Nur eine Stunde vor der geplanten Hinrichtung von Christa Pike in Tennessee hat ein Bundesberufungsgericht die Exekution ausgesetzt. Die Richter erklärten, sie wollten prüfen, ob Pikes Aussagen über sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung in ihrer Kindheit vor ihrer Verurteilung zum Tode ausreichend berücksichtigt worden seien.
Die verurteilte Mörderin ist die erste Frau in mehr als 200 Jahren, die im US-Bundesstaat Tennessee hingerichtet werden sollte. 1995 hat Pike im Alter von 18 Jahren eine Bekannte brutal ermordet, als 20-Jährige wurde sie zum Tode verurteilt. Sie saß 30 Jahre im Todestrakt.
In den Tagen vor der Hinrichtung war eine Debatte entbrannt, da Pike nicht nur Täterin, sondern auch Opfer war. Bis zum Schluss hatten mehrere Initiativen versucht, den geplanten Vollzug aufzuhalten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International betonte, dass die Verurteilte in ihrer Kindheit Vergewaltigung, sexuelle und körperliche Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung erlitten habe. Auch Uno-Experten fordern einen Stopp der Hinrichtung . Mehr zu dem Fall Christa Pike lesen Sie hier.
Gnadengesuch abgelehnt
Pikes Anwälte hatten Anfang September ein 226-seitiges Gnadengesuch an die Regierung des Bundesstaates eingereicht und gefordert, die Todesstrafe in eine lebenslange Haft umzuwandeln. Pike sei als Kind immer wieder vom Staat im Stich gelassen worden. Der Gouverneur habe nun »die Chance, ein Opfer von Kindesmissbrauch zu schützen und die Fehler der Erwachsenen (...) zu korrigieren«.
Der republikanische Gouverneur Bill Lee lehnte dieses am Montag jedoch ab. Nach sorgfältiger Prüfung bestätige er das Urteil des Staates Tennessee und habe nicht vor einzugreifen, zitierten Medien Lee.
In seltenen Fällen kann der Supreme Court geplante Hinrichtungen auch kurz vor Vollzug stoppen. 2014 etwa hatte das oberste US-Gericht die Exekution von Russell Bucklew nur eine Stunde vor dem Vollzug aufgehalten. Damals rührten die Bedenken des Gerichts allerdings von der Hinrichtungsmethode. Bucklew wurde 2019 hingerichtet.
Opfer gefoltert und getötet
1995 hatten drei Teenager das Opfer Colleen Slemmer auf ein abgelegenes Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville gelockt. Dort soll Pike die Frau verprügelt und getreten haben, bevor sie sie mit einem Messer attackierte und der 19-jährigen Slemmer schließlich mit einem Stück Asphalt den Kopf einschlug.
Eine 18-Jährige, die bei der Tat Wache gehalten hatte, wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Pikes damaliger Freund war zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt, er erhielt eine lebenslange Haftstrafe. Auch Pike wurde offenbar dieses Strafmaß angeboten, im Gegenzug sollte sie auf einen Prozess verzichten. Doch ihr damaliger Anwalt habe ihr abgeraten.
Er sei überzeugt gewesen, dass die Geschworenen niemals »ein hübsches, junges, weißes Mädchen auf den elektrischen Stuhl setzen würden«, so erzählt es Pike in einer Dokumentation über sie. Der Anwalt bestreitet diese Darstellung. Fakt ist: Knapp ein Jahr nach dem Mord an Colleen Slemmer wurde Christa Pike zum Tode verurteilt.
Mutter des Opfers empört
Die Mutter der damals ermordeten 19-Jährigen sagte der »New York Times« , sie sei empört über die Aufmerksamkeit, die Pike nun vor der Hinrichtung erhalte. »Niemand könnte mich jemals, jemals davon überzeugen, dass sie sich geändert hat«, zitierte die Zeitung die Frau. Selbst in Isolationshaft habe Pike Zugang zu Trost und Unterstützung gehabt, die ihrer Tochter verwehrt geblieben sei.
»Ich finde nicht, dass jemand mich töten sollte, um mir beizubringen, dass es falsch ist, jemanden zu töten«, zitierte die »New York Times« die verurteilte Pike.
