1. Hohe Spritpreise zeigen Wirkung
Elektroautos von BYD im Hafen von Wilhelmshaven
Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpaDeutschland erlebt einen Elektroautoboom. Im September wurden rund 88.000 E-Autos neu zugelassen. Damit stieg der Absatz um 95 Prozent und erreichte im vergangenen Monat einen Marktanteil von rund 34 Prozent. Dass die Verbrenner-Zulassungen einbrechen, ist angesichts der hohen Spritpreise nicht wirklich überraschend – ich freue mich trotzdem. Für den Planeten, aber ein bisschen auch für mich.
Als Steuerzahlerin mit E-Auto hat es mich empört, der Mehrheit der Spritfresser in diesem Land einen zweiten Tankrabatt spendieren zu müssen. Ist nicht jeder, der noch mit Diesel oder Benzin fährt, selbst schuld, wenn ihm die Anzeigetafeln an den Tankstellen Tränen in die Augen treiben? Laut den heute veröffentlichten Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts setzt offenbar endlich ein Umdenken ein.
Klar, E-Autos sind nicht billig. Werden aber immer billiger. Bitte schreiben Sie mir erst dann einen empörten Leserbrief, nachdem Sie den Text des Kollegen Arvid Haitsch aus dem SPIEGEL Mobilitätsteam gelesen haben: »So leasen Sie ein E-Auto für unter 100 Euro im Monat« (hier geht es zum Artikel ).
Außerdem gibt es auch eine Kaufprämie der Bundesregierung. Sie ist bisher an 100.000 Antragsteller ausgezahlt worden (hier mehr dazu). Deutsche Hersteller profitierten von dem Boom allerdings kaum. Der E-Auto-Aufschwung im September wurde stark von Tesla und chinesischen Herstellern getragen. Dagegen wurden weniger Autos der Marken VW und BMW angemeldet, Mercedes und Opel verzeichneten nur leichte Steigerungen.
2. Von der Wohnungsnot in die Regierungskrise
Ministerpräsident Sánchez
Foto: Pablo Cuadra / Getty ImagesDer Mangel an bezahlbaren Wohnungen ist seit Jahren eines der drängendsten sozialen Probleme – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien. Regierungschef Pedro Sánchez war zuletzt mit zwei Dekreten gegen Wohnungsnot im Parlament gescheitert. Nun hat er Neuwahlen angekündigt. Die Spanierinnen und Spanier sollen am 29. November eine neue Regierung wählen.
Das alles wegen der herzzerreißenden Bilder einer Seniorin, die von der Polizei aus ihrer Wohnung im Zentrum von Madrid getragen wurde als Folge einer Zwangsräumung? Mit Massenprotesten als Folge? (Hier mehr dazu ).
Nicht ganz. Die Ankündigung von Neuwahlen in Spanien hat wohl vor allem machtpolitische Gründe. Der Linke Sánchez stand einer Minderheitsregierung vor und war abhängig unter anderem von den Stimmen des katalanischen Separatisten Carles Puigdemont. »Dieses Zweckbündnis ist nun auseinandergebrochen«, analysiert Steffen Lüdke, der Spanien-Reporter des SPIEGEL. »Puigdemont hat die Amnestie bekommen, die er immer wollte. Nun lässt er Sánchez fallen.«
Außerdem kalkuliert auch Sánchez knallhart: Er will die Chance nutzen, die sich ihm bietet – und die Wahl zum Plebiszit über die Wohnungspolitik machen. »In den Umfragen liegen die Sozialisten weit hinten. Aber wenn sie eine Chance haben, dann jetzt, angesichts der Proteste und der Wut im Land«, so Steffen.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Letzte Chance für Sánchez
3. Zwei deutsche Nobelpreisgewinner? Am lautesten jubelt ein anderer!
Medizin-Nobelpreisträger Karl Deisseroth, Peter Hegemann, Georg Nagel
Foto:Niklas Elmehed / Nobel Prize Outreach
Die Julius-Maximilians-Universität Würzburg erlebt dieser Tage ein Wechselbad der Gefühle. Vor wenigen Tagen herrschte noch Trübsal, weil die Bildungseinrichtung knapp nicht in den Rang einer Exzellenzuniversität berufen worden war (hier ein Überblick). Nun wird einer ihrer emeritierten Professoren mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet: Georg Nagel, 72, ist Experte für Molekulare Pflanzenphysiologie. Er erhält den wohl renommiertesten Wissenschaftspreis der Welt gemeinsam mit Peter Hegemann von der Humboldt-Universität in Berlin und dem US-Amerikaner Karl Deisseroth, der an der Stanford University forscht.
Hegemann und Nagel entdeckten ein besonderes Protein, das Zellen empfindlich für Licht macht. Deisseroth setzte das Gen für dieses Protein in Neuronen von Ratten ein. Dadurch konnte er diese Nervenzellen mit Licht aktivieren. Auf ihren Entdeckungen basiert die sogenannte Optogenetik. Forschende können so Zellen – meist Neuronen – mithilfe von Licht präzise an- oder abschalten (lesen Sie hier mehr darüber ).
