Welt 17.10.2026
07:13 Uhr

„Als der Regen kam, starben unsere Männer wie verrottete Schafe“


Die Schlacht am Boyne, in der Wilhelm III. von Oranien 1690 seinen Schwiegervater Jakob II. entscheidend schlug, vergiftet noch immer das englisch-irische Verhältnis. Das zeigt der Streit über eine Parade des Oranier-Ordens in Nordirland.

„Als der Regen kam, starben unsere Männer wie verrottete Schafe“

In Ulster wollen sie wieder marschieren. 28 Jahre nach der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens, das die bürgerkriegsähnlichen Zustände zwischen Protestanten und Katholiken beendete, hat der Oranier-Orden die Wiederaufnahme seiner traditionellen Drumcree-Parade (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article639292/Auf-der-Suche-nach-einem-Kompromiss-fuer-Drumcree.html) angekündigt. Diese führte durch die überwiegend von Katholiken bewohnte Garvaghy Road in der Stadt Portadown 50 Kilometer südwestlich von Belfast und gehörte zu den großen Umzügen, mit denen die radikalen Protestanten in Nordirland an ihren Namenspatron erinnern: Wilhelm III. von Oranien (1650–1702). Da die Drumcree-Parade in der Spätphase (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article461985/Oraniermarsch-hinter-Stacheldraht.html) des Nordirland-Konflikts sogar zu gewaltsamen Todesfällen führte, wurde sie auf der traditionellen Route von der staatlichen Parades Commission bislang verboten. Im August aber erwirkten die Oranier ein Gerichtsurteil, das die Entscheidung aus formalen Gründen kassierte und den Marsch unter strengen Auflagen genehmigte. Dagegen legten besorgte Anwohner Berufung ein, der allerdings nicht stattgegeben wurde. Aufzüge von Gegendemonstranten und ein Verbot durch Nordirland-Minister Chris Bryant verhinderten jedoch bislang die Parade, (verlinkt auf https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/politik_ausland_nt/article6ab89e8618772248192d6493/gegner-blockieren-umstrittene-oranier-parade-in-nordirland.html) die auf der Liste der Demütigungen, die Protestanten ihren katholischen Mitbürgern zufügen können, einen prominenten Platz einnimmt. Traditionell fand der Aufmarsch – wie ähnliche Veranstaltungen der Oranier auch – am Sonntag vor dem 12. Juli statt. Die Kirche des Fleckens Drumcree ist für die Oranier ein heiliger Ort, wurde ihr Orden 1795 doch in der Nähe gegründet. Seine Mitglieder tragen dann schwarze Anzüge mit orangefarbenen Schärpen und den typischen Melonenhüten, was in den überwiegend von katholischen Iren bewohnten Quartieren von Portadown als Provokation aufgefasst wird. Das gilt vor allem für den Rückweg von der Drumcree-Kirche in die Stadt. Denn die Garvaghy Road führt durch ein betont katholisches Viertel. Daher war diese Route verboten worden. Die Parade hat viel mit der Geschichte zu tun, deren Pflege sich der Orden verschrieben hat. Denn gut 100 Jahre vor seiner Gründung, am 11. Juli 1690, zerstörte Wilhelm von Oranien mit seinem Sieg am Boyne (90 Kilometer südlich von Portadown in der Republik Irland) endgültig die Hoffnungen der Iren auf Unabhängigkeit von England. Es ist kompliziert. In den westlichen Demokratien verbindet sich mit dem Oranier der Durchbruch der konstitutionellen Monarchie (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article115628804/Als-die-Niederlande-noch-eine-Weltmacht-waren.html) . Weil sein Schwiegervater Jakob II. aus dem Hause Stuart (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article239269235/Wrackfund-Dieses-Schiff-haette-fast-die-Geschichte-Englands-veraendert.html) zum Katholizismus konvertiert war, den er mit einem rigorosen Absolutismus in England durchzusetzen drohte, hatte das Parlament Wilhelm, den Mann seiner protestantischen Tochter Maria, der zugleich als Statthalter der niederländischen Generalstaaten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article253083792/Doppelter-Lynchmord-Wie-ein-Schwein-die-Daerme-ausgeweidet-hingen-sie-am-Schafott.html) amtierte, die Krone angetragen. Nach seiner Landung in England 1688 machte Wilhelm politische Zugeständnisse, die in die „Glorious Revolution“ mündeten. Nachdem sogar seine eigenen Truppen zu desertieren begonnen hatten, floh der abgesetzte Jakob nach Frankreich. Dort fand er in Ludwig XIV. einen Partner, der die Chance erkannte, gegen die nunmehr