Um im globalen Technologiewettlauf nicht den Anschluss zu verlieren, plant die Bundesregierung, die Kapazitäten von Rechenzentren in Deutschland massiv auszubauen. Das Ziel ist, die Leistung von allgemeinen Rechenzentren bis zum Jahr 2030 gegenüber 2025 mindestens zu verdoppeln, sagte Digitalminister Karsten Wildberger (CDU). Die Kapazitäten für künstliche Intelligenz (KI) sollen in diesem Zeitraum sogar mindestens vervierfacht werden.
»Wenn man das im internationalen Maßstab sieht, haben wir sicherlich besonderen Aufholbedarf«, sagte Wildberger vor Journalisten. Derzeit liege die Rechenzentrumskapazität der USA bei etwa 60 Gigawatt, heißt es aus dem Ministerium. Deutschland verfüge dagegen über knapp drei Gigawatt, von denen rund 500 Megawatt auf KI entfallen. Künftig soll die Gesamtkapazität also auf mindestens sechs Gigawatt ausgebaut werden, von denen mindestens zwei Gigawatt KI-Anwendungen vorbehalten sein sollen.
Das sieht ein Strategiepapier des Digitalministeriums vor, das am Mittwoch im Kabinett beschlossen werden soll. »Damit wollen wir im Rennen bleiben, um in Europa weiterhin zu führen, aber eben auch international sehr attraktiv zu bleiben«, sagte Wildberger.
Hintergrund dieser Offensive ist der durch datenintensive KI-Anwendungen, Clouddienste und die voranschreitende Digitalisierung der Wirtschaft weltweit rasant wachsende Bedarf an Rechenleistung. Das Digitalministerium hat ein Paket aus insgesamt 28 Maßnahmen geschnürt, das Deutschland als führenden, souveränen Datenstandort in Europa etablieren soll.
Finanzielle Anreize für die Gemeinden
Um die neue Ansiedlung von Rechenzentren zu beschleunigen, rückt die Regierung die Flächenverfügbarkeit und Planungsverfahren in den Fokus. So sollen künftig bevorzugt sogenannte »Brownfield«-Flächen genutzt werden. Damit sind etwa alte Kraftwerksstandorte im rheinischen Revier oder in Lübbenau im Spreewald gemeint, die bereits über entsprechende Netzanschlüsse verfügen und zumindest teilweise erschlossen sind.
Um die Akzeptanz bei den Anwohnern vor Ort zu erhöhen, plant die Regierung einen finanziellen Anreiz: Die Gewerbesteuer soll künftig direkt dort anfallen, wo das Rechenzentrum steht, und nicht mehr am Hauptsitz des Unternehmens. Für das geplante große Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) in Lübbenau würde dies etwa bedeuten, dass die Gewerbesteuern künftig vorwiegend in Lübbenau und nicht am Standort der Konzernzentrale in Neckarsulm anfallen.
Betrieb mit erneuerbaren Energien
Eine Herausforderung für den Ausbau ist aktuell der Zugang zum Stromnetz. Die Branche konkurriert hier oft mit geplanten Batteriespeicherprojekten, die ebenfalls große Netzkapazitäten einfordern. Laut Strategiepapier sollen Netzanschlüsse künftig nach dem tatsächlichen Reifegrad der Projekte vergeben werden. Gleichzeitig soll Nachhaltigkeit beachtet werden: Rechenzentren sollen bald zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist werden.
Um die Abwärme der Server für kommunale Wärmenetze nutzbar zu machen, will sich die Bundesregierung auf EU-Ebene dafür einsetzen, die kostenlose Abgabe von Abwärme steuerfrei zu stellen.
Europäische Wege gehen
Das Strategiepapier sieht weiterhin vor, die Abhängigkeit von außereuropäischen Hyperscalern wie Amazon AWS, Google Cloud und Microsoft Azure zu verringern. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen die neuen Kapazitäten bevorzugt von deutschen und europäischen Unternehmen aufgebaut werden. Ein Leuchtturmprojekt ist die Unterstützung beim Aufbau mindestens einer kommerziellen »KI-Gigafabrik« in Deutschland, die in einem öffentlich-privaten Konsortium unter europäischer Führung realisiert werden soll.
Demnach ist geplant, innerhalb der EU insgesamt fünf solche kommerziell ausgerichteten KI-Gigafabriken zu errichten, die sich durch Aufträge aus der Wirtschaft selbst tragen sollen. Zu den Kernpunkten zählt dabei, dass in diesen Anlagen zu großen Teilen europäische Technologie verbaut und von europäischen Chipdesignern stammende Chips eingesetzt werden sollen. Über die Standorte soll EuroHPC (Gemeinsames Unternehmen für europäisches Hochleistungsrechnen) im Sommer entscheiden.

