SpOn 23.09.2026
17:46 Uhr

News des Tages: Sind wir auf einmal Klimastreber?


Die Regierung will bis 2045 aus fossilen Energien aussteigen. Russlands neue Kriegstaktik zielt auf die ukrainische Wirtschaft. Und der ADAC fordert die Abschaffung der Zwölf-Uhr-Regel an Tankstellen. Das ist die Lage am Mittwochabend.

News des Tages: Sind wir auf einmal Klimastreber?

1. Die Ausweitung der Kampfzone richtet sich vor allem gegen zivile Ziele

Foto:

Emile Ducke / DER SPIEGEL

In den ersten Jahren des Ukrainekriegs hat Russland häufig Kraft- und Umspannwerke attackiert, obwohl sie keineswegs zu den militärischen Zielen zählen. Nun geraten immer öfter Stahlkonzerne und Warenlager durch Raketen und Drohnen unter Beschuss. Dahinter steckt offenbar eine neue Taktik des Kreml.

»Ins Visier geraten sind praktisch alle neuralgischen Punkte der ukrainischen Wirtschaft«, berichtet mein Kollege Benjamin Bidder heute, »die für den Export so wichtigen Hafenanlagen in und um Odessa am Schwarzen Meer, Grenzübergänge zu Polen und Rumänien, aber auch große Lagerhäuser und Warenlager ukrainischer Supermarktketten.«

Während es an der Frontlinie kaum noch Geländegewinne gibt, habe sich die Kampfzone im Ukrainekrieg enorm verbreitert. Die Ukraine habe damit begonnen, Russland an wirtschaftlich verwundbaren Stellen wie Raffinerien zu treffen, aber auch der Kreml habe durch Fortschritte in der Drohnentechnik und Lücken in der ukrainischen Flugabwehr die Luftangriffe in der Ukraine massiv ausgeweitet.

»Russland hat mit der gezielten Zerstörung von Warendepots begonnen«, schreibt Benjamin. Es spreche nichts dafür, dass Russland bei den Angriffen von militärischen Erwägungen getrieben wird. »Das Ziel dürfte sein, die ukrainische Bevölkerung zu zermürben und die ukrainische Wirtschaft massiv zu schwächen.«


2. Das Kanzleramt trägt den Plan für den Ausstieg aus Kohle, Erdgas und Öl mit

Braunkohlekraftwerk in Schkopau

Braunkohlekraftwerk in Schkopau

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Mein Kollege Gerald Traufetter findet die Präsentation des Plans innenpolitisch heikel. »Dadurch tritt die Bundesregierung Forderungen auch aus den eigenen Reihen entgegen, etwa beim Bepreisen von Klimagasen Abstriche zu machen oder den Wechsel auf Elektroautos oder Wärmepumpen zu verlangsamen.« Die beteiligten Bundesministerien wie Verkehr, Wirtschaft und Finanzen hatten die Erklärung unter Federführung des Umweltressorts ausgehandelt. Inhaltlich ist das 22-seitige Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, auch mit dem Kanzleramt abgestimmt.

2024 verbrauchte Deutschland noch fossilen Brennstoff in Form von Mineralölen (36 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs), Erdgas (24 Prozent) und Kohle (5 Prozent). Bei Klimaexperten stößt das Papier, das den vollständigen Ausstieg für 2045 vorsieht, auf Zustimmung.

»Die Regierung gibt ein wichtiges Commitment vor der Weltgemeinschaft ab«, sagt mein Kollege Gerald. »Das ist ihr anzurechnen. Jetzt muss der Kanzler nur so stark sein, den Plan gegen Kritiker auch in seinen eigenen Reihen zu verteidigen. Manche in der Union glauben immer noch, Klimaschutz sei ein Killer für die Wirtschaft. Dabei ist es genau andersherum. Die Unternehmen könnten sich aus der Strukturkrise befreien, wenn sie sich für die CO₂-neutrale Zukunft aufstellen würden.«


3. Die Zwölf-Uhr-Regel an Tankstellen hat die Preise keineswegs gesenkt

Zapfhähne an der Tankstelle

Zapfhähne an der Tankstelle

Foto:

Robert Michael / dpa

Die fossilen Brennstoffe, mit denen Autos betrieben werden, sind zum Ärger vieler Menschen derzeit sehr teuer. Der ADAC hat sich nun für die Abschaffung der sogenannten Zwölf-Uhr-Regel ausgesprochen, der zufolge Tankstellen seit dem 1. April die Preise für Benzin und Diesel nur einmal am Tag erhöhen dürfen.

Die Regel habe zwar die Zahl der täglichen Preisänderungen erheblich reduziert und den Zeitpunkt der Preiserhöhung vorhersehbar gemacht, aber die Preise keinesfalls gesenkt, teilte der ADAC mit. Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung befand schon Ende April in einer Auswertung, dass die einmalige Preiserhöhung sogar zu höheren Durchschnittspreisen führe.

»Als die Zwölf-Uhr-Regel in Kraft trat, sollte sie vor allem die Schwankungen der Spritpreise begrenzen«, sagt mein Kollege Benedikt Müller-Arnold. »50 Preisänderungen am Tag, wie sie pro Tankstelle üblich waren, waren dem Staat zu viel.« Tanken sollte wieder berechenbarer werden.

Von Anfang an habe die Zwölf-Uhr-Regel aber große Schwächen gehabt. »Es gab immer das Risiko, dass die Mineralölbranche die Preise um zwölf Uhr besonders stark erhöht, damit sie in den Folgestunden einen Puffer für Preissenkungen hat«, so Benedikt. »Und die Zwölf-Uhr-Regel ändert natürlich nichts an den Kriegen und Krisen, die den Spritpreis in die Höhe getrieben haben. Insofern war die Erwartung, die Zwölf-Uhr-Regel könnte den Sprit billiger machen, von Anfang an überzogen.«


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Aserbaidschan begnadigt Franzosen nach Rücknahme von EU-Sanktionen: Brüssel hat Sanktionen gegen die russischen Oligarchen Alischer Usmanow und Michail Fridman aufgehoben. Nun reagiert Aserbaidschan und entlässt einen französischen Staatsbürger.

  • Digitale Technik macht Menschen mit körperlichen Jobs häufiger krank: Menschen ohne Bürojobs berichten bei zunehmender Digitalisierung von schlechterer Gesundheit, zeigt eine Studie. Forscher sprechen von möglichem »Technostress« – und zeigen Lösungen auf.

  • El Niño könnte zu 450.000 zusätzlichen Hitzetoten führen: Das Klimaphänomen El Niño heizt den Planeten zusätzlich auf. Für Hunderttausende dürften die Temperaturen tödlich enden. Eine Karte zeigt, welche Regionen besonders betroffen sein werden.


Meine Lieblingsgeschichte: Spektakuläre Rettung

Der Berg mit dem Namen Campanile di Val Montanaia gehört zu den Dolomiten, die Klettertour auf den Berg ist spektakulär. Es geht über steile Wände und Felskamine hinauf zum Gipfel. Meine Kollegin Miriam Khan und mein Kollege Gerhard Pfeil berichten heute von einer dramatischen Bergrettung in den Alpen, bei der im August Retter einen Bergsteiger aus einer üblen Lage befreiten. »Die Besatzung im Hubschrauber kann sehen, dass der Bergsteiger am Ende des Seils vor der stark überhängenden Wand in der Luft hängt«, heißt es in der Geschichte. »Er ist hilflos: Es ist unmöglich, von dieser Position aus wieder hinaufzuklettern.« Die Retter wissen, dass Eile geboten ist, denn es zieht ein Gewitter auf.

Am Ende einer spektakulären Aktion gelingt die Rettung. »Die meisten der Bergretter, die im Einsatz sind, sind ehrenamtliche Helfer, Frauen und Männer aus dem Dorf Claut und der Umgebung«, schreiben Miriam und Gerhard. »Man kennt sich seit vielen Jahren. Eine eingeschworene Gemeinschaft.« Einen Retter zitieren sie mit dem Satz: »Wir machen diesen Dienst aus Leidenschaft, weil wir der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen.«


Was heute weniger wichtig ist

Popstar Taylor Swift

Popstar Taylor Swift

Foto: Evan Agostini / AP

Fans im Wartezimmer: Taylor Swift, 36, US-amerikanische Popkünstlerin, hat eine neue Single angekündigt. Das Werk soll am Freitag erscheinen, kurz vor der Vergabe der MTV Video Music Awards (VMAs) am kommenden Sonntag. Auf Instagram gab der Popstar den Titel des Songs bekannt, dort schrieb Swift: »Ich habe es kaum erwarten können, euch zu sagen, dass meine brandneue Single ›Patient Zero‹ am 25. September (!!!!!!!!!!!) erscheinen wird.«


Mini-Hohlspiegel

Von orf.at

Von orf.at


Und heute Abend?

Foto:

Xiomara Bender / ZDF

Könnten Sie sich zur Entspannung einen »Havelland«-Krimi mit Dennenesch Zoudé und Jens Atzorn in der ZDF-Mediathek ansehen. Meine Kollegin Laura Backes findet die Reihe »echt okay und nicht peinlich«. Über das Havelland und dessen schöne Landschaften lerne man allerdings nicht besonders viel in der Krimifolge, die sich Laura angesehen hat. Dafür eine Menge über Strafrecht: »Immer wieder philosophieren die Hauptfiguren über die Unterschiede zwischen Rechtsfrieden, Rechthaben und Gerechtigkeit.« (Hier die ganze Rezension .)

Einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort