Moskau, Russland
Christina Hebel, DER SPIEGEL
»Wenn ich durch Moskau gehe, sehe ich häufiger leere Läden wie hier. Hier war lange ein Geschäft, daneben ein Café und seit Monaten bewegt sich hier nichts, steht alles still. Allein in den ersten zwei Monaten des Jahres haben hier in Moskau fast 130 Cafés und Restaurants schließen müssen.«
Und Experten rechnen damit, dass es in diesem Jahr Hunderte mehr werden. Nach über vier Jahren Krieg sitzt das Geld selbst in der reichen Hauptstadt Moskau nicht mehr so locker. Erstmals musste die Regierung einräumen, dass die Wirtschaft geschrumpft ist.
In sozialen Medien werden hunderttausendfach Videos geteilt, die den täglichen Preisanstieg dokumentieren.
Christina Hebel, DER SPIEGEL
»Fast alles ist teurer geworden in Russland: Waren, Lebensmittel – und das spürt hier jeder jetzt im Land. Zwar ist die Inflation nicht mehr so hoch wie nach Kriegsbeginn. Damals lag sie offiziell bei 18 Prozent, jetzt bei etwa 6 Prozent. Trotzdem merken die Menschen in ihrem Portemonnaie, dass sich etwas verschlechtert hat.«
Diese russischen Blogger machen kurzerhand den Preisvergleich zwischen Russland und Vietnam. Ihr Fazit: In Vietnam sei alles günstiger – der Beschluss des Bloggers steht fest:
Blogger: »Jetzt kaufe ich nur noch in Vietnam ein.«
Dazu kommen steigende Steuern und Mieten – und ein Mangel an Arbeitskräften. Besonders mittlere und kleine Unternehmen leiden.
Christina Hebel, DER SPIEGEL
»Die Restaurants und Cafés, Geschäfte können die Preise nicht mehr stabil halten, weil die Kosten ebenso steigen und sie müssen sie an ihre Kunden weitergeben. Mir hat ein Barbesitzer hier erzählt, früher hat er für ein Bier aus Deutschland 400 Rubel genommen, das sind etwas mehr als vier Euro. Jetzt muss er schon mehr als fünf, sechs Euro nehmen, 550 Rubel. Weil es sich sonst für ihn nicht mehr lohnt.«
Auch wenn auf den beliebten Plätzen die Cafés und Restaurants noch gut gefüllt sind – die Folgen des Kriegs in der Ukraine sind plötzlich auch hier spürbar. Doch die Konsequenz daraus ist nicht ganz eindeutig:
Christina Hebel, DER SPIEGEL
»Der Unmut hier wird wahrscheinlich noch wachsen, doch das heißt nicht, dass hier die Menschen sehr wahrscheinlich auf die Straße gehen werden, denn sie haben viel zu viel Angst vor Repressionen. Dazu sind die Sicherheitsbehörden hier viel zu mächtig geworden seit Kriegsbeginn. Aber die Menschen werden sich flüchten, einmal in die Schattenwirtschaft. Das heißt, sie werden nur einen Teil ihrer Einnahmen angeben, den Rest in ihre Tasche stecken. Und das andere wird vermutlich so sein, dass der Sarkasmus hier noch weiter zunehmen wird. Wir sehen das selbst in kremlnahen Zeitungen, wie der Komsomolskaja Prawda, wo es hinten auf der Rückseite jeweils immer Witze gibt: Ein Sohn fragt seinen Papa, was heißt eigentlich NDS (= Mehrwertsteuererhöhung)? Und der Vater antwortet: Man muss stärker melken. Das heißt, es ist eine versteckte Kritik am Staat.«
Der Sarkasmus macht sich auch in den sozialen Netzen breit: »Kondome sind viel teurer geworden, aber sie sind immer noch billiger als ein Kind großzuziehen« – so fasst dieser Mann die Lage zusammen.
Christina Hebel, DER SPIEGEL
»Nicht alle verbinden das natürlich mit dem Krieg. Aber ich höre doch häufiger hier immer wieder die Frage jetzt in Gesprächen: Wie lange noch? Wie lange wird dieser Krieg noch dauern?