Welt 23.05.2026
15:04 Uhr

„1200 Euro für eine Minute“ – Palmer verweigert Rollstuhlfahrerin den Bühnenzugang


Im Vorfeld einer Sportlerehrung in Tübingen entzündet sich ein Streit über Inklusion: Weil Oberbürgermeister Boris Palmer die Kosten für eine Rampe ablehnt, kann eine Parasportlerin nicht auf die Bühne. Die Tischtennisspielerin spricht von fehlender Wertschätzung. Palmer wehrt sich.

„1200 Euro für eine Minute“ – Palmer verweigert Rollstuhlfahrerin den Bühnenzugang

In Tübingen sorgt eine Entscheidung von Oberbürgermeister Boris Palmer für Streit: Bei der Sportlerehrung der Stadt Ende Juni soll eine erfolgreiche Parasportlerin ausgezeichnet werden – auf die Bühne wird sie jedoch nicht gelangen. Palmer lehnt den Aufbau einer Rampe für die Rollstuhlfahrerin Cary Hailfinger ab. Die Maßnahme sei zu teuer und zu aufwendig, außerdem würden dadurch Plätze verloren gehen. Hailfinger, die im Rollstuhl Tischtennis spielt, machte ihren Ärger auf Facebook (verlinkt auf https://www.facebook.com/photo?fbid=27749484397985903&set=a.306144952746551) öffentlich. „Mal wieder kommt die Ausrede der Kosten statt Inklusion. Bin ich also als Parasportler mal wieder weniger wert?“, schrieb sie. Palmer reagierte ebenfalls auf Facebook (verlinkt auf https://www.facebook.com/ob.boris.palmer) . Die veranschlagten 1200 Euro für Auf- und Abbau der Rampe seien für ihn nicht akzeptabel. Deutschland und seinen Kommunen gehe das Geld aus, deshalb brauche es Pragmatismus. Er schlug vor, Hailfinger vor der Bühne zu ehren. Auch eine Spende von 600 Euro an einen Verein, der Rollstuhlfahrer unterstützt, sei möglich. Im SWR sagte er, es sei nicht sinnvoll, „1200 Euro für eine Minute auszugeben, nur damit eine Person auf der Bühne steht“. Auf Facebook schrieb er weiter: „Die Frage, ob eine Rollstuhlfahrerin weniger wert sei als alle anderen, führt übrigens völlig in die Irre. Für alle anderen Geehrten gibt die Stadt 10 Euro pro Person aus. Ist eine einzige Person wirklich 120 mal mehr Wert als alle anderen?“ Nach Angaben der Stadt würde die rund 15 Meter lange Rampe etwa 40 Sitzplätze kosten. Palmer erklärte, solche Debatten würden oft vermieden, „weil man Angst hat, als behindertenfeindlich gebrandmarkt zu werden“. Er verstehe „diesen Fetischismus nicht, dass alles exakt gleichgemacht werden muss, sonst ist man diskriminiert und ausgegrenzt“. Hailfinger sagt, es gehe ihr jedoch um mehr als ihre eigene Ehrung. „Wir Menschen mit Behinderung waren lange genug ruhig“, sagte sie im SWR. Sie fordere eine dauerhafte Lösung, damit künftig Rollstuhlsportler wie alle anderen auf die Bühne gelangen könnten. Ihre Auszeichnung sei nicht die erste und letzte einer Parasportlerin.