands (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/highlands/) bis zur Westküste, dann an ihr entlang bis zu den Bergbuckeln der Insel Skye in Kyle of Lochalsh. Ausschau nach Nessie in Loch Ness Zu 175 Seemeilen gesellen sich Landgänge in Eigenregie und organisierte Busausflüge. Dabei löst man sich jedes Mal aus der Luxusblase der „Lord“, wo das Serviceteam in weißen Handschuhen gastronomische Kostbarkeiten auftischt, taucht ein ganz verschiedene Welten – und bastelt weiter am großen, persönlichen Schottland-Puzzle. Eine Figur darf dabei nicht fehlen in dem Bild. Nessie ist der größte Star des Landes – immer präsent, auch wenn seine Existenz wissenschaftlich nie bewiesen werden konnte. Und doch hält man Ausschau! Sobald die „Lord“ ins langgestreckte Loch Ness einfährt, ertappt man sich dabei, mit den Augen verstohlen die Wasseroberfläche zu scannen. Dort treibt der Gegenwind Schaumkronen vor sich her. Häuser und Dörfchen kleben einsam im Grün der Hügel. Urquhart Castle, eine der größten Burgruinen Schottlands, thront auf einer felsigen Landzunge am Ufer des Sees. Heute zeigt sich kein Ungeheuer. Ersatz beim Landspaziergang in Fort Augustus sind Enten am Ufer und grüne Kuschel-Plüschmonster „made in China“ im „Loch Ness Nessie Shop“. Einen Steinwurf entfernt wartet die eigentliche Attraktion des malerischen Dorfes – die Schleusentreppe, Teil des Kaledonischen Kanals. Dieser ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst aus dem 19. Jahrhundert, knapp 100 Kilometer lang. Die Wasserstraße verbindet Schottlands Ost- und Westküste durch die tektonische Verwerfung des Great Glen miteinander – und ist Radankes liebstes Fahrgebiet auf der Reise, sagt sie. Warum? „Weil der Kanal so eng und windungsreich ist. Das ist hart und herausfordernd.“ Ich trinke keinen Whisky, sorry Für die landschaftliche Schönheit, an der sich die Gäste bis zum Schlusspunkt des Kanals in Corpach berauschen, hat sie kaum ein Auge: Wiesen, Mischwälder, Tausende Schattierungen von Grün. Sonne: Fehlanzeige. Bergspitzen versinken im Dunst. Spaziergänger winken, machen Handyfotos vom Schiff. Dessen Tempo steht auf Entschleunigung: viereinhalb bis fünf Knoten, kaum schneller als zügige Gehgeschwindigkeit. Kommen der „Lord“ Yachten oder Hausboote entgegen, herrscht übrigens kein britischer Links-, sondern Rechtsverkehr. Wo man Radanke niemals finden wird, ist in der Bar an Bord. „Ich bin zwar Schottin, aber ich trinke keinen Whisky. Sorry“, entschuldigt sie sich. Die Passagiere hingegen finden hier mehr als 35 Teile für ihr Puzzle. So viele schottische Single Malts hat Barkeeper Will Cope im Ausschank. Fruchtig oder rauchig? Oder lieber ein tropisch-würziger Abgang aus Zimt und Muskatnuss, weil der Whisky jahrelang in alten Rumfässern aus der Karibik lagerte? Cope kennt die Antwort für jeden Geschmack. Die größte Auswahl aus den fünf Whiskyregionen stammt aus den Highlands, deren wilde Szenerie unterwegs auf dem Schiff vorbeizieht. Nach Whisky mit Cola kann man fragen, erntet dann aber die entsetzte Antwort: „Das kann man mit einem Blend machen, nicht mit einem Single Malt!