SpOn 06.10.2026
14:44 Uhr

Österreichs Kanzleramt gab Alleinerziehenden Tipps gegen »Selbstmitleid« – nun ist die Broschüre offline


»Denken Sie nicht, alle Probleme wären gelöst, wenn Sie mehr Geld hätten«: Fragwürdige Ratschläge an Alleinerziehende haben im Netz für Aufregung gesorgt. Österreichs Familienministerium räumt Fehler ein.

Österreichs Kanzleramt gab Alleinerziehenden Tipps gegen »Selbstmitleid« – nun ist die Broschüre offline

Geht es um Care-Arbeit und Erziehung, so haben einige österreichische Regierungsvertreter ein Kommunikationsproblem: Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate erntet das Bundeskanzleramt in Wien harsche Kritik – dieses Mal wegen eines Elternratgebers, den es bis vor wenigen Tagen auf seiner Website zum Download anbot. In den sozialen Medien hatte dieser eine Debatte ausgelöst. Darüber berichtet die österreichische Zeitung »Der Standard«  und zitiert aus dem Ratgeber »ElternTipps Alleinerziehend«. Das 36-seitige Dokument liegt auch dem SPIEGEL vor, ist inzwischen aber offline.

Im Vorwort erläutert Claudia Bauer, Bundesministerin für Europa, Integration und Familie, das einstige Ziel des Dokuments. Es sollte Alleinerziehende »durch die verschiedenen Entwicklungsphasen Ihres Kindes begleiten« und »hilfreiche Empfehlungen für den Familienalltag« geben. Denn: »Wo Menschen füreinander sorgen, wollen wir als Staat so gut es geht unterstützen«, schreibt Bauer.

Das Gegenteil von Unterstützung prangern deutsche Influencer an – in Solidarität mit österreichischen Alleinerziehenden. Accounts verweisen dabei auf Ausführungen des Kanzleramts, die mit »Erste Hilfe bei Selbstmitleid« überschrieben sind. Darunter findet sich unter anderem folgender Ratschlag: »Denken Sie nicht, alle Probleme wären gelöst, wenn Sie mehr Geld hätten. So stehen Sie sich selbst im Weg. Erinnern Sie sich lieber daran, was Ihnen Freude macht und Sie ablenkt.«

Selbstmitleid? Finanzielle Sorgen = sich selbst im Weg stehen? Auf Social Media äußerten sich Creator erbost über dieser Passage im Dokument. So sagt etwa Jonas Rühl, der auf Instagram unter »papa.mit.tics« über seinen Familienalltag spricht, in einem Video : »Zu sagen, Geld löst nicht alle Probleme, ist so ›peak‹ privilegiert, Claudia.« Der Creator richtet sich in seinem Beitrag direkt an die Bundesministerin: »Warum gibt man nicht einen Ratgeber raus, der Vätern erklärt, dass sie ihre Verantwortung genauso zu tragen haben wie Mütter.«

Eine andere Familien-Creatorin, Stefanie Dellmann, verweist auf die »Medientipps«, die die Broschüre ebenfalls unter »Erste Hilfe bei Selbstmitleid« führt: Alleinerziehenden Vätern wird unter anderem die Serie »Shameless« empfohlen. Mütter sollten zur Ablenkung »Gilmore Girls« schauen. »Shameless, das ist die Serie über einen alkoholkranken Vater, dessen Kinder sich selbst groß ziehen. (...) Ich weiß nicht, wer diese Liste zusammengestellt hat. Vermutlich hat da jemand nur die Serientitel gegoogelt«, schreibt Dellmann .

Wie »Der Standard« berichtet, sah das Kanzleramt nach der Kritik ein, »dass die Formulierungen in der Broschüre so nicht in Ordnung sind« – so lautet demnach ein Zitat, aus einer Nachricht des Ministeriums an die Kritikerinnen und Kritiker. Die Broschüre sei am Freitag offline genommen worden, teilte das Ministerium der Redaktion demnach mit. »Inhalte und Tonalität« seien »so nicht mehr zeitgemäß«, zitiert »Der Standard«.

Die Recherche des Mediums erklärt zumindest teilweise, wie es offenbar dazu kommen konnte: Erstmals erschien die Broschüre 2016. Für 2026 seien Links und Daten aktualisiert worden – wobei sich offenbar niemand an den Tipps »bei Selbstmitleid« gestört hatte.

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Tatsächlich ist es das zweite Mal seit August, dass das österreichische Kanzleramt mit fragwürdigen Aussagen zu Familienthemen auffällt. Damals äußerte sich Kanzler Christian Stocker bei einem Bürgerdialog zur Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung.

Eine Frau hatte sich an Stocker gewandt und gesagt, Frauen arbeiteten »ohne Sonntagszuschlag, ohne Wochenende, ohne bezahlten Urlaub«. Stockers Antwort enthielt Sätze wie: »Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit«, und: »Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen.« Später entschuldigte sich Stocker für die Äußerung. Lesen Sie hier mehr dazu.

atr