Sie brachte eine raue, unbändige, unerbitterliche Energie auf den Fernsehbildschirm. Erst im März war Luna Jordan in einem Magdeburger »Polizeiruf« zu sehen gewesen, der von einer Abtreibungspraxis handelte. Sie spielte einen sogenannten Abortion Buddy, also eine Art Personalschützerin für Frauen, die abtreiben wollen und zum Beispiel vor militanten Pro-Life-Aktivisten in Schutz genommen werden müssen.
Luna Jordans Spiel in dem Fernsehkrimi wirkte wie eine einzige Kampfansage. Nicht nur gegen die verbohrten Abtreibungsgegner, sondern gegen ein ganzes patriarchales System, das ihrer Figur gleich auf mehrere Arten übel mitgespielt haben musste. Jordan verzichtete auf die wohltemperierte, manchmal kaputt reflektierte Verzagtheit, die solchen Figuren in deutschen TV-Filmen oft auferlegt wird – und spielte mit einer Körperlichkeit und Unbedingtheit, die man auf solchen Programmplätzen selten sieht. Man fühlte sich an Revenge-Movies der Siebziger- und Achtzigerjahre erinnert, in denen die Heldinnen kurzen Prozess mit ihren Peinigern machten.
Jordan (l.) im »Polizeiruf« mit Spielpartnerin Nicola Magdalena Lüders: Wie in einem Revenge-Movie in den Siebzigerjahren
Foto: Adrian Gross / MDRZugleich wirkte sie mit ihrem Furorauftritt im »Polizeiruf« wie eine Vorbotin der weiblichen Wut, die sich zuletzt vor allem nach den Vorwürfen von Collien Fernandes im SPIEGEL Bahn brach.
Gemeinsam das Schweigen brechen
Der Missbrauch durch Männer war offenbar ein großes Thema ihres noch jungen Lebens gewesen. Als sie beim Österreichischen Filmpreis als beste Nebendarstellerin geehrt wurde, verwandelte sie ihre Danksagung in eine Wutrede: »Ich bin gerade einmal 20 Jahre alt, und ich bin vielfach Opfer sexuellen Missbrauchs an Filmsets und im Theater geworden«, sagte sie. Dann kam der Appell, endlich offen über die Übergriffe zu sprechen: »Lasst uns gemeinsam das Schweigen brechen und dieses Schwein stellen. Für die Zukunft des Films und für die Freiheit der Kunst.«
Beim Österreichischen Filmpreis war Luna Jordan für ihre Rolle in »Fuchs im Bau« geehrt worden, einem in einer Jugendstrafanstalt spielendem Drama. Eine durchgehende Rolle hatte sie in der ZDF-Krimiserie »Jenseits der Spree«, wo sie die Filmtochter des Ermittlerdarstellers Jürgen Vogel verkörperte.
Immer wieder absolvierte sie atemberaubende Auftritte in Coming-of-Age-Dramen, etwa in »Dead Girls Dancing« (2023), »Small Town Girl« (2025) und zuletzt in der RTL+-Serie »Euphorie«. Immer wieder ging es bei ihren Figuren darum, sich von den Fesseln der Konformität und der Wohlgefälligkeit zu lösen. Schon 2021, da war sie kaum 20 gewesen, hatte sie einen Kurzfilm gedreht, der auf Festivals lief. Titel: »Furor«.
Gerade sollten für Jordan, der im Moment alle Türen des Film- und Fernsehbetriebs offenzustehen schienen, die Dreharbeiten zu der Serie »Hamburg Days« von »The Crown«-Regisseur Christian Schwochow beginnen. Der mit internationalem Ensemble besetzte Sechsteiler erzählt von den frühen Tagen der Beatles in Hamburg-St. Pauli. Sie hätte die Rolle der Fotografin Astrid Kirchherr übernehmen sollen. Im US-Branchenmagazin »Variety« waren schon Bilder mit ihr in Kirchherrs verwegenem ikonischen Kurzhaarlook erschienen; vielleicht wäre die Serie ihr internationaler Durchbruch geworden.
Wie unter anderem der Sender RTL mit Berufung auf die Agentur Players und die Familie der Schauspielerin meldet, ist Luna Jordan am Mittwoch plötzlich und unerwartet gestorben. Sie wurde nur 24 Jahre alt.