“ Ausflüge sind das Salz in der (Wetter-)Suppe. Glanzlichter setzen die Burg Cawdor mit herrlichen Gärten, der Park von Armadale und zwei Filmschauplätze: der Eisenbahnviadukt Glenfinann, bekannt als „Harry-Potter-Brücke“, und das Eilean Donan Castle, Kulisse in „Highlander“ und anderen Streifen – wohl Schottlands meistfotografierte Burg. Allerdings fällt deren Interieur im Vergleich zum verheißungsvollen Äußeren meilenweit ab. Und der Zulauf der Massen steht im krassen Kontrast zur Ruhe auf dem Schiff. Miesmuscheln zum Sensationspreis Bei Landgängen ist Eigeninitiative gefragt, um Schottland und die Schotten näher kennenzulernen. In Oban bleibt Zeit für einen Bummel zum Fischerhafen, wo Kähne wie „Dawn Maid“ und „Mary Manson“ schon bessere Tage gesehen haben und das Kreischen der Heringsmöwen der Dauersound ist. Unter Locals mischt man sich an der „Oban Seafood Hut“, wo die Portion gedämpfter Miesmuscheln in Weißwein und Knoblauch zum Sensationspreis von 5,95 Pfund für lange Schlangen sorgt. Die Einheimischen sind immer bereit für einen Plausch, man muss sich nur öffnen. In Tobermory, im Norden der Hebrideninsel Mull, reiht sich das Geschäft der Cattanachs in die Waterfront aus bunten Häusern. Sophie und Stu Cattanach sind Seifenmacher. Ihre Bestseller sind die Stücke mit lokalem Heidekraut. Sophie erzählt, dass sie und ihr Mann mit ihren drei Jungs im Sommer in die Natur ausschwärmen und die Blütenvorräte für ein ganzes Jahr sammeln. „Bei uns zu Hause stapeln sich überall unsere Seifen, vom Bad bis zur Küche. Die spenden Feuchtigkeit und machen eine ganz weiche Haut“, sagt sie und streckt zum Beweis ihren nackten Arm aus. Das Rohmaterial für ihre handgemachten Naturprodukte, Olivenöl, kommt hingegen aus Spanien (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/spanien-reisen/) . Ein Stück weiter liegt die Destillerie von Tobermory. Gegründet 1798 ist sie eine der ältesten des Landes. Diana Bartholomew, Teamleiterin und Gästeführerin, wuchs mit dem Duft von Whisky auf: „Ich muss neun Jahre alt gewesen sein. Es war dieser besondere Geruch, als ich zu Hause mithalf, die Gläser zu spülen.“ Als Teenager trank sie ihren ersten Single Malt. „Whisky ist ein Teil des sozialen Lebens, wenn man ihn zusammen mit Freunden genießt, Geschichten erzählt, singt.“ Bei der Vielfalt der Aromen schmeckt sie Schokolade und Trockenfrüchte, frische Äpfel, Vanille, Kirsche, Lakritz. „Trinken und Entdecken sind sehr unterschiedlich. Den Single Malt muss man entdecken, er ist so komplex“, sagt die Expertin und gibt Tipps: „Eiswürfel verschließen die Aromen. Aber wenn man tropfenweise Wasser ins Glas gibt, öffnen sie sich.“ Und die Genüsse sind verschieden: „Jeder Whisky sagt mir, wie er getrunken werden möchte.“ Abgelegenster Pub des britischen Festlands Zurück an Bord. Das 45 Meter lange Schiff ist gleichermaßen für den schmalen Kaledonischen Kanal wie das küstennahe Meer konzipiert. Wenn man Glück hat, wie bei Fahrt zur Halbinsel Knoydart, umspielen Delfine das Schiff. Ziel ist der isolierte Ort Inverie, den man einzig über den See- oder einen Wanderweg erreicht. Am Pier wirft Costa Schaller-Cotran, ein kerniger Naturtyp, gerade mit zwei Kumpels kapitale Köder aus, um Dornhaie zu fischen. Wann hat er den letzten gefangen? „Vor zehn Minuten“, sagt er. Rasch wechselt er sein Outfit und berichtet den Gästen von seiner eigentlichen Rolle. Er ist einer von zwei angestellten Rangern der 140 Einwohner starken Dorfgemeinschaft, der die Ländereien rundum gehören. Ein wichtiges Anliegen ist die Wiederaufforstung mit fast drei Dutzend Baumarten. Bevor