Welt 17.10.2026
01:20 Uhr

Airlines streichen mehr als 300.000 Flüge in Deutschland


Während Europas Luftfahrt boomt, wurden an deutschen Flughäfen seit 2019 Zehntausende Flüge aus dem Programm genommen. Die Folgen für den Standort sind gravierend.

Airlines streichen mehr als 300.000 Flüge in Deutschland

Deutschlands Airports haben in den vergangenen Jahren einen dramatischen Einbruch an Flügen und Flugverbindungen verzeichnet. Während der Luftverkehr in fast allen anderen europäischen Ländern wächst, wurden nach Informationen der WELT AM SONNTAG an deutschen Flughäfen mehr als 35 Millionen Sitzplätze aus den Flugplänen gestrichen. Wirtschaftsverbände reagieren alarmiert und befürchten erhebliche Auswirkungen auf Branchen und Unternehmen, die besonders stark auf internationale Anbindung angewiesen sind. Nach einer umfassenden Analyse des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), die WELT AM SONNTAG exklusiv vorliegt, betrifft der Konnektivitätsverlust alle 26 relevanten Verkehrsflughäfen des Landes. Seit 2019 haben Airlines (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/airlines/) hierzulande 473 zuvor regelmäßig angebotene Flugverbindungen gestrichen, während nur 349 neu aufgenommen wurden. Zudem reduzierten die Fluggesellschaften auf vielen wichtigen Strecken massiv die Frequenz. Unter dem Strich sank die Zahl der Flüge von 1,7 auf unter 1,4 Millionen – ein Minus von 300.000 Flügen oder 18 Prozent. BER ist von Flugstreichungen besonders stark betroffen Besonders stark betroffen ist der Hauptstadtflughafen Berlin, von dem sich vor einer Woche auch die irische Billigairline Ryanair (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ryanair/) weitgehend zurückgezogen hatte. Laut BDL verlor der BER im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau 28 Prozent seiner Flüge und büßte zuvor stark frequentierte Direktverbindungen wie die nach Turin und Singapur ein. Auch Flughäfen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/flughaefen/) in Nordrhein-Westfalen und Norddeutschland schrumpften deutlich. Zuwächse konnten nur einige kleine Provinzflughäfen verbuchen. Aus Sicht der Luftfahrtbranche ist das sinkende Flugangebot die direkte Folge der hohen Steuern und Gebühren auf Flüge, die sich seit 2019 verdoppelt haben und weit über dem Niveau europäischer Nachbarländer liegen. Tatsächlich zählte Deutschland – neben Österreich und Island – zu den einzigen drei Ländern Europas, in denen auch im ersten Halbjahr 2026 die Zahl der Flüge weiter geschrumpft ist. Überall sonst erholt sich der Luftverkehr (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/luftverkehr/) mit teils zweistelligen Wachstumsraten. „Deutschlands Regionen verlieren massiv an Konnektivität. Vor allem die Anbindung an die Wirtschaftsmetropolen Europas hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verschlechtert“, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Die Zielgebiete verschöben sich darüber hinaus hin zu touristisch geprägten Destinationen. „Für neues Wachstum brauchen wir eine Halbierung der Steuern und Gebühren auf Luftverkehr ab Deutschland – etwa durch die ersatzlose Abschaffung der Luftverkehrsteuer.“ Auch Firmen beklagen, dass das sinkende Angebot an ihren Heimatflughäfen zunehmend zu einem geschäftsschädigenden Faktor werde. „Für Unternehmensansiedlungen und Investitionen in einen Standort spielen internationale Flugverbindungen eine entscheidende Rolle“, so Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf und Leiter des Arbeitskreises der Industrie- und Handelskammern mit Verkehrsflughafen. Für Unternehmen sei es nicht nur wichtig, von Kunden aus dem Ausland gut erreichbar zu sein und auch selbst Geschäftspartner gut erreichen zu können. Auch der Zugang zur Luftfracht sei von wachsender Bedeutung. Inlandsflüge sind weg und die Bahn ist oft keine Alternative „Viele Unternehmen berichten von wirtschaftlichen Belastungen aufgrund einer schlechter gewordenen Anbindung an den internationalen Luftverkehr. Das wird für viele Regionen zunehmend zum Standorthindernis“, sagt Berghausen. „Das Problem wird verschärft durch den Umstand, dass der Wegfall vieler Inlandsflüge nicht durch ein adäquates Angebot an Alternativen auf der Schiene kompensiert wird.“ Die Bundesregierung müsse die Steuer- und Gebührenbelastung „deutlich reduzieren, um die deutschen Flughäfen und die von ihnen abhängigen Wirtschaftsregionen wieder wettbewerbsfähig zu machen“. Auch die Verbandsgeschäftsführer der deutschen Tourismus- und Messewirtschaft forderten gegenüber WELT AM SONNTAG Maßnahmen der Politik zur Verbesserung der Fluganbindung. Eine erste Reaktion kam aus dem CDU-Präsidium, das in dieser Woche ein Positionspapier zur Rettung des Luftverkehrsstandorts beschloss. Es sieht eine baldige Senkung der Flugsicherungsgebühren und Luftverkehrssteuer auf ein wettbewerbsfähiges Niveau vor. Ob und wann dies von der Bundesregierung umgesetzt wird, ist völlig offen. Dieser Artikel wurde für WELT und „ Business Insider Deutschland (verlinkt auf https://www.businessinsider.de/) “ erstellt. Steffen Fründt (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/steffen-fruendt/) ist Wirtschaftskorrespondent und berichtet über Luftfahrt (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/luftfahrt/) , Schifffahrt und Tourismus.