verbündeten Seemächte England und Niederlande eine neue Front aufzubauen. Mit 6000 erfahrenen französischen Soldaten landete Jakob im März 1689 in Irland, wo er zahlreiche Sympathisanten rekrutieren konnte, die von ihm die Sicherung ihres katholischen Glaubens sowie die Restituierung ihres Landbesitzes erhofften, den Oliver Cromwell ihnen ein Jahrhundert zuvor (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article233543988/Oliver-Cromwell-Ich-habe-nie-einen-schrecklicheren-Angriff-erlebt.html) genommen hatte. Weiteren Zulauf bekam Jakob aus Schottland, wo sich Anhänglichkeit an die Stuarts (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article238192091/Culloden-Verwundete-Schotten-wurden-von-den-Briten-mit-dem-Bajonett-getoetet.html) mit dem Hass auf die Engländer verband. Um seine Herrschaft zu legitimieren, blieb Wilhelm nichts anderes übrig, als umgehend gegen seinen Schwiegervater vorzugehen. Im August 1689 landeten 20.000 Mann unter dem Befehl des gebürtigen Pfälzers Friedrich von Schomberg bei Belfast und bezogen ein Lager bei Dundalk. Dort grassierten bald Hunger und Krankheiten. „Unsere holländischen und französischen Regimenter bauten sich sofort gute, warme Hütten“, berichtete ein Augenzeuge (verlinkt auf https://kriegsreisende.de/geschichte/artikel/die-schlacht-am-boyne-1690/) . „Aber unsere englischen Regimenter – alles unerfahrene Soldaten, die nichts von der Bedeutung guter Unterkünfte wussten – vernachlässigten dies, bis weder Stroh noch Holz zu finden war. Als dann der Regen kam, starben unsere Männer wie verrottete Schafe.“ Nur mühsam gelang es, mit Söldnern aus Dänemark, den Niederlanden und Brandenburg die Armee auf 36.000 Mann zu bringen, denen Jakob nur etwa 23.000 entgegenstellen konnte. Daher beschloss er, sich hinter dem Fluss Boyne zu verschanzen, während sein Gegner langsam nach Süden vorrückte. Bei Drogheda etwa 45 Kilometer nördlich von Dublin trafen die Heere aufeinander. Um die Jakobiten abzulenken, schickte Wilhelm 7000 Mann flussaufwärts, um über eine Furt dem Gegner in die Flanke zu fallen. Jakob befürchtete eine Umfassung und beorderte seine besten Truppen nach Westen, wo Freund und Feind in unwegsamem Gelände weitgehend untätig verharrten. Währenddessen eröffnete Wilhelm bei Oldbridge den Großangriff. Zwar gelang es der zumeist aus irischem Adel gebildeten Kavallerie Jakobs, den Gegner zunächst zurückzudrängen. Aber die schlecht bewaffnete und ausgebildete Infanterie hielt gegenüber den Söldnern Wilhelms nicht stand, sodass die Jakobiten schließlich den Rückzug antraten. Ihre Ordnung verhinderte ein schnelles Nachrücken Wilhelms, sodass sich die Verluste mit 1500 Jakobiten und 500 Wilhelministen (darunter Schomberg) für eine Schlacht dieser Größenordnung doch sehr in Grenzen hielten. Da seine Armee intakt blieb, hätte Jakob den Krieg weiterführen können. Er gab aber den Kampf auf und zog sich endgültig nach Frankreich zurück. Die Iren verhöhnten ihn daraufhin als „James the be-shitten“. Die Emigration zahlreicher Jakobiten ist als „Flug der Wildgänse“ in die irische Folklore eingegangen. Im Vertrag von Limerick gewährte Wilhelm den Iren zwar ein gewisses Maß an Glaubensfreiheit sowie persönlichem Eigentum, was das Parlament in London später aber gern überging. Über den Machtkampf mit Frankreich sank Irland wieder zu einem ungeliebten Hinterhof Englands herab. Daran wollen die Oranier mit der Drumcree-Parade erinnern. Wie tief die Wunden auch 28 Jahre nach dem Karfreitagsfrieden in Ulster noch sind, zeigt der Misstrauensantrag, den drei unionistische Parteien gegen Nordirlands Regierungschefin Michelle O'Neill und weitere Minister ihrer katholisch-republikanischen Sinn-Fein-Partei einbrachten. Dass er scheiterte, verdankt sich der Besonnenheit der protestantisch-unionistischen Partei DUP, die über alle lautstarke Kritik an dem Verbot deutlich gemacht hatte, dass sie die Einheitsregierung des Landesteils wegen des Streits nicht platzen lassen will. Die katholische und die anglikanische Kirchenführung in der Region Armagh appellierten unterdessen an beide Seiten, den Streit nicht weiter anzufachen und Raum für eine Versöhnung zu schaffen. Ob das weitere Gänge vor die Gerichte verhindert, erscheint jedoch zweifelhaft. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.