SpOn 18.07.2026
12:26 Uhr

Rassehühner: Ein elfjähriger Züchter berichtet – »Viele denken, die Henne brütet das Ei aus«


Niklas bringt Küken zum Schlüpfen, ganz ohne Bruthenne. Hier erzählt er, wie das funktioniert und was er für sein Hobby braucht.

Rassehühner: Ein elfjähriger Züchter berichtet – »Viele denken, die Henne brütet das Ei aus«

Hühner können ordentlich Lärm machen. Wenn neben dir eine Schar Hennen ausflippt, weißt du nicht mehr, wo oben und unten ist. In einer Neubausiedlung würde das Züchten vermutlich nicht funktionieren. Aber wir leben auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein. Da stört sich niemand am Lärm, höchstens die Feldhasen.

Zum Züchten kam ich über meinen Onkel Thomas. Er ist Vorsitzender eines Rassegeflügelzuchtvereins und züchtet, seit ich denken kann. Vor ungefähr sechs Jahren beschloss ich: Ich will das auch machen. Seitdem bringt mir Thomas alles bei, was ich über Hühnerzucht wissen muss. Wir können ihn alles fragen. Wir, das sind meine kleine Schwester Ina-Lena und ich. Sie ist zehn Jahre alt und meine Zuchtpartnerin. Manchmal gehen wir uns auf die Nerven, aber die meiste Zeit verstehen wir uns prima. Im Alltag teilen wir uns die Aufgaben auf: Ich gebe den Hühnern zu trinken und sammle die Eier ein, meistens 15 bis 20 Stück pro Tag. Ina-Lena füttert die Tiere. Hühner fressen vieles: Gemüsereste, Salatblätter, Kartoffelschalen oder Äpfel. Auf Wassermelonen fahren unsere Hühner richtig ab, sogar auf die Schale. Am meisten stehen sie auf Körner. Das ist wie Schokolade für die. Meistens kriegen sie aber Pellets. Das ist spezielles Futter, in dem alle Nährstoffe sind, die ein Huhn braucht.

Auf dem Bauernhof, auf dem Niklas und seine Schwester Ina-Lena wohnen, ist viel Platz für Hühnerhaltung

Auf dem Bauernhof, auf dem Niklas und seine Schwester Ina-Lena wohnen, ist viel Platz für Hühnerhaltung

Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL

Wir haben ungefähr 150 Hühner. Alle tragen mit Buchstaben und Zahlen gekennzeichnete Ringe ums Bein, sodass man immer weiß, welches Huhn das ist. Die meisten von ihnen sind aber namenlos. So viele Namen könnten wir uns gar nicht merken. Unser Lieblingshahn heißt Gustav, aber wir nennen ihn meistens Einauge, weil er sein zweites Auge durch eine Entzündung verloren hat. Er ist sieben Jahre alt, der Älteste in der Runde. Pro Tag verbringen wir etwa eine Stunde mit der Hühnerpflege: füttern, Trinkwasser bereitstellen, ausmisten. Abends, wenn es dunkel wird, gehen die Hühner von allein in den Stall. Dort sind Stangen befestigt, auf denen die Hühner schlafen. Unter jeder Stange ist ein Kotbrett angebracht. Es fängt den Hühnerkot auf, sodass der restliche Stall sauber bleibt. Einmal pro Tag kratze ich das Kotbrett ab. Klingt eklig, ist aber nicht schlimm. Außer wenn die Hühner etwas Falsches gegessen haben und ihr Kot flüssig ist. Einmal pro Woche kontrollieren meine Schwester und ich, wie es den Hühnern geht. Das funktioniert so: Ich schnappe mir ein Huhn und gucke es von jeder Seite genau an. Ina-Lena notiert auf einem Zettel die Nummer des Huhns, ob es gesund ist oder irgendwelche Besonderheiten hat. Hühner können zum Beispiel Milben kriegen. Oder Schnupfen, dann wird ihr Kamm oft bläulich.