Großbritannien (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/grossbritannien-reisen/) aus der EU austrat, flossen Zuschüsse für das Wasserkraftwerk, das in der Community das Aus der Dieselheizungen besiegelte. Seither atmet man frische Luft, die einzig in der Dorfkneipe „The Old Forge“ zu fehlen scheint. Vermarktet als abgelegenster Pub des britischen Festlands, herrscht touristische Überflutung. Anderntags auf Mull stehen die Maschinen der „Lord“ planmäßig still. Eine öffentliche Fähre schaukelt hinüber auf die heilige Insel Iona, wo die Christianisierung Schottlands einsetzte: durch einen Iren, den Mönch Columban. Um 563, so sagt man, landete er auf Iona, gründete ein Kloster und nahm seine Missionsarbeit auf. Sichtbare Zeugnisse aus seiner Zeit haben sich hier nicht erhalten, doch über dem Eiland meint man Columbans Geist und eine spirituelle Aura zu spüren. Eine Anhöhe gegenüber der restaurierten Abteikirche, deren Ursprung im Mittelalter auf den Benediktinern fußt, soll sein Lieblingsplätzchen gewesen sein: mit himmlischen Blick auf die See und hinüber nach Mull. Auf dem benachbarten Friedhof, mutmaßt man, wurden frühe Könige Schottlands bestattet, darunter der berühmte Macbeth. Wem das alles nicht reicht für das große Schottland-Puzzle, besucht das zum Park von Armadale gehörige Museum: mit weiterführenden Infos zur Geschichte und Religion, zu Kriegen und Jakobiten, zur Emigration und zum Dudelsack. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Csoenke.krueger%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419608990620%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=fx9n7soUSdgRKEOxQl1TGsVO455FAZaEATZPGcQOA0Y%3D&reserved=0) Typisch schottisch ist nicht zuletzt das teuflische Wetter. Größer hätte der Geiz an Blauhimmel bei der Reise kaum sein können: eine Stunde Sonnenschein in zehn Tagen, verteilt auf Kurzgastspiele von wenigen Minuten oder sogar nur Sekunden. Die Wirklichkeit hat den Klischees entsprochen, die Sonnencreme in einem Körbchen am Ausgang wirkt da fast wie Hohn. Als die Bleichgesichter das Schiff zum Abschied verlassen, tropft abermals Regen an der „Lord of the Highlands“ ab. Wäre das Schiff ein Gentleman aus Fleisch und Blut, er nähme es mit stoischer Miene zur Kenntnis. Tipps und Informationen: Anreise: Etwa mit Lufthansa (lufthansa.com) oder KLM (klm.de) nach Edinburgh, weiter mit dem Veranstalter. Einreise: Mit Reisepass und der Elektronischen Reisegenehmigung ETA, die man vorab online beantragt (www.gov.uk/eta); Gebühr: 16 britische Pfund, etwa 18,50 Euro. Ins Gepäck gehören Regenschutz und ein Adapter. Schiffsreisen: Thurgau Travel bietet die beschriebene Tour an Bord der „Lord of the Highlands“ an, 10 Tage inklusive Vorprogramm in Edinburgh, All-inklusive-Konzept mit allen Mahlzeiten und Getränken an Bord, Flügen ab/bis Frankfurt und Transfers ab 8190 Euro pro Person (thurgautravel.de). Lernidee hat eine Kreuzfahrt durch Schottland mit Vor- und Nachprogramm in Glasgow und Edinburgh im Programm, 11 Tage inklusive Vollpension an Bord, Flügen ab/bis Frankfurt und Transfers ab 6860 Euro pro Person (lernidee.de). Auskunft: visitscotland.com Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Thurgau Travel. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit (verlinkt auf https://www.axelspringer.com/de/was-uns-ausmacht/downloads)