Der Zwischenfall mit dem zerbrochenen Fenster bei einer Boeing 737 NG von Ryanair ist nach Einschätzung eines Luftfahrtsachverständigen ein Einzelfall. »Eigentlich kommt so etwas sehr selten vor«, sagte Harald Hanke, emeritierter Professor für Luftfahrtelektronik und ehemaliger Pilot, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Zeugen hatten berichtet, dass am Freitagmorgen auf dem Flug von Thessaloniki nach Memmingen ein Fenster der Boeing herausgebrochen sei. Der nächst platzierte Passagier sei mit Kopf und Schultern durch die entstandene Öffnung gesogen worden und habe nur mit Mühe von anderen Passagieren zurückgehalten werden können. Die Maschine kehrte daraufhin zum Startflughafen zurück.
Ryanair bestätigte gegenüber dem SPIEGEL und der Nachrichtenagentur dpa, dass sich kurz nach dem Start ein Passagierfenster gelöst hatte. Wie es zu dem Zwischenfall kam, ist noch unklar. Die Fenster von Passagierflugzeugen bestehen aus drei verschiedenen Acrylscheiben. Sie halten extremen Druck- und Temperaturunterschieden stand.
Denkbar ist, dass es ein technisches Problem am rechten Triebwerk gab. Womöglich hat sich dort ein Teil einer Turbinenschaufel gelöst, das dann aus dem Motor herausgeschleudert worden ist und das Fenster in der Kabine beschädigt hat. Die zuständigen Behörden müssten den Fall nun gründlich untersuchen, sagte Hanke.
Boeing 737 NG von Ryanair (Symbolbild): Modell gilt als sicher und zuverlässig
Foto: Thomas Reiner / picture allianceMaschine machte schon am Donnerstag Probleme
Laut Daten der Plattform »FlightRadar24« war dasselbe Flugzeug bereits am Donnerstag bei einem Flug von Thessaloniki Richtung Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, vorzeitig zum Startflughafen zurückkehrt. Auf SPIEGEL-Anfrage machte Ryanair zunächst keine Angabe zu den Gründen.
Die Boeing 737 NG gilt als sicher und zuverlässig. Sie ist das Vorgängermodell der 737 Max, die nach zwei Abstürzen in Indonesien und Äthiopien in den Jahren 2018 und 2019 grundlegend überarbeitet werden musste.
Nach dem Vorfall verweist die Nachrichtenagentur dpa auf Sicherheitsinformationen des Luftfahrt-Bundesamts , nach denen Flugpassagiere möglichst immer angeschnallt bleiben sollten. Trotz moderner Technik komme es auf Flügen immer wieder zu heftigen Bewegungen der Maschine, verursacht etwa durch Turbulenzen, heißt es darin. Der angelegte Sicherheitsgurt solle bei unvorhergesehenen Ereignissen verhindern, dass Reisende aus den Sitzen geschleudert werden.
Dass Passagiere mit großer Kraft in Richtung und teilweise durch geplatzte Fenster gesogen werden, liegt an den Druckunterschieden zwischen dem Kabineninnenbereich und dem Außenbereich des Flugzeugs, erklärt Luftfahrtexperte Hanke.
Die Passagierkabine werde im Flug auf einem für Menschen erträglichen Luftdruck gehalten, der in großer Höhe deutlich über dem der Umgebungsluft liegt. »Wenn in der Kabine nun plötzlich ein großes Loch entsteht, gleicht sich der Druck schlagartig aus.« In der Folge werden Gegenstände oder auch nicht angeschnallte Passagiere durch die Öffnung gesaugt. »Je größer die Öffnung ist, desto schneller geschieht das.«
Mit dem Druckabfall verbunden ist das Herabfallen von Sauerstoffmasken in der Kabine, was den Zeugenaussagen zufolge auch geschehen ist. Die meisten Passagiere wurden mit einer Ersatzmaschine nach Memmingen geflogen. Der Passagier, der neben der beschädigten Scheibe gesessen haben soll, sei vom Rettungsdienst in ein Krankenhaus in Thessaloniki gebracht worden, berichtete der griechische Rundfunk ERT. Den Informationen zufolge stammt der Mann aus Serbien. Ermittlungen seien aufgenommen worden.