2021 sprach Karl Deisseroth mit dem SPIEGEL über die von ihm mitentwickelte Methode und das unheimliche Ziel der Forscher: Emotionen wie Angst und Trauer beherrschen (hier mehr dazu ). In Bayern jedenfalls herrscht Euphorie.
Der Würzburger Nobelpreis-Professor hatte sich selbst noch gar nicht zu Wort gemeldet, da jubelte Ministerpräsident Markus Söder bereits: »Was für eine Ehre!«, Bayern freue sich über »Spitzenforschung in Weiß-Blau«.
Lesen Sie hier über die Preisträger: Nobelpreis für Medizin geht an zwei Deutsche und einen US-Amerikaner
Was heute sonst noch wichtig ist
Riesiger unterirdischer Süßwasser-»See« bei Venedig entdeckt: Unter der Küste bei Venedig haben Forschende ein Süßwasservorkommen auf einer Fläche so groß wie der Gardasee entdeckt. Ob es den Wassermangel der Region lindern kann, ist noch offen.
Handel fürchtet um das Weihnachtsgeschäft: Verbraucher rechnen laut einer Umfrage mit steigenden Preisen, der Handel sieht zum Jahresende keine Konsumstimmung aufkommen. Auch in der Industrie gibt es Dämpfer.
BND-Chef warnt vor Gefahr eines »gewaltsamen Konflikts mit Russland«: Die Konfrontation mit Russland hat nach Einschätzung von BND-Chef Martin Jäger eine »neue, gefährlichere Qualität« erreicht. Deutschland muss demnach mit weiteren Einschüchterungsversuchen rechnen.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Jost Schowe / DER SPIEGEL
Sie haben dank der Landarztquote studiert, jetzt klagen sie dagegen: Für einen Medizinstudienplatz hatten sie sich verpflichtet, nach dem Abschluss als Landarzt zu arbeiten. Das wollten sie immer noch, sagen zwei Studierende – aber nicht zu diesen Bedingungen. Jetzt klagen sie, wie 29 andere .
Was heute weniger wichtig ist
Bundeskanzler Friedrich Merz mit jungen und etwas älteren Menschen im Saarland
Foto:chris.emil-janssen.de / Chris Emil Janßen / IMAGO
Sympathiepunkte für den Kanzler: Friedrich Merz war offenbar kein guter Schüler. Bekannt ist, dass der Kanzler einmal sitzen blieb und nach Disziplinproblemen die Schule wechselte. Mit 19 erlangte er die allgemeine Hochschulreife. Mit einem Notenschnitt von 3,8 soll er das Abitur gerade noch so bestanden haben. Warum er damit nicht offensiv umgeht und in Interviews stattdessen lieber das Thema wechselt? Bei mir jedenfalls würde er mit einem Outing als Problemschüler Sympathiepunkte sammeln. Heute hätte er bei einem Besuch an seiner alten Schule, dem Friedrich-Spee-Gymnasium in Rüthen im Sauerland, Gelegenheit gehabt, selbstkritisch auf seine Schülerkarriere zurückzublicken. Ob er sie genutzt hat? Der Termin war leider nicht presseöffentlich. Das Motto lautete: »Ehemalige erzählen«.
Mini-Hohlspiegel
Beschriftung eines Behälters für Streusand in einer Straßenbahn in Düsseldorf
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Auch Barack Obama hat jetzt einen Literatur-Podcast. »Wie lange wollen wir noch über Bücher reden, bevor wir anfangen, sie zu lesen?«, fragt SPIEGEL-Kulturredakteur Xaver von Cranach sehr zu Recht (lesen Sie hier ). Er sorgt sich, dass Lesen eines Tages nur noch ein »subventioniertes Kulturgut sein« könne, »etwas, zu dem eben inspiriert werden muss, das gefördert und belohnt werden muss? In Singapur bezahlt einen die Regierung jetzt dafür, wenn man 15 Minuten am Tag liest.«
Das klingt sehr dystopisch. Ich gelobe hiermit feierlich: Heute Abend lese ich vor dem Schlafengehen mindestens eine Viertelstunde – ohne Blattrabatt oder Romanprämie vom Staat. Auf meinem Nachttisch liegt derzeit das neue Buch unserer SPIEGEL-Kolumnistin Alexandra Zykunov. Der Titel: »Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder? Bekenntnisse einer feministischen Mutter.« (Dieses Buch und andere Buchempfehlungen finden Sie auch in unserem SPIEGEL-Shop.)
Obama empfiehlt in seiner ersten Podcast-Folge »Gilead« von Marilynne Robinson.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Anna Clauß, Autorin der Chefredaktion
