So etwas hatte ja passieren müssen. Seit mehr als fünf Jahren gab es immer wieder Anschläge linksextremer Gewalttäter in der Bundesrepublik, mit bereits 20 Toten und fast hundert teilweise schwer Verletzten. Der Terror bedrohte eben nicht „nur“ die „da oben“ sowie Polizisten, US-Soldaten und andere erklärte Feinde der Anarchisten, sondern jeden Bürger. Seit dem Nachmittag des 13. Oktober 1977 konnte niemand mehr das anders sehen. Denn an diesem Donnerstag um genau 14.38 Uhr meldete die französische Luftraumüberwachung in Aix-en-Provence, dass der Lufthansa-Flug LH 181 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68e391dc9501ad4ccbc03d9f/lufthansa-entfuehrung-1977-die-geschichte-die-das-millionen-projekt-lieber-verschweigt.html) von Mallorca nach Frankfurt/Main seine Route verlassen und Richtung Südosten abgedreht sei. Es war der 38. Tag nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer (verlinkt auf https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/zum-gedenken-an-hanns-martin-schleyer-und-die-opfer-des-terrorismus-806772) , bei der vier Menschen erschossen worden waren. Seither lieferten sich Terroristen der sogenannten zweiten RAF-Generation ein Kräftemessen mit der Bundesregierung. Seit Wochen erwartete Bundeskanzler Helmut Schmidt einen „zweiten Schlag“ der Täter – nun war er da: Die Kursabweichung der Lufthansa-Boeing 737 „Landshut“ mit 91 Menschen an Bord erwies sich als weiterer Erpressungsversuch. Obwohl die Eilmeldung erst am späteren Nachmittag die deutschen Zeitungsredaktionen erreichte, schaffte es WELT, die verfügbaren Informationen zum Aufmacher der Titelseite der Freitagsausgabe zusammenzufassen; für einen einordnenden Kommentar jedoch fehlte vor Andruck die Zeit. Dafür analysierte Chefredakteur Wilfried Hertz-Eichenrode im Leitartikel der WELT-Ausgabe am Samstag die Lage: „Angetrieben von einem explosiven Gemisch aus Marxismus, Ungeduld und gnadenloser Konsequenz, verstehen sich die Terroristen aller Länder als Vortrupp des Guerrillakrieges, der zum Volkskrieg ausgeweitet und schnell internationalisiert werden soll. Ergebnis der Volkskriege soll der Machtumsturz in den ,kapitalistischen‘ und ,imperialistischen‘ Staaten sein.“ Gut 106 Stunden dauerte der Albtraum der Flugzeugentführung, doch am Ende siegte in Mogadischu im ostafrikanischen Staat Somalia der Rechtsstaat über den Terrorismus. Allerdings zu einem hohen Preis: Der Lufthansa-Kapitän Jürgen Schumann (verlinkt auf https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/zum-gedenken-an-flugkapitaen-juergen-schumann-ansprache-von-staatssekretaer-lieselotte-berger-785460) wurde ermordet; mehr als 80 ganz normale Leute als Geiseln durchlebten die Hölle, hunderte ihrer Angehörigen verbrachten Tage der Angst. Es war der Höhepunkt der schwersten innenpolitischen Herausforderung der Bundesrepublik. Zuerst absolvierte die „Landshut“ eine wahre Odyssee über Rom und Zypern nach Bahrein und Dubai. Dann schloss sich eine Notlandung im Jemen an, eigentlich dem Ziel der Entführer, dessen Machthaber es sich plötzlich anders überlegt hatten. Dann der Start nach Mogadischu, wo die palästinensischen Terroristen die Maschine zur Sprengung vorbereiteten. Schließlich die List von Helmut Schmidts Emissär Hans-Jürgen Wischnewski, der den Tätern die Freilassung ihrer inhaftierten RAF-Genossen versprach – und Somalias Diktator Siad Barre überredete, den Einsatz der deutschen Antiterroreinheit GSG 9 zu genehmigen. Doch vorher erlebte die bundesdeutsche Gesellschaft eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Durfte die Bundesregierung die mehr als achtzig Menschen an Bord der „Landshut“ indirekt gefährden, um der terroristischen Bedrohung Herr zu werden? Oder hätte der Staat den Forderungen der RAF nachgeben müssen? Die Stimmung in der Bevölkerung war so gespalten wie selten (verlinkt auf https://www.swr.de/swrkultur/wissen/archivradio/aktuelle-berichterstattung-entfuehrung-landshut-1977-lufthansa-100.html) : Laut dem seriös arbeitenden Allensbacher Institut für Demoskopie meinten 42 Prozent der Bundesbürger, dass Schmidt hart bleiben solle. Aber ebenfalls 42 Prozent sprachen sich für ein Nachgeben aus. Über alle Parteigrenzen hinweg hielten sich Befürworter und Gegner der „harten Linie“ die Waage, aber doppelt so viele Frauen wie Männer empfahlen den Austausch. An Bord der „Landshut“ dagegen war die Stimmung verständlicherweise völlig eindeutig: Die als Geiseln genommenen Passagiere verfluchten das Spiel auf Zeit, das die Krisenstäbe in Bonn den Terroristen aufzwangen. In seiner einzigen direkten Botschaft an Helmut Schmidt, 36 Stunden nach der Entführung, brachte Jürgen Schumann das auf die Formel: „Das Leben von 91 Männern, Frauen und Kindern an Bord des Flugzeuges hängt von Ihrer Entscheidung ab. Sie sind unsere letzte und einzige Hoffnung. Im Namen der Besatzung und der Passagiere. Schumann.“ Die Ausgabe vom 17. Oktober machte die WELT-Redaktion auf mit einem Schema der Boeing 737 und schrieb dazu: „Am Donnerstag waren 47 Frauen, 33 Männer und sieben Kinder in den Lufthansa-Jet ,Landshut‘ gestiegen, voll schöner Eindrücke eines Urlaubs in der milden Herbstsonne Mallorcas. Kurze Zeit darauf wurde das Flugzeug zu einem Gefängnis besonderer Art, das von Flughafen zu Flughafen zweier Kontinente jagte, wurden die Urlauber und die Besatzungsangehörigen zu Opfern politischer Psychopathen, für die Mitleid und Menschlichkeit nur dann existieren, wenn es um ihre eigene Haut geht. Tage, Nächte in der Gewalt unberechenbarer Fanatiker. Hier wird jede Minute zu sechzig Sekunden geronnener Angst, schwenkt die Stimmung dauernd zwischen Hoffnung und Resignation. Was wird geschehen, was kann geschehen? Werden die Verantwortlichen in Bonn die Forderungen der Terroristen erfüllen? Wie erklärt man den Kindern das, was sich hier auf 21 mal 3,5 Metern abspielt? Wie kann man der herzkranken Amerikanerin, dem Zuckerkranken helfen? Die Terroristen haben einst selbstmitleidig davon gesprochen, was sie jetzt rücksichtslos selbst praktizieren: Isolationsfolter in einer fliegenden Zelle.“ Die Erlösung für die 86 Geiseln kam am 18. Oktober 1977 um 2.05 Uhr Ortszeit – mit einem extrem hellen Blitz: Mehrere Blendgranaten detonierten vor den Cockpitfenstern der „Landshut“ auf dem Flughafen von Mogadischu, dann stürmten Männer der GSG 9 die Maschine, erschossen drei Terroristen und machten die vierte Täterin handlungsunfähig. Sieben Minuten nach Beginn der Befreiungsaktion ging im Bundeskanzleramt in Bonn die erlösende Nachricht ein: Alle Passagiere und Crewmitglieder waren gerettet – bis auf den bereits zuvor ermordeten Kapitän. Für die weitere Geisel Hanns Martin Schleyer (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article233564236/Hanns-Martin-Schleyer-Fuer-die-RAF-ein-perfektes-Ziel.html) war dieser Erfolg allerdings das Todesurteil. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „ Eine kurze Geschichte der RAF (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/produkt/sven-felix-kellerhoff-eine-kurze-geschichte-der-raf-9783608982213-t-4981) “ und „ Der Stammheim-Prozess (verlinkt auf https://www.herder.de/wissen/shop/p8/90794-der-stammheim-prozess-gebundene-ausgabe/) “.