Hühner-Check: Niklas kontrolliert, wie es den Tieren geht. Ina-Lena notiert alles auf einem Zettel.

Hühner-Check: Niklas kontrolliert, wie es den Tieren geht. Ina-Lena notiert alles auf einem Zettel.

Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL

Hühnerhaltung ist etwas anderes als Hühnerzucht. Wer züchten will, muss erst einem Verein beitreten. Für jedes Huhn bekommt man einen Bundesring. Das ist so etwas wie der Personalausweis eines Huhns. Darauf steht, wie alt es ist und wo es herkommt. In Deutschland gibt es ungefähr 180 Hühnerrassen. Wir züchten drei davon: New Hampshire, Zwerg-New-Hamp­shire und Zwerg-Brahma in der Färbung »Gelb-Schwarzcolumbia«. Alle drei Rassen haben einen angenehmen Charakter. Zwerg-Brahmas sind ruhig, zutraulich und fliegen nicht gern. Auch New-Hampshire-Hühner sind entspannt. Allerdings sind sie dauernd auf Futtersuche. Man muss aufpassen, dass sie nicht zu viel fressen. Wenn sie zu dick werden, legen sie keine Eier mehr.

Momentan haben wir 108 Küken. Sie sind vor vier Wochen geschlüpft. Wir wissen noch nicht, wie viele Weibchen und Männchen darunter sind. Wenn sich auf dem Kopf eines Jungtiers frühzeitig ein Kamm abzeichnet, wird es ein Hahn. Um das Brüten haben wir uns allein gekümmert, ohne Erwachsene. Viele denken, die Henne brütet das Ei aus. Aber der Bruttrieb ist bei Hühnern nur in manchen Monaten ausgeprägt, und nicht alle Rassen haben Spaß am Brüten. Deshalb übernimmt unsere Brutmaschine den Job der Henne. Für das Züchten ist das praktisch. So kann man Dutzende Eier gleichzeitig und zu jeder Jahreszeit ausbrüten lassen. Die Maschine funktioniert so: Erst stellt man genau ein, wie warm und feucht es darin sein soll. Die Temperatur muss bei 37,7 Grad liegen, die Luftfeuchtigkeit anfangs bei 45 bis 55 Prozent. Dann legt man die befruchteten Eier hinein. Die Brutmaschine wärmt und wendet sie, damit die Embryonen nicht an der Eischale festkleben. Es dauert 21 Tage, bis ein Küken schlüpft. In den Tagen vor dem Schlupf muss die Luftfeuchtigkeit erhöht werden, damit die Küken beim Schlüpfen nicht an der Schale festtrocknen.

Zu beobachten, wie ein Küken schlüpft, ist super. Direkt danach fühlen sich die Küken glitschig an. Man muss gut aufpassen, sie nicht fallen zu lassen, weil sie so zerbrechlich sind. Küken können ihre Körpertemperatur noch nicht selbst regulieren. Deshalb kommen sie in den ersten Tagen unter eine Wärmelampe.

DEIN SPIEGEL

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Inzwischen sind unsere Küken einen Monat alt und noch im Stall untergebracht. In einigen Wochen dürfen sie raus. Das Küken-Gehege ist mit einem Netz überspannt, weil die Jungtiere noch nicht checken, wenn ein Raubvogel kommt. Der Habicht ist die größte Gefahr. Wenn er auftaucht, schlagen die Hähne sofort Alarm. Dann rennen alle Hühner schneller in den Stall, als du gucken kannst. Einmal haben die Hähne zu spät gewarnt. Da waren von einigen Hühnern nur noch Federn übrig. Doch eine Henne hat den Kampf mit dem Habicht aufgenommen. Sie war verletzt, aber hat überlebt. Da waren wir mächtig stolz. Wenn eines unserer Lieblingshühner stirbt, begraben wir es auf der Wiese hinter dem Haus. Trotzdem: Wer auf einem Bauernhof aufwächst, lernt früh, dass Sterben dazugehört. Einige der Hühner, die wir nicht zur Zucht brauchen, werden geschlachtet. Sonst gäbe es irgendwann zu viele Tiere auf dem Hof. Aber dabei gucken wir nicht zu, das wäre zu hart. Manche Rassehühner verkaufen wir auch, oft nach einem Wettbewerb.

Kurz nach dem Schlupf wissen Niklas und Ina-Lena noch nicht, wie viele Weibchen und Männchen unter den Küken sind

Kurz nach dem Schlupf wissen Niklas und Ina-Lena noch nicht, wie viele Weibchen und Männchen unter den Küken sind

Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL

Viele unserer Hühner haben schon Preise gewonnen. Zum Beispiel fürs Wettkrähen. Das ist ein Wettbewerb, in dem Hähne gegeneinander antreten. Eine Jury zählt per Strichliste, wer in einer Stunde am häufigsten kräht. Einer unserer Hähne hatte 108 Striche, das war ein Rekord. Aber meistens nehmen wir an Rassegeflügelschauen teil. Das sind Schönheitswettbewerbe für Hühner. Es gibt für jede Rasse einen bestimmten Zuchtstandard, wie das Huhn auszusehen hat. Gekürt wird nicht das hübscheste Huhn, sondern das Tier, das am meisten dem Standard entspricht. Die Preisrichter entscheiden nach klaren Kriterien, welches Tier wie viele Punkte bekommt: Welche Farbe hat das Gefieder, wie groß ist das Huhn, wie sieht der Kamm aus? Die Zacken des Kamms müssen in gleichmäßigem Abstand zueinander stehen. Wenn nicht, nennt man das eine M-Zacke. Für so eine Fehlstellung kriegt ein Hahn null Punkte.

Mit ihren Rassehühnern haben Niklas und Ina-Lena schon viele Preise gewonnen

Mit ihren Rassehühnern haben Niklas und Ina-Lena schon viele Preise gewonnen

Foto: Charlotte Schmitz / DEIN SPIEGEL

Die Wettbewerbe finden zwischen Oktober und Dezember in ganz Deutschland statt. Die Rassehühner, die teilnehmen, kommen schon einige Tage vor der Schau in einen Käfig vor Ort. So können sie sich eingewöhnen und sind am Tag selbst nicht nervös. Vor der Schau kriegen unsere Hühner eine spezielle Schönheitspflege: Erst wasche ich ihnen die Füße. Dann schmiere ich Öl oder Vaseline auf Füße, Kamm und Kehllappen, damit alles glänzt. Außerdem ist es wichtig, dass das Federkleid sauber ist. Zum Glück sind unsere Zuchthühner braun. Ich hätte keine Lust, ein weißes Huhn zu putzen. Manche sind so dreckig, die könnte man glatt in die Waschmaschine stecken. Würde ich bei einem Huhn aber nicht empfehlen. Für jeden Sieg kriegt man ein Ehrenband, auf dem Wettbewerbsjahr und -ort stehen, manchmal auch einen Pokal oder eine Urkunde. Ina-Lena und ich haben schon viele Bänder gewonnen. In dieser Saison ist es mein Traum, die deutsche Jugendmeisterschaft in Erfurt zu gewinnen.

Trotzdem geht es beim Hühnerzüchten nicht nur um die Preise. Das Tolle daran ist die Zeit, die man mit den Tieren verbringt. Wenn ich genervt bin oder Stress in der Schule habe, gehe ich zu den Hühnern. Es fühlt sich beruhigend an, sie zu streicheln oder einfach zu beobachten. Vor einigen Monaten haben wir angefangen, Wachteln zu züchten. Die Eier sind klein, weiß und schwarz gesprenkelt. Ich wünsche mir außerdem einen Taubenschlag, meine Schwester hätte lieber Enten. Mal sehen, welche Tiere wir als nächste züchten.

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Foto: DEIN SPIEGEL